Jürgen Kuhlmann: "Ihr seid gestorben, euer Leben ist bei Christus in Gott."

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

"Ihr seid gestorben, euer Leben ist bei Christus in Gott."

Gedanken am Ostersonntag


Ich stelle mir vor, wie die Gemeinde von Kolossae beisammen sitzt, um den neuen Apostelbrief anzuhören. Bestimmt hat sie die folgenden Sätze gehört; denn an dieser Stelle findet sich im griechischen Original keinerlei Unsicherheit, alle Handschriften bieten exakt den gleichen Text. Somit ist den Christen damals dasselbe Rätsel begegnet wie uns heute. Was hören wir? "Ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott" (3,3).

"Gestorben seid ihr." Es sitzen da Alte und Junge, sie atmen, freuen sich vielleicht auf die nächste Mahlzeit, und plötzlich diese Botschaft: ihr seid tot. Was denkt ein quicklebendiger Mensch, der solches vernimmt? Mag sein, mancher dachte an den Tag seiner Taufe zurück: wie er untergetaucht wurde zum Zeichen dafür, daß der sündige Mensch stirbt und der erlöste auftaucht, um hinfort als Glied des Leibes Christi zu leben. Ein tiefes Symbol, wir kennen es nicht mehr; die Kindertaufe mag Vorzüge haben, eindrucksvoller war der urchristliche Ritus. Entscheidend ist freilich nicht die liturgische, sondern die Glaubens-Frage: In welchem wahren Sinn sind auch wir hier - schon tot?

Da ist zunächst eines klar: je älter ein Mensch ist, um so mehr von ihm ist bereits verstorben. Greis und Witwe stehen, im Winter des Lebens, an den offenen Gräbern ihrer Jugend und fragen sich mit Walther von der Vogelweide verwundert: "O weh, wo sind verschwunden alle meine Jahr? Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr"? Noch schärfer würgt uns das Sterben, nicht nur das Gewesene unterliegt ihm. Auch beim Denken an die Zukunft will uns mitunter eine tiefe Enttäuschung packen, weil doch nichts Haltbareres zu erwarten ist als was wir schon kennen, und das war ja nur eine Handvoll oder auch zwei Fäuste voller Haschen nach Wind. Wenn jemand das begreift, dann geschieht eine Art von Tod in seinem Herzen, der tut so weh, daß viele dieser Einsicht ausweichen und sich ins Vergnügen oder in allerlei Pläne stürzen. Das hilft aber nicht, den tief innen nagenden Wurm halten sie nicht auf. Nicht nur unser bisheriges Leben ist schon gestorben, auch was noch kommen mag, ist ebenso vergänglich und im Grunde schon vorbei. Ja, es stimmt: "Ihr seid gestorben."

Aber, o Freude, der Satz ist nicht zu Ende! "Und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott." So jubelt die Osterfanfare. Nichts Schönes ist vorbei, denn die Zeit ist nicht alles. Der Schöpfer hat sie erfunden, damit wir Geschöpfe in der Zeit werden, um DANN ewig bei Ihm zu sein. Nur in der Zeit gilt die Abfolge von Werden und Vergehen; "denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht" - Mephisto weiß Bescheid über das Grundgesetz dieser Welt, deren Fürst er ist (Joh 12,31;14,30). Es vergiftet aber bloß die Schale der Nuß, ihren Kern hat Gott an Ostern machtvoll enthüllt, als Er den toten Jesus zu Neuem Leben erweckte. Und zwar den ganzen toten Jesus, nicht nur das, was er zuletzt gewesen war, den Geschundenen am Galgen des Kreuzes.

Wir sollten endlich zur Kenntnis nehmen und verstehen, was die Bibelwissenschaft längst herausgebracht hat. In theologischen Hörsälen und Büchern ist es eine unbestrittene Selbstverständlichkeit: Das ganze Neue Testament stammt aus dem Osterglauben. Was die Evangelien vom Leben Jesu berichten, ist keine Reportage. Wäre in der Heiligen Nacht bei den Hirten ein Aufnahmeteam von Radio Bethlehem gewesen, dann hätte es keinen Engelsgesang auf sein Tonband bekommen; auf dem Berg der Verklärung könnte keine Videokamera so lichtstark gewesen sein, daß sie festgehalten hätte, was wir lesen: "Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht" (Mt 17,2). Trotzdem verkünden die biblischen Berichte die lautere Wahrheit, freilich nicht die buchstäbliche Richtigkeit dessen, was beim Werden in der Zeit geschah, sondern kunstvoll-symbolische Variationen über das unbegreifliche Ziel des Werdens, Jesu Christi Ewiges Sein.

Das kommt freilich - vor solchem Mißverständnis müssen wir uns hüten - nicht irgendwann nach der irdischen Zeit in einer vorgestellten anderen, himmlischen Zeit. Nein: In jedem Augenblick, da Gottes Sohn durch die Zeit schreitet, hat seine unsterbliche Lebensenergie eben diesen Augenblick sofort von der Tyrannei der Vergänglichkeit erlöst. Mehr noch: Christi Sieg über den Tod hat rückwirkend alle schon abgelaufenen Jahrmillionen ergriffen bis zum Beginn der Schöpfung; das ist der Sinn jener stolzen Worte vorher im Kolosserbrief: "Er ist ... der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, denn in Ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden" (1,16). Von Anfang an gilt der Ostersieg, auch vom Anfang deines und meines Menschenlebens an, und bis zu seinem Ende und bis zum Ende des Planeten Erde und jedes anderen Planeten im Universum, der geistiges Leben trägt: "Ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit." Ja, nach dem Werden, Moment für Moment, wartet auf uns das klare Sein, die unzerstörbare Einheit aller Momente.

Wir dürfen uns das ähnlich vorstellen, wie wenn Musiker eine Symphonie vorbereiten. Zuerst probt jeder für sich in seiner Kammer. So sind wir während der Zeit ins je eigene Sonderbewußtsein gesperrt. Und wenn jeder seinen Part durchgespielt hat, was dann? Kommt nach der letzten Note noch eine? Nein. Oder ein anderes Stück? Nein. Insofern dürfen wir den Ungläubigen sogar recht geben: "Es kommt nichts nachher" (Bert Brecht). Kein Etwas kommt nachher, in diesem Sinne also: nichts. Anderseits aber nicht nichts, sondern: Alles. Die letzte Note verklingt, der Flötenspielerin schwinden die Sinne. Und dann ist sie wach. Sie steht mitten im Rauschen der allergewaltigsten Symphonie vor ihrem Pult, aufgeschlagen liegen die wohlbekannten Noten ihres einzigen Lebensliedes da, sie setzt ihr Instrument an - und sieht plötzlich SEINEN Blick. er gibt ihr den Einsatz, und beseligt erlebt sie zum ersten Mal, wie ihre Melodie im Ganzen klingt. Dankbar ist sie für jede Stelle, die sie ordentlich geprobt hat, traurig bei allen Patzern. Nein, die Hoffnung auf DANN lenkt vom Jetzt nicht ab.

Haben wir nicht manches Mal, zusammen mit einem oder einer, die jetzt tot sind, besondere Stunden erlebt, die einen seltsam himmlischen Geschmack an sich hatten? Bei mir gehören sie noch zur Vergangenheit, bei meinen Lieben blitzen sie schon im Glanz des göttlichen JETZT. Wir waren aber doch beisammen, es war ja ein Leben! Somit bin auch ich, der ich damals war, schon im Himmel? Offenbar. Ist die Erinnerung deshalb so geheimnisvoll süß?

Ja, wir sind schon im Himmel. Glauben wir das? Gott gebe es. Wenn wir es glauben und in dem Maße, wie wir es glauben, können wir dann auch die folgenden Sätze des Briefes recht auffassen, nicht als eine Moralpredigt, als leere Worte aus dürrem Mund in lecke Herzen, sondern wie wenn bei einem Fest der ungebärdige Sekt in die Gläser schäumt: "Belügt einander nicht; denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Taten abgelegt und seid zu einem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild seines Schöpfers erneuert wird ... Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander ... Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi, dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes." Kurz: Laßt euch vom Auferstandenen an die Hand nehmen, Er will euch von Tod und Angst erlösen, und laßt dann auch ihr eure Mitmenschen die immer neue Hoffnung, die in euch ist, verspüren.

Andere Oster-Predigten


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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