Jürgen Kuhlmann: Warum sich das doch feiern lässt

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Warum sich das doch feiern lässt

Gedanken am Fest Kreuzerhöhung


"Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen" (Phil 2,6f).

Kreuzerhöhung - soll das ein Fest sein? Das Folterwerkzeug, an dem der gütigste und freieste Mensch stundenlang unter grässlichen Schmerzen bis zuletzt festgenagelt war, bewegungslos, keine Bremse konnte er verscheuchen, kann man das feiern?

Und als dreihundert Jahre später das Kreuz politisch erhöht wurde, allmählich zum Symbol einer neuen gewaltsamen Weltherrschaft wurde? Die Freude der Christen zur Zeit Konstantins, als sie aus ihren Verstecken endlich nicht mehr zu den Arena-Löwen sondern frei ins Licht der Öffentlichkeit kamen, die fühlen wir mit. Aber wir wissen, wie es weiterging. Hocherhoben wurde Jesu Kreuzbild den Prozessionen vorangetragen, mit denen rückfällige Juden und andere Ketzer feierlich zum Scheiterhaufen geleitet wurden - dabei anwesend zu sein war in Madrid zeitweise Dienstpflicht des ausländischen Gesandtschaftspersonals.

Theodor Storm fand das Kreuz nicht feierwürdig:

Kruzifixus

Am Kreuz hing sein gequält Gebeine,
mit Blut besudelt und geschmäht;
dann hat die stets jungfräulich reine
Natur das Schreckensbild verweht.

Doch die sich seine Jünger nannten,
die formten es in Erz und Stein,
und stellten's in des Tempels Düster
und in die lichte Flur hinein.

So, jedem reinen Aug' ein Schauder,
ragt es hinein in unsre Zeit;
verewigend den alten Frevel,
ein Bild der Unversöhnlichkeit.

Ebenso fühlen Eltern und Lehrer, die sich dagegen wehren, dass die ihnen anvertrauten Kinder an der Schulwand immer dieses Schreckensbild sehen müssen. Allerdings mag es manchen gepeinigten Schüler auch solidarisch getröstet haben, wahr scheint mir allein diese Spannung.

Trotz der Finsternisse, die wir beim Wort "Kreuzerhöhung" nicht verdrängen sollen, fragen wir dennoch: Was bedeutet das Fest - nicht nach außen, als Banner der erst verfolgten, dann siegreichen und jetzt mehr und mehr zurückgedrängten Christenheit, vielmehr nach innen für die glaubende Gemeinde dessen, der am Kreuz gestorben und dabei, als dieser sich gewaltlos Hingebende, von Gott zu Gott erhöht worden ist? So verkündet Paulus es in der Lesung zu einer Zeit, als an weltliche Kirchenmacht niemand denken konnte. Und so stimmt es, nachdem die immer gründlicher vorbei ist, auch für uns wie unsere Enkel.

Wenn der Glaube die Kreuzerhöhung feiert, freuen wir uns einfach darüber, dass der dumme Wettstreit niedrig/hoch, so unvermeidlich er in der Realität bleibt, genau besehen nicht mehr wirklich gilt. Weil der Höchste total erniedrigt und ganz unten mit unvorstellbarer Herrlichkeit ausgestattet worden ist, deshalb liegt nichts daran, von welcher Schein-Höhe aus ein christliches Herz seinen Erlöser in die äußerste Nichtigkeit begleitet und aus ihr mit ihm aufersteht. Ob reichste Orgel, hellste Trompete oder winziges Triangel (das aber vielleicht den eingenickten Trompeter gerade noch rechtzeitig aufweckt!), alle müssen wir erst verstummen, ehe unsere Töne das himmlische Osterkonzert mit bilden können. Diesen dramatischen Rhythmus eines jeden Menschenlebens - keineswegs nur des christlichen - feiert die Kirche heute mit Recht, mit um so mehr Recht, je entschiedener wir triumphalistische Misstöne aus der Festmusik verbannen.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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