Jürgen Kuhlmann: Lebensspannung von Gesetz und Glaube

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Lebensspannung von Gesetz und Glaube

Gedanken am neunten Sonntag im Jahreskreis


"Seht, heute werde ich euch den Segen und den Fluch vorlegen: den Segen, weil ihr auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, auf die ich euch heute verpflichte, hört, und den Fluch für den Fall, daß ihr nicht auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, hört, sondern von dem Weg abweicht, den ich euch heute vorschreibe, und anderen Göttern nachfolgt, die ihr früher nicht gekannt habt" (Dtn 11,26-28).

"Wir sind der Überzeugung, daß der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes" (Röm 3,28).

Mutig lässt die Liturgie heute die Gegensätze aneinanderstoßen. Erst teilt Moses im Namen Gottes Segen oder Fluch aus, je nachdem ob jemand den Geboten folgt, und dann macht Paulus klar, dass es auf die Werke des Gesetzes gar nicht ankommt, nur auf den Glauben. Was sollen wir denken? Schon Paulus selbst stellt gleich darauf (V. 31) den Gegensatz hart hin: "Tun wir also das Gesetz durch den Glauben ab? Keineswegs! Vielmehr: Wir richten das Gesetz auf."

Die Erklärung überlässt Paulus dem in der lesenden Seele wirksamen Heiligen Geist. In dessen Vollmacht hat es uns vor mehr als einem halben Jahrhundert - am 23. Mai 1958 im Germanikum - unser "Spiritual" Wilhelm Klein SJ so erklärt:

"In der Gemeinschaft der Menschen, in der wir stehen, sind Gesetze Strukturen, die uns halten. Das Entscheidende ist, dass der Mensch sich in ihnen nicht durch sich selbst hält, sondern betend, durch Christus, nicht stolz, sondern demütig, glaubend, liebend.

Wir richten das Gesetz auf. Wieviele Imperative im geistlichen Leben. Wieviele: du sollst, das musst du, das darfst du nicht. Und gleichzeitig: das musst du tun. Aber du kannst dich anstrengen, soviel du willst: du bringst es gar nicht fertig, es geht einfach nicht. Du siehst ganz gut: das darf man nicht, den Mitmenschen betrügen, verleumden, schädigen, sich selbst, seinen Leib nicht schänden durch unerlaubte Lust, in Eßgier, Geschlechtsgier, Ehrgier usw.

Also mit einem Kodex voller "du musst, du darfst das nicht, du bist dazu verpflichtet" schleppen wir uns durchs Leben und merken: legem statuimus. Auch der in Christus befreite Mensch steht unter tausendfachem Gesetz, und manchmal schwerem. ...

"Tun wir also das Gesetz durch den Glauben ab? Keineswegs! Vielmehr: Wir richten das Gesetz auf." Diesen letzten Satz des 3. Kapitels im Römerbrief müssen wir uns gut merken für unser christliches Leben, für unser geistliches Leben. Legem destruimus per fidem: absit; legem statuimus.

Für Menschen, die unbedingt in ständiger Abstraktion von der Wirklichkeit leben wollen und die das Leben nur als mathematische Gleichung ansehen wollen, mit einer oder mehreren Unbekannten meinetwegen, aber doch letztlich als Gleichung, die irgendwie im Beweisen aufgehen muss, ist die Hl. Schrift mit einer solchen Dialektik, wie sie das mit ihrem Ausdruck nennen, den auch Paulus im 1. Kapitel zitierte [V. 21: dialogismois], eine Qual.

Sie benützen sie deswegen auch nur wie eine Logarithmentafel oder wie eine Grammatik usw. Für einen Menschen dieser Haltung ergibt sich aus der Hl. Schrift auf der einen Seite: die Hl. Schrift hebt das Gesetz, das sie selbst im AT aufstellt, im NT auf und auch das Gesetz, das sie im NT aufstellt, desgleichen.

In diesem Widerspruch geht es hin und her, im AT zwischen Synagoge und Propheten, und im NT zwischen Gesetz und Christus. Hin und her: denn einmal wird gesagt: das Ende des Gesetzes ist Christus - und dann werden wieder Gesetze gemacht. Es wird gesagt: das Gesetz ist tot, ist abgeschafft, ist nur Sündennachweis, und dann wird wieder Gesetz gemacht. Wieviel Imperative stehen in der hl. Schrift, und nicht nur im AT, sondern genau so im NT. Die Thora ist abgeschafft, und siehe da, der CIC. Die Cathedra Moysis ist umgestürzt, und siehe da die Cathedra Petri. Es gibt keine scribae et pharisaei mehr und kein Synedrium, Hohen Rat usw., und siehe da die lange Reihe der Schriftgelehrten und Kanonisten und Tribunale und Behörden usw. Ist das nicht Dialektik? Legem destruimus, legem statuimus. ... Es wäre für einen Christen more geometrico zum Verzweifeln, und wer Christ sein will more geometrico, der weiß sich da einfach nicht mehr ein noch aus. ... Hunderte von Gesetzen umringen uns von morgens bis abends: dass wir aufstehen, ist Gesetz, und dass wir Schlafen gehen, ist Gesetz. dass wir hier sitzen, ist Gesetz, und mancher zerquält sich mit der Frage, ob es auch Gesetz ist, aufzupassen. ... In der Linie des Gesetzes ist kein wesentlicher Unterschied zwischen einem Sklaven und einem Freiherrn, zwischen einem Arbeiter und einem Industriebaron, zwischen dem Papst und seinem Kammerdiener. ...

*

Diesen Gefallenen mit seinen Millionen Gesetzen richtet Christus auf. Richtet ihn auf. Er vernichtet ihn nicht. Er vernichtet wohl seine christusfeindliche angemaßte Gesetztheit, die vernichtet er. Legem destruimus, aber das ist ja nur sein angemaßtes Gesetztsein. Sein wirkliches stellt Christus her. Er stellt den Gefallenen auf die Beine.

Legem statuimus. Dies aber ist jetzt der Weg der Erlösung, der Buße, der Sühne, und dazu bleibt dem Menschen der Weg durch die Zeit seiner Geschichte. Der gefallene Mensch, der sich durch Christus aufrichten lässt, spürt wohl bis zum Tod den Druck seiner sündigen Natur und ihrer Gesetze, aber es ist ein süßes Joch, eine leichte Last. Äußerlich bleibt der Charakter des Gesetzes des Todes, bis das Sterben zu Ende ist. [Pater Klein zählte damals 69 Jahre. Gestorben ist er mit 106.] Aber innerlich ist der von Christus ergriffene Mensch in der Taufe frei. Bleibt der Ausdruck Gesetz, ist der Vollzug gläubige Liebe, ohne Druck, ohne Zwang, ohne Angst - wir richten das Gesetz auf. Wir kriechen nicht am Boden, sondern stehen in Christus. Durch Christus ist die durch die Sünde gekommene Problematik des Gesetzes gelöst und erlöst.

Der wirklich gläubige und liebende Christ vergeht nicht in ängstlicher Problematik mit seinen Regeln und Gesetzen und Imperativen und reibt sich als gläubig froh Gewordener nicht wund an den Vorschriften des Gesetzes. Er schaut auf seinen Erlöser und erbittet sich von ihm die Kraft ... nicht gebückt unter ein quälendes Joch, sondern frei aufgerichtet wirkt er in der Entfaltung seiner Natur mit ihren Gesetzen und den in der positiven Ordnung hinzukommenden Gesetzen am Werk der Erlösung seinen Anteil mit, als Corredemptor [Miterlöser], ich erfülle, was am Leiden Christi fehlt für seinen Leib, die Kirche, in der allumfassenden Corredemptrix [Miterlöserin] Maria."


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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