Jürgen Kuhlmann: Ein Papstwort: "Gott ist Mutter!"

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Ein Papstwort:
"Gott ist Mutter!"

Gedanken am achten Sonntag im Jahreskreis


I.

Heute erinnert die erste Lesung mich an ein geistliches Erlebnis vor 35 Jahren, das längstgewohnte Selbstverständlichkeiten umstürzte, seither zusehends heller leuchtet und der Kirche auf der einen Erde eine besser als bisher gelingende Balance verheißt.

Die Gleichberechtigung tut sich immer noch schwer. Helles Gelächter erfüllt das Kino, wenn im indischen Film "Monsun-Hochzeit" ein kleines Mädchen dem Onkel eine Zeitschrift hinhält und fragt: Was heißt Matriarchat? Der Onkel liest, schüttelt den Kopf und erklärt: Das ist ein Druckfehler. Es muss Patriarchat heißen. So denkt "man" auch in der Kirche. Vor mir liegt ein Buch aus dem Herder-Verlag mit Imprimatur vom 2. November 1978 über Papst Johannes Paul I. Ein Schnellschuss, der liebenswürdige Albino Luciani war gerade einen Monat tot. Trotzdem hat man - allzu - sorgfältig gearbeitet. Vom 10. September wird die kurze Sonntagsansprache abgedruckt, die der Papst von hoch über dem Petersplatz an die dort Versammelten hielt. Es ging um das Treffen der Politiker Carter, Sadat und Begin in Camp David: "Premierminister Begin erinnert daran, dass das jüdische Volk einst schwere Zeiten erlebte und sich klagend an den Herrn wandte: Du hast uns verlassen, hast uns vergessen.' - 'Nein', antwortete Gott durch den Propheten Jesaja, 'kann denn eine Mutter ihr eigenes Kind vergessen? Aber selbst wenn das geschehen könnte, Gott wird sein Volk niemals vergessen.'"

Damit schließt der Abschnitt in dem frommen Buch. Der Papst hat damals aber noch mehr gesagt. Ich stand dort. Es ist Sonntag, der 10. September 1978. Auf dem Petersplatz warten Tausende. Pilger, Römer, Touristen, alle schauen wir hinauf zum obersten Stock des Papstpalastes. Kurz nach 12 Uhr tritt Johannes Paul I. ans Fenster. Er spricht von den Verhandlungen in Camp David, zeigt sich bewegt darüber, dass die drei Staatsmänner ihre Hoffnung auf Gott ausgedrückt haben. So erinnerte Premier Begin an das Jesaja-Wort: Kann vielleicht eine Mama das eigene Kind vergessen? Wörtlich fährt der Patriarch des Abendlandes dann fort: "Auch wir hier haben dieselben Gefühle. Für Gott sind wir Gegenstand einer unüberwindlichen Liebe. Wir wissen: Gott hat die Augen immer offen über uns, auch wenn es scheinbar Nacht ist. GOTT ist Papa, mehr noch, IST MUTTER, will uns nichts Schlechtes tun, will uns nur Gutes tun, uns allen. Wenn Kinder vielleicht krank sind, haben sie noch mehr Anspruch, von der Mutter geliebt zu werden. Und auch wir, wenn wir vielleicht an Schlechtigkeit erkrankt und auf Abwege geraten sind, haben noch mehr Anspruch, vom Herrn geliebt zu sein.''

"Gott ist Mutter", dieser Papstsatz musste sofort wegzitiert werden. Das darf ein Papst nicht gesagt haben. Er hat es aber gesagt, öffentlich, vor Tausenden, und wenn man von seinem so kurzen Pontifikat einmal alles vergessen hat, wird dieser Satz noch leuchten.

II.

Er ist doppelt wahr. Zum einen brauchen wir Bilder, um vom Großen Geheimnis überhaupt sprechen zu können. Das Gebot "du sollst dir kein Bild machen" bedeutet: Du sollst dir nicht ein Bild machen, das dann - zur einzigen Wahrheit verfestigt - zum Götzenbild zu werden droht. Deshalb gehört das überkommene Vaterbild durch die Muttergestalt ergänzt. So verstanden, bedeutet der Gegensatz Mann/Frau aber nichts Göttliches, gehört nur den bedeutenden Bildern an, nicht der bedeuteten Wirklichkeit.

Anders bei der Personen-Beziehung des Vaters und seiner Heiligen Geist-Liebe. Dies ist eine in Gott selbst wirkliche Polarität, lehrt unser Glaube. Mann und Frau sind Gottes Bild, und zwar gerade auch in ihrem Zueinander. In diesem Sinn ist also "Göttin" ein gültiger Bestandteil der christlichen Sprache. Ich fürchte: Solange die Machthaber der Christenheit dem nicht zustimmen, bleibt der Heilige Geist jener vielbeklagte "Unbekannte Gott".

Im Weltkatechismus der katholischen Kirche wird (694) der Heilige Geist, die innergöttliche Liebe, "in Person das lebendige Wasser" genannt, das "uns das ewige Leben schenkt", ähnlich "wie wir im Fruchtwasser unserer Geburt entgegenwuchsen", welches den Beginn eines Menschenkindes umspült. Die Heilige Geist-Liebe ist gleichrangig göttlich wie Vater und Sohn. Da unser Verstand nie alle Glaubensgeheimnisse zugleich bedenken kann, ist es christlich korrekt, einmal eigens auf unsere Geborgenheit im göttlichen Fruchtwasser zu achten. Dabei tritt der Vater in den Denk-Rahmen zurück, ebenso der Unterschied zwischen Christus und mir; was bewusst bleibt, ist mein unbedingtes Urvertrauen zu IHR, der lieblichen ungeschaffenen Güte, die in ihrem mütterlichen Schoß mich werden lässt, vor allen Gefahren bewahrt und so weit bringt, dass ich dann auch zum Vater du und zu mir selbst ich sagen kann. Das Erste und (nach Gehorsam und eigenen Taten) schließlich auch wieder Letzte in unserem göttlichen Rhythmus aber ist mein Wohlsein in IHR, der Göttin.

Ausdrücklich von der Göttin zu reden hat die antike Kirche sich nicht getraut, allzu belastet war dieses Wort von den Ausschweifungen der heidnischen Sexgöttin Venus - noch in Wagners Tannhäuser treibt sie ihr Unwesen - und den Scheußlichkeiten beim Kult der "Großen Mutter" im alten Karthago, ihr zu Ehren wurden noch in Augustins Jugend junge Männer kastriert! Dass Christen damals von einer Göttin nichts wissen wollten, ist zu verstehen. Heute sind diese Gründe weggefallen. Unsere Zivilisation kennt nur in absonderlichen Randgruppen einen Hexen- und Göttin-Kult, der Normalchrist verehrt allein seinen "Herr-Gott". Das ist schade. Denn als Mann und Frau sind wir zu Gottes Bild geschaffen, daraus folgt für mich: die Beziehung zu Gott dem Vater muss um die Geborgenheit in der göttlichen Mutter ergänzt werden, sonst wären wir innerlich Halbwaisen, das liegt nicht im Plan der schöpferischen Güte.

Was die schon geborenen Kinder betrifft, gebe ich jetzt dem früheren evangelischen Dekan Kelber in Nürnberg recht, vor Jahrzehnten habe ich seine Antwort besserwisserisch belächelt. Anfangs der 70er Jahre versuchte ich, Dekan Kelber mein feministisches Anliegen nahe zu bringen und berief mich auf die heutige Jesaja-Stelle, wo Gott sagt: Wie eine Mutter will ich euch trösten. "Ja, genau", nickte er: "Wie eine Mutter. Aber der das sagt, ist Gott der Vater!" Das fand ich damals zwar lustig aber doch an der Sache vorbei.

Jetzt merke ich, wieso es stimmt. Ist ein Kind geboren, so liegt, später steht es seinem Vater gegenüber, als Du zu Du, und seiner Mutter auch. Sofern Gott uns als DU gegenübersteht, verehren wir in der Person des Vaters beides: die mütterliche und väterliche Beziehung zum Kind als verantwortlicher Person. In diesem Sinn ist derselbe Gott uns Vater und Mutter, ein Wort wie "Göttin" würde nur stören, brächte in die eine Person des himmlischen Vaters eine verwirrende Zweiheit hinein, der im Himmel nichts entspricht. So verstanden, hätten wir dem jüdischen und muslimischen Vorwurf der Vielgötterei nichts entgegenzusetzen.

Doch mahnt der Weltkatechismus mit Recht: "Das ganze Leben Jesu ... ist Offenbarung des Vaters" (516), sein ganzer Reichtum soll "zum Besitz jedes Einzelnen werden" (519), mithin auch die sein Bewusstsein prägende Grundvorstellung von IHR, der Heiligen Ruach. Das ist ein mehr weibliches als männliches Wort, hängt mit "rechem", dem Wort für Mutterschoß, zusammen. Wenn Jesus "in der Heiligen Ruach jubelt" (Lk 10,21), dann fühlt er sich ewig geborgen in IHR, der holden göttlichen Zartheit, die ihm nicht als Du zu Du gegenübersteht (so betet er zum Vater), ihn vielmehr von allen Seiten umgibt und erfüllt wie eben das mütterliche Leben einen heranwachsenden Menschenkeim. Jedes von uns hat so angefangen, und hoffentlich nie aufgehört, in der göttlichen Gnade geborgen zu sein. Würde unsere Ur-Mutter je von uns entbunden, wäre das unser seelischer Tod.

Die Beziehung zu DIR dem persönlichen Gott, von der im Religionsunterricht gesprochen wird, sie ist unaufgebbar, aber nicht die ganze Wahrheit. Die Geborgenheit in IHR der göttlichen Mutter ist ebenso wahr und, achten Sie wohl darauf, sie ist keine Du-Beziehung! Eine Leibesfrucht kennt ihre Mutter nicht als andere Person sich gegenüber, eher als große wohlwollende Güte rings umher. Könnte das Ungeborene sprechen, würde es vielleicht sagen: O wie wunderbar, alles ist eines, alles ist gut, und ich bin dabei. Der LIEBE innergöttliche Mutterschaft hat sich in Maria eingesenkt, "und die Kraft des Höchsten" (Lk 1,35) dort aufgenommen. So, als menschliche Teilhabe an der innergöttlichen Zeugung aus Vater und Ruach, ist die Menschwerdung des "Sohnes der Liebe des Vaters" (Kol 1,13) zu verstehen. Noch Hieronymus (der ja gut hebräisch konnte) lässt diese Vorstellung anklingen: "Damit du nicht zweifelst, daß Gottes Wort und Sohn vom Hl. Geist geboren wird, erwäge Gabriels Worte an Maria: 'Der HI. Geist wird über dich kommen'" (PL 25,1281). Mit dem heidnischen Muster von Leda und Jupiter als Schwan hat das überhaupt nichts zu tun!


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014. Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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