Jürgen Kuhlmann: Kirche vor offener Zukunft

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Kirche vor offener Zukunft

Gedanken am siebten Ostersonntag


In der heutigen ersten Lesung stellt Lukas uns die Urzelle der Kirche vor Augen, gewissermaßen als winzigen, wenige Tage jungen Embryo, dem damals niemand ansehen konnte, was im Lauf der Jahrtausende aus ihm werden sollte. Als ich [d.h. jede dies lesende Person] seit einer Woche im Leib meiner Mutter heranwuchs, gab es an mir nicht Finger noch Augen, und doch bin ich jetzt, mit Fingern und Augen, dieselbe Person wie damals. Nicht die gleiche aber dieselbe. Ähnlich ist die Kirche heute dieselbe wie damals. Aber keineswegs die gleiche.

Die Unterschiede sind nicht nur solche der Größe. Dass aus elf Aposteln (elf, weil Judas fehlte) Tausende von Bischöfen geworden sind, betrifft nur die Außenseite. Auch "meine" Entwicklung wird nur höchst ungenau so beschrieben, dass die damals kaum sichtbare Zelle inzwischen über anderthalb Zentner wiegt. [Nach der Krebsoperation sind es neuerdings wieder weniger.] Wichtiger ist die innere Entfaltung. Als die elf Apostel durch die Zuwahl von Matthias ihre Gruppe wieder auf die biblische Zahl Zwölf brachten, wussten sie nichts von Gottes Plan mit dem Theologie-Studenten Saul, der ein paar km weiter ebenso wenig ahnte, dass er neben dem Zwölferkollegium zum anderen Grundpfeiler der entstehenden Kirche bestimmt sein würde. Auch in dieser Hinsicht bleibt die Urgemeinde für die Kirche aller Zeiten das gültige Modell: Nie weiß sie, wen der Herr der Heilsgeschichte bald von außen her in ihr inneres Leben berufen wird.

Solche überraschenden Erweiterungen der kirchlichen Basis hat es immer wieder gegeben, normalerweise durch schwere Krisen hindurch. Schon im Altertum hat die Christenheit griechisches Denken und römisches Verwalten übernommen, mit indischer Mystik und indianischer Naturweisheit tut sie sich bis heute schwer. Manch dortiger Paulus hat schon einer späteren Petrus-Verkörperung "ins Angesicht widerstanden" (Gal 2,11).

Auch der europäisch-moderne Blitz des Martyrers Dietrich Bonhoeffer ist bei den meisten Gläubigen noch nicht angekommen. Am 30. April 1944 schrieb er aus der Gestapohaft: "Die paulinische Frage, ob die Beschneidung Bedingung der Rechtfertigung sei, heißt m.E. heute, ob Religion Bedingung des Heils sei." Die Antwort des Paulus ist bekannt: Nein. Bonhoeffer vermutet also: Ähnlich wie damals ein Heide nicht erst Jude werden musste, um Christ zu sein, so kann ein religionslos denkender Mensch heute im heilenden Licht des christlichen Glaubens leben, ohne dass er das traditionelle Weltbild der Frommen übernehmen muss. Christ heißen wird ein solcher gar nicht wollen, ihn als Mitpilger zu achten und sich von ihm das vielleicht allzu irdische Gottesbild reinigen zu lassen sei ein Christ aber bemüht.

Wenn wir das verstehen und bedenken, kann mancher Spaltungskrampf, mit dem die ideologisch verhärteten Jahrhunderte das Christengemüt beschädigt haben, sich heilsam lösen. Führt dein Kollege atheistische Reden? Hör ihm gut zu. Jesus war ein scharfer Religionskritiker. Im Sommer 1972 bemerkte der evangelische Dekan Kelber während der Vorbereitung einer kirchlichen Gedenkstunde zum hundertsten Todestag: Ich sehe voraus, dass Ludwig Feuerbach irgendwann als christlicher Prophet anerkannt sein wird.

Wird auch das jetzt so umstrittene gottlose Ferkelbuch später vorwiegend in religionspädagogischen Fachbibliotheken zu finden sein? Spaß macht es einem christlichen Herzen allerdings nur, wenn ihm der "linke" Untertitel "Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen" dann auch von rechts her in kritischer Schreibweise aufleuchtet: "Ein Buch für solche, die sich NICHTS vormachen lassen": die oberflächlich genug sind, ein spöttisches Aufklärungswerklein als allein wahres Manifest eines aggressiven Nihilismus und beste Antwort auf ihre tiefe Sinnfrage dummerweise zu "glauben".

Mit dem letzten Satz der heutigen Lesung verschwindet "Maria, die Mutter Jesu", aus der aufgeschriebenen irdischen Geschichte. Von Marias überwältigender geistlicher Geschichte im Glauben der späteren Kirche hätten die damals um sie her versammelten Jünger sich nichts träumen lassen. Und sie selbst? Das können, müssen wir zum Glück nicht wissen. Ihr persönliches Geheimnis mit Gott geht uns nichts an. Ich glaube: Ihre christliche Würde war ihr so klar, dass sie auf die päpstlichen Worte von Leo dem Großen nicht angewiesen war: "Christ, erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden, kehre nicht zur alten Erbärmlichkeit zurück!" Wenn wir lernen, ein gelegentliches Hochgefühl von dieser Mitte her leuchten zu sehen, verdirbt es nicht zu Hochmut. Denn dein Mitmensch ist ebenso groß.

Wie tief Marias vom Engel genannter Eigenname "Begnadete" (Lk 1,28) in Wahrheit zu verstehen sei, wissen manche heute Glaubenden tatsächlich deutlicher als die ersten Christen. Doch müssen wir von ihnen (und den gegen allen Marienkult protestierenden Mitchristen) immer wieder lernen, den goldenen Spannungspol Himmelskönigin nicht ohne den schlichten der Jüdin Mirjam uns bewusst zu halten. Sonst würden wir lügen. Wovor die Mutter der Wahrheit in Person uns mild behüten möge.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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