Jürgen Kuhlmann: Wie bei jenen Samaritern ...

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Wie bei jenen Samaritern ...

Gedanken am sechsten Ostersonntag


Nicht nur Jesus hat als Vorbild der Nächstenliebe einen Samariter hingestellt, auch der Heilige Geist – scheint mir – bietet uns in den Samaritern der heutigen ersten Lesung ein wichtiges Verständnismodell. Es macht klar, was nach bald zweitausend Jahren Kirchengeschichte jetzt endlich dran ist. Denn so wie damals jenem Grüppchen ergeht es in unseren Tagen der ganzen Kirche.

"Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin. Diese zogen hinab und beteten für sie, sie möchten den Heiligen Geist empfangen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur auf den Namen Jesu, des Herrn, getauft. Dann legten sie ihnen die Hände auf, und sie empfingen den Heiligen Geist" (Apg 8,14-17).

Die geistliche Zeit, in der jene samaritischen Neuchristen zwar an Jesus glaubten, Gottes Großes Zeichen – dessen SINN aber, seinen Heiligen Geist, noch nicht gespürt hatten, ist eine biblische Grundkategorie. Sie macht im Leben der Kirche vieles versteh- und aussagbar, im Kleinen wie im Großen. Ewiger Quellgrund jeglicher Distanz zwischen Logos und Pneuma ist ihre innergöttliche Beziehung, bei der unendliche Andersheit (der Personen) und absolute Identität (des Wesens) unbegreifbar zusammenfallen – unbegreifbar, weil die Begriffe Person und Wesen nur vom suchenden Glauben auseinander getrieben wurden (am Beginn des Nachdenkens über die Dreifaltigkeit stand für beide noch dasselbe Wort [hypostasis = substantia]).

Schon im natürlichen Leben kennt jeder den Abstand zwischen einer Einsicht des Verstandes und herzlicher Überzeugung. Oft ist ein Gutes uns schon wahr, ehe dieses Wahre uns als gut ergreift. Jetzt stellt die Rezept-Leserin fest: das sollte schmecken, während ihr Freund sie entzückt mustert - wann genießt das Brautpaar den Verlobungskuchen?

Weltgeschichtlich am Gewaltigsten bei Jesus-Gemeinden hereingebrochen ist eine solche Ankunft des Heiligen Geistes während der revolutionären Kirchen-Mutation, welche die älteren Katholiken selbst miterlebt haben. »Dieses Konzil war eine Revolution«, meinte der Bischof von Krakau nach seiner Heimkehr aus Rom zu einem Freund, als Papst hat er sie bei einigen Themen weiter getrieben, bei anderen gebremst. Tatsächlich hat der an Pfingsten begonnene und in der Pfingstliturgie gerühmte Sieg des Heiligen Geistes über jegliche Diskriminierung (»der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis«) erst im vergangenen Jahrhundert das amtliche Bewusstsein der Kirche erreicht. Heute bekennen wir mit dem Konzil:

- Auch die Juden sind von Gott nicht verworfen, sein Bund mit ihnen blieb trotz des Karfreitags ungekündigt.

- Auch Muslime, Hindus, Buddhisten, sogar Gottes-Leugner dürfen, wenn sie in gutem Glauben und im Geist der Liebe leben, sich auf ihrem Heilsweg hoffen und erwarten mit Recht die Zustimmung der Christen zu solcher Hoffnung. Bis zum letzten Konzil hat die Christenheit in diesem zentralen Punkt unverschämt gegen die Mahnung des ersten Papstes (in der heutigen 2. Lesung) verstoßen: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen« (1 Petr 3,16). Gegen eine solche Enzyklika braucht niemand zu protestieren. Wucherte die langwährende Arroganz gegen Andersgläubige, die man nicht als anders Gläubige wahrnahm, im Moder des bösen Gewissens von Welteroberern statt -überwindern?

Oder hat der Durchbruch ins geistliche Verständnis - den ums Jahr 1200 der kalabrische Abt Joachim von Fiore für bald ankündigte - einfach seine Zeit gebraucht? Wie ja auch Erstklässler zunächst die einzelnen Buchstaben genau lernen müssen, um dann später die tiefere Wahrheit einzusehen, dass der Tafelanschrieb »ALLE BUCHSTABEN« eben nicht alle enthalten darf, um gerade so alle zu bedeuten. Warum die Kirche den eigentlichen Sinn von Jesu Wort und Versöhnungstat bis zum 20. Jahrhundert »noch nicht tragen« (Joh 16,12) konnte, warum erst der von ihrem Antijudaismus mitverschuldete millionenfache Judenmord der Nazis uns endlich das Herz dafür geöffnet hat, dass es so nicht weitergehen darf, bleibt Gottes Geheimnis. Tatsächlich sind dann aber die im Konzil versammelten Nachfolger der Apostel, wie Petrus und Johannes damals in Samarien, willige Werkzeuge des sich spürbar mitteilenden Heiligen Geistes geworden.

Spürbar – auch darum geht es. Ein Missionar erinnert sich: »Da war eine junge Japanerin, Katholikin, die hatte eine katholische Mädchenuniversität absolviert und erzählte: Dann wurden wir gefirmt, d.h. der Bischof kam und hat uns angeblich den Heiligen Geist verliehen, aber ich habe nichts gespürt.« Nun, sinnlich spürbar muss Gottes allumfassende Heilskraft nicht sein. Geistlich aber schon. Achtsam meditierende Zen-Freunde oder Mitsänger bei einer Bach-Kantate sind dem wahren Sinn des hereinbrechenden Pfingsten näher als die Konfirmationsgäste in »Schweig Bub!«

Sooft wir merken, dass wir immer noch im Zeichen festhängen und den SINN verfehlen, indem wir bloß feststellen: O und D gehören nicht zu »ALLE BUCHSTABEN«, statt uns zu freuen, dass auch sie zu allen Buchstaben gehören, sollten wir wieder von Herzen beten: Komm endlich, Heiliger Geist! Vielleicht geht uns dann auf, dass im spanischen »TODAS LAS LETRAS« beide sogar zum Zeichen gehören, während unsere stolzen B und U dort fehlen müssen.

In der deutschen Fassung des kat-holischen Heilsprogramms »ALLE BUCHSTABEN« sind U und B unverzichtbar. Das Gleichnis steht für die in ärgerlichen Dokumenten wie »Dominus Iesus« u.ä. gemeinte Wahrheit. Zwei gegensätzliche Bewusstseinsweisen sind beide notwendig: Plant die Klasse ein buntes Plakat, dann konzentriert Udo sich voll auf das U, während Doris sich dem D widmet. Lesend vernehmen können beide dann alles, realisieren jetzt jeder nur seins. Ebenso ergeht es, hörend oder tönend, dem Trompeter und der Cellistin bei der Symphonie. Und für alle seine Mit-Glieder schlägt mein Herz – eben darum erlaube ich keiner seiner Zellen, nach Belieben in Fuß oder Darm auszuwandern.

[Die beiden Schlussabsätze lassen sich vertauschen, mit je anderem Abschiedsimpuls. Wegen der göttlichen Gleichrangigkeit von Logos und Pneuma sind beide Fassungen richtig – und keine allein.]

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


Möchten Sie über vieles in unserem Glauben auch mal fern von Computern lesen? Im Mai 2013 erschienen ist eine Sammlung meiner Predigt-Texte für die liturgische Zeit zwischen Pfingsten und Advent. So sieht das Buch aus, es umfasst 153 Seiten, dies ist sein Inhalt, hier liest man meinen - manches Rätselhafte erklärenden - Begleitbrief zur Werbe-Anzeige. Das Buch bietet Predigern wie Religionslehrer(inne)n eine Fülle geistlicher Anregungen, auch durch ein "Sümmlein der Theologie", nämlich 82 Verweise ins Internet. Wer also sich oder einem/r befreundeten Reli-Profi (oder bestell-berechtigten Bibliothekar) eine nützliche Freude machen will, bestelle das spannende Buch bei mir (bitte mit deutlichem Betreff: Buch-Bestellung) und bekommt es samt der Rechnung über 12,80 € sogleich portofrei zugeschickt.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-6o.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann