Jürgen Kuhlmann: Das christliche Erbe der Tempelpriester

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Das christliche Erbe der Tempelpriester

Gedanken am fünften Ostersonntag


"Auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an" (Apg 6,7). Diese Auskunft über die Urgemeinde könnte eine Schwierigkeit lösen, die vielen Christen und vor allem Nichtchristen unseren Glauben schwer erträglich macht. Schätzungen zufolge gab es zur Zeit Jesu an die achttausend Priester in Jerusalem. Wenn davon "eine große Menge" Christen wurden, bildeten sie in der jungen Kirche einen starken Block, der natürlich ihre geistige Gestalt erheblich mitbestimmte. Ein Hauptberuf dieser Priester war der Opferdienst im Tempel. Dort flossen täglich Ströme von Blut.

Kein Wunder, wenn in jenen Menschen die Frage umging: Wie verhält sich unser bisheriger Lebensinhalt zur neuen Lage jetzt, da der Messias erschienen ist? Stellen wir uns vor, wie befreiend auf sie die Einsicht wirkte: All dieses von Gott gebotene Blutvergießen hatte seinen großen Sinn, war es doch das Vorzeichen für das eigentliche Opfer, das Christus mit seinem eigenen Blut am Kreuz Gott dargebracht hat. Im Hebräerbrief wird das Thema ausgeführt, Eugen Biser verdanke ich diese Deutung.

Mithin war dieselbe Idee, die heute den meisten so schauerlich vorkommt (Gott habe seines Sohnes Blut als Opfer für unsere Sünden gefordert und angenommen) ursprünglich - in den Augen jener Priester - eine wahrhaft erlösende Botschaft, echtes Evangelium. Als solches steht die Lehre von Jesu Blutopfer bis heute in allen Katechismen und schreckt viele von so einem Glauben ab. Was sollen seine Verkünder tun? Ich schlage vor:

  1. Fassen wir den Kern des Evangeliums mit Jesus selbst in den einen Satz (Mt 9,13): "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer." Dabei berief er sich auf den Propheten Hosea (6,6), so dass in jenem hochaktuellen Manifest trotz des Widerspruchs zum offiziellen Tempelkult nichts Antijüdisches steckt. Diese Wahrheit ist für solche, die es vor dem Blutdogma graut.
  2. Doch gilt auch ihr Gegen-Akzent. Das Christentum ist wie ein überreich gedecktes Buffet oder ein mit allerlei Büchern und Zetteln übersäter Schreibtisch, wo man nach einigem Suchen schließlich findet, was man gerade so nötig braucht. Blutig Verfolgte (nicht nur in Lateinamerika) stärkt der Glaube, dass es dem Besten aller Menschen nicht besser erging.
  3. Ist für die Güte des Ganzen ein massiveres Zeichen denkbar, als dass ein Mensch für andere gewaltlos sein Leben opfert? Den polnischen Priester, der dies im KZ für einen jungen Familienvater tat, hörte man im Hungerbunker noch lange singen. War er von der Gewissheit befeuert, dass Gott ihm solches Opfer jetzt abforderte und schenkte: musste das ein Irrtum sein? Keineswegs! Ebenso wenig - so schwer er auch vermittelbar sei - der christliche Glaube an Jesu Opfertod.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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