Jürgen Kuhlmann: Unsere Teilhabe an der Spannung im Geist Christi

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Unsere Teilhabe an der Spannung im Geist Christi

Gedanken am fünften Fastensonntag


»Wer den Geist Christi nicht hat, gehört nicht zu ihm« (Röm 8,9)

Wenn das so ist: warum verweist die Kirche uns trotzdem an Leute ohne Christi Geist? Warum sollen wir glauben, »dass ein schlechter Priester, der die rechte Materie und Form gebraucht und die Absicht hat, zu tun, was die Kirche tut, wirklich das Sakrament zustande bringt, wirklich losspricht, wirklich tauft und wirklich die anderen Sakramente spendet«? So lehrte (D 672) im Jahr 1418 das Konzil von Konstanz.

Die Antwort ist so einfach wie paradox: Weil eben diese Spannung im Geist Christi ausgehalten, anerkannt und erlöst worden ist. Das sagt Jesus (a) ausdrücklich im Evangelium und es leuchtet (b) jedem ein, der ihn als echten Menschen bekennt.

a) Gemäß dem Evangelium (Mt 23,3) sagte Jesus zu seinen Freunden: »Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl des Mose gesetzt. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.« Jesus war kein Träumer. So jung er war, hat er doch begriffen: Damit eine Gemeinschaft bestehen kann, braucht sie eine Ordnung. Fachleute müssen sagen, »wo es langgeht«. Wer sich beruflich um anderes als diese Ordnung zu kümmern hat, soll sich auf die Fachleute verlassen. Solchen Gehorsam der Vielen will der Schöpfer (kann ein Gewissen aber davon entpflichten) - ihre Achtung müssen die Verantwortlichen sich immer wieder verdienen.

b) Während es Jesus immer klarer wurde, dass die Offiziellen seine Herzensbotschaft und ihn selbst ablehnten, hat er (wie jeder Mensch) heiß gewünscht und sein Mögliches dafür getan, dass selbst im schlimmsten Fall (der am Karfreitag eintrat) sein irdisches Werk nicht verloren sein würde. Insofern nehme ich die törichte Antwort beim theologischen Schluss-Examen zurück, deretwegen ich 1963 in Rom beim ersten Versuch durchgefallen bin: es stehe nicht fest, ob Jesus eine Kirche gründen wollte oder nicht. Gewiss überließ er es zuletzt allein dem Vater, was aus ihm selbst und seinem Werk werden würde. Trotzdem weiß die Kirche, die aus lauter echten Menschen besteht, dass Jesus - weil gleichfalls ein solcher - gar nicht anders konnte, als der Weltgeschichte (falls die nach seinem Tod für die Seinen weiterlaufen sollte - ob?: das lag allein beim Vater) einen dauernden, unzerstörbaren Impuls einstiften zu wollen.

Ist es ihm gelungen? Viele zucken die Achseln. Christen erfahren seit Ostern beglückt immer wieder neu: Ja. Und wir dürfen dabei sein, Dank sei Gott. Gehörten aber auch jene Eiferer zu Christus, die beim Kampf um einen Anspruch je ihrer Konfession in der Grabeskirche zu Jerusalem mit schweren Kreuzen aufeinander los gingen? Oder jene anderen, die der Ketzerprozession zum Scheiterhaufen ein Kruzifix vorantragen ließen? Lasst uns hoffen, alle solchen Extreme möchten von Jesu letztem Gebet mit umfasst werden: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.«

Für das eigene Auftreten im konfessionell-ökumenischen Minenfeld hilfreich ist die ausdrückliche Unterscheidung zweier Wir-Weisen: des waagrechten Logos-Wir eines bestimmten Glaubens (das mit dem Recht gottgewollter Buntheit gegen andere Ihr denkt und lebt) und des senkrechten Pneuma-Wir pfingstlicher Liebe (das kein fremdes Ihr mehr kennt, herzlich für alle und mit ihnen sein will). Nicht nur den (waagrecht) Seinen sendet Christus den Heiligen Geist. Liegen auf der israelischen Intensivstation nebeneinander Attentäter und Opfer, wird zuerst dem schlimmer Getroffenen geholfen!

Jede Dimension hat ihre Wahrheit, beide dürfen nie getrennt werden. Rechts ist man versucht, den Logos vom Pneuma zu lösen und das lieblos durchzusetzen, was man für das Interesse des eigenen Glaubens hält. Links neigt man dazu, das Pneuma ohne Logos zu wollen und vor lauter Geist der Allversöhnung sich nicht mehr um das Bestimmte zu kümmern, was Christus - weil echter Mensch mit geschichtlichem Willen - sehr wohl von den Seinen erwartet. So oder so wäre das Zerreißenwollen göttlicher Dimensionen ein Teufels-Werk. Cui resistite fortes in fide!

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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