Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Gras oder Rose? Je nachdem!

Gedanken am vierten Sonntag im Jahreskreis


"Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen" (1 Kor 1,27).

Vor zwei gegensätzlichen Missverständnissen muss dieser Paulus-Satz geschützt werden, sonst wird die Medizin giftig. Das eine verwechselt Gottes Tat mit weltlicher Politik. Vorsicht aber! Wurde das starke Rom vom schwachen Christentum schließlich zuschanden gemacht? Hat unter Konstantin das Römerreich den christlichen Impuls angenommen - oder (heuschreckenhaft) übernommen? Im hohen Mittelalter fragte ein englischer Bischof besorgt, ob der Papst wirklich Nachfolger des Petrus, nicht eher des Nero sei. Nein: Eine Machtkirche hat Paulus sich vermutlich noch nicht vorstellen können und bestimmt nicht gemeint.

Das Ergebnis des anderen Irrtums ist ein muffiges, kleingeistiges Christentum, vor dem jedes anspruchsvolle Gemüt entsetzt aus der Kirche flieht. Gott gibt aber keineswegs den Missgünstigen Recht, die anderen nicht gönnen, was ihnen selbst versagt blieb, und deshalb alles herunterziehen wollen zu ihrer eigenen Plattheit. Sondern wenn der Größte in der Heiligen Nacht ganz klein wird, sollen die Kleinen beglückt ahnen, wie groß bei ihm in Wahrheit sie selber sind.

Gott will auch Rosen schaffen, nicht nur Gras. Ist eine Rose versucht, Gras sein zu wollen, ist das normalerweise nicht Demut sondern Kleinmut - wie Elisabeth zu leben wird nur wenigen geschenkt. Wohl soll die Rose "sich nicht rühmen vor Gott" (V. 29) dem Schöpfer aller Wesen, auch der Grashalme um sie her, ohne die dem Garten Wichtiges fehlen würde, was noch so prachtvolle Rosen nicht ersetzen könnten. Wenn die Rose das bedenkt: dass sie im (göttlichen) Grunde nichts Besseres ist als Gras, weil auch im Gras Gott lebt, nur dann versteht sie ihre eigene Größe recht. In einem Schlenker hat Jesus das einmal (Lk 12,28) angedeutet, als er über die Lilien sagte: "Wenn Gott schon das Gras so prächtig kleidet ..."

Beide Fehler schlagen leicht ineinander um. Darum rüttelte ein Rabbi die Menschen gern mit einem von zwei Sätzen auf. Zu Auftrumpfenden sagte er: Mach dich nicht so groß, so klein bist du doch gar nicht. Und manches scheinbar schüchterne Wesen ärgerte er andersherum: Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht. Anscheinend ist nicht nur Gott selbst das Ineins der Gegensätze ("coincidentia [oder: complexio] oppositorum" sagt Nikolaus von Kues), sondern - weil wir zu Mitinhabern des göttlichen Lebens bestimmt sind (2 Petr 1,4) - auch wir Menschen. Seelisch gesund ist nur, wer Hochmut und Kleinmut überwindet. Wie kann eine Tochter, ein Sohn des Allerhöchsten kleinmütig sein? Oder hochmütig gegen die Geschwister, denen doch dieselbe Würde zukommt?

Ein indischer Christ beantwortete mit jenem Paulus-Satz die Frage: Warum ist das Christentum in Europa großgeworden und nicht in Indien? Als mich diese Deutung zu Beginn meines römischen Studiums auf einem Samisdat-Blatt überraschte, war es für den Abendländer ein Schock; dann las ich (im Reclam-Heft) die BhagavadGita und merkte: Die stolze Auskunft könnte stimmen.

Am besten bewältigen wir das dialektische Quadrat Großmut/Hochmut/Kleinmut/Demut mit Humor. Gemeinsam lachend vertreiben wir das Gift. Wie sagte einst der fleißige Gärtner im Germanikum, Herr und Knecht so vieler Pflanzen?

(So wurde er besungen:
"Des Bruder Hammers Blumensaat
droben auf der Terrass,
von morgens früh bis abends spat
macht er die Blumen nass.
Die Töpfe stehn in Reih und Glied
allein oder zu zwein
umflüstert von Breviergebet,
wodurch sie gut gedeihn.")

Verschmitzt lächelte Bruder Hammer SJ: "Meine Herren, in der Demut lass' ich mich von niemandem übertreffen."


Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Hinweis auf eine spannende Radio-Sendung heute, am 2. Februar 2014:

Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-4s.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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