Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Nicht mehr Oben noch Unten

Gedanken zum vierten Adventssonntag [Röm 1,3]


Die gewaltlos gewaltige Weihnachtsrevolution

Was heißt Weihnachten, wer ist uns Christus? - Arbeiter und Praktikant haben den gleichen fleckigen Blaumann an und die Hände gleich schmutzig, aber der Arbeiter kommt von unten und bleibt dort, der Praktikant - Sohn des Direktors - kommt von oben, gehört die ganze Zeit über eigentlich nach oben und geht auch wieder nach oben, um bald wiederzukommen im Maßanzug und sich an den Chefschreibtisch zu setzen. Der Arbeiter, jetzt sein Kollege, tut gut daran, stets an diesen Fortgang der Geschichte zu denken. Er kennt das Leben, hat vom Vater und Großvater einiges über die Gebräuche "da oben" gehört. Wird er hinschmelzen, seine Reserve aufgeben, wenn der Praktikant von Solidarität redet: du und ich, wir gehören auf dieselbe Seite, verlaß dich drauf?

Zwei Christologien

Seien wir ehrlich: die "Christologie von oben" gilt weithin unbefragt als der christliche Glaube, bei Gläubigen und Ungläubigen. Steht es nicht genauso im Evangelium? "Ihr seid von unten, ich bin von oben; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt" (Joh 8,23). So spricht der unerschaffene Sohn des Allmächtigen zu uns Geschöpfen; die Theologie wird die Distanz später verdeutlichen: Er kommt aus der Unendlichkeit der Gottheit, wir aus dem Nichts. Kann, soll, darf noch so große Güte des Menschgewordenen uns über diesen Abgrund je hinüberhelfen?

Deutlich wird die andere Christologie, die von unten, zum Beispiel in der heutigen Lesung, am Anfang des Römerbriefes, wo Paulus sich wahrscheinlich einer vorgeprägten Formel bedient Es heißt da über Jesus: "Geworden aus dem Samen Davids dem Fleische nach, eingesetzt als Sohn Gottes in Macht dem Geiste der Heiligkeit nach seit der Auferstehung der Toten." Diese Deutung spricht dem Arbeiter schon eher aus der Seele. Daß einer von unten es zu Rang und Einfluß bringt, ist eine Freudenbotschaft. Wohl kennt man Fälle, wo ein solcher Emporkömmling gegen seine früheren Genossen noch rücksichtsloser vorging als die geborenen Herren. Von einem wie Jesus ist derartiger Verrat gewiß nicht zu erwarten. Und doch hat der Zwiespalt zwischen dem geschichtlichen Jesus und dem Christus des Glaubens etwas Erschreckendes.

Jesus sagt: wenn ihr nur die grüßt, die euch grüßen, was tut ihr da Besonderes? - Christus grüßt nur, die ihn grüßen, erscheint allein seinen Freunden. Jesus verurteilt nicht die Ehebrecherin, betet für seine Mörder Christus droht: wer nicht glaubt, wird verdammt werden. Jesus zieht einen Strich zwischen Gott und dem Kaiser - Christus herrscht (auf dem Apsismosaik) als Himmelskaiser. Hat etwa auch die allerwahrste Revolution die Positionen nicht geändert, nur vertauscht?

Nichts hat der Kern des Weihnachtsgeheimnisses mit weltlichem Oben und gesellschaftlichem Unten zu tun; unser Anfangsgleichnis von Arbeiter und Praktikant ist durch und durch falsch, paßt nicht auf den Inhalt des Glaubens. Gottes Herrschaft und Herrlichkeit darf nicht in der Verlängerung irdischer Obrigkeiten gedacht werden, geschöpfliche Demut nicht als Extremfall sozialer Knechtschaft. Dieser Zusammenhang führt total in die Irre. "So sollt ihr beten: Vater unser!" Und eben nicht funktionieren: "Herr Direktor!" Und auch "Vater" nicht rufen wie der rivalitätsverwirrte Halbwüchsige, sondern ("Abba!"), wie das kleine Kind sich zu seinem Papi gehörig und von ihm geliebt weiß. Zwischen Gottvertrauen und Selbstvertrauen ist dann kein Gegensatz, wenn ich nicht auf mein berechnendes Ich vertraue, wohl aber auf das wahre Selbst, das "nicht aus dem Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott gezeugt" ist (Joh 1,13). Ausdrücklich sagt der Evangelist hier, daß auch wir von oben sein dürfen; im nächsten Satz steht, daß auch Christus von unten sein will: "Und das Wort ist Fleisch geworden."

So weitet Johannes die geheimnisvolle Wahrheit der Jungfrauengeburt, die wir im Evangelium vernehmen, auf alle Glaubenden aus - wodurch sie - recht verstanden - für das moderne Lebensgefühl alle Anstößigkeit verliert. (Unterscheiden wir ausdrücklich zwischen der Glaubens-Frage und der Wissens-Frage. Der Glaube hat es mit der Heilsbotschaft zu tun, sie lautet: Jesu und unser Tiefen-Ich, überhaupt jedes Göttliche in der Menschheit läßt sich nicht von männlicher Macherei produzieren, die macht es nicht; alle irdische Potenz, auftrumpfende Vitalität, sexuelle und sonstige Kreativität bringt stets nur zweideutig-Irdisches hervor, der SINN aller Dinge schenkt sich allein der offenen Empfänglichkeit eines reinen Herzens. Das etwa bekennen wir mit den Worten "geboren von der Jungfrau Maria". So beantwortet sich die Glaubens-Frage. Die Wissens-Frage bleibt hingegen in der Schwebe, sie zu klären haben wir keine Möglichkeit. Die einzigen, die hier wissen konnten, Maria und Josef, stehen uns als Zeugen nicht zur Verfügung.)

Wir Menschen sind immer versucht, uns knechtisch entweder vor Gott zu fürchten oder gegen ihn aufzulehnen oder ihn schließlich zum nichtssagenden himmlischen Rauschebart zu entwürdigen. Diese Dreifach-Falle entspricht drei Teufels-Weisen: Jede aus dem drei-einigen Zusammenhang gerissene göttliche Person scheint uns ein böses Prinzip, weil wir - in der Welt vielfach geduckt - die Rede von oben und unten automatisch als gesellschaftliche mißverstehen. Wahrscheinlich kann eine Volksreligion nie ohne diesen falschen Ton auskommen, zu viele haben, seit Konstantin, dem Kaiser zu Gefallen bei ihr mitgemacht und Gott folglich als eine Art Überkaiser verehrt. Es ist aber ein wichtiger Tag im Leben eines Christen, wenn ihm aufgeht, daß Gott gerade nicht die höchste Instanz des universalen Apparates sein will, sondern, weitab von Oben und Unten, die Liebe des Ganzen: innig bergend, total fordernd. "Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen: Ihr nicht so!" (Lk 22,26)

In alten Trambahnen gab es vor Jahren noch den Schaffnersitz, obwohl längst schon kein Schaffner mehr mitfährt. Zuweilen saß dort ein Ausländerkind und markierte den großen Herrn, lachend, weil ja jeder wußte, es ist ein Spiel. Die Kameraden verneigten sich, voller Freude, daß einer der Ihren dort oben ist und dadurch offenbart, daß die Gewalt wenigstens dieser Obrigkeit vorbei ist.

Der schneidende Widerspruch zwischen Jesu Demut und Christi Herrschaft läßt sich, glaube ich, nur so auflösen: es ist die Demut selbst, die im Grunde herrscht. "Jesus ist der Herr", dieses ehrwürdige Bekenntnis hat zuerst zu den Martyrien in der Arena geführt, später zu Tausenden von Scheiterhaufen und Millionen gequälter Gewissen. Sollte sein wahrer Sinn nicht eher im gelösten Kinderspiel aufscheinen als im blutigen Ernst der Großen?


Zum Weiterdenken:

Die Wissens-Frage bleibt in der Schwebe.

Jede aus dem drei-einigen Zusammenhang gerissene göttliche Person scheint uns ein böses Prinzip: Siehe "Gott Du unser Selbst" (N 2000), S. 46-49.

Eine ausführlichere Fassung des Gedankengangs findet sich hier.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-4adv.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

Schriftenverzeichnis

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