Jürgen Kuhlmann: Mitten in den Wehen der Geburt

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Mitten in den Wehen der Geburt

Gedanken am dritten Ostersonntag


»Ihn hat Gott auferstehen lassen, des Todes Wehen lösend, da es nicht möglich war, dass er in seinem Griff bliebe« (Apg 2,24).

Warum »Wehen« des Todes? Die Wissenschaft vermutet einen Übersetzungsfehler. Als in den letzten Jahrhunderten vor Christus die hebräische Bibel ins Griechische übertragen wurde, habe man (z.B. in 2Sam 22,6, Ps 18,5 und 116,3) das Wort für Stricke mit dem ganz ähnlichen für Wehen verwechselt. Diese Geburtsschmerzen des Todes »wurden als geheimnisvoller Ausdruck für die Macht des Todes verstanden« [Haenchen z.St.]. Das leuchtet ein. Wie gehen wir aber mit dieser Erkenntnis als Glaubende um?

Fridolin Stier meinte, den Fehler korrigieren zu sollen, und schrieb »des Todes Stricke«. Mir scheint jedoch, hier zeige sich eine Grenze dieses sonst besten katholischen Bibelübersetzers. Er übersieht die Würde der griechischen Etappe der Inspirationsgeschichte. Schon vor dem Paukenschlag von Ostern war im Volk Gottes die Hoffnung auf einen Sieg über den Tod allmählich gewachsen, in diese Bewegung fügt die Rede von Todeswehen sich ein. Stricke sind bloß äußere Hindernisse - Wehen ein fruchtbarer Lebensvorgang. Nicht zufällig bezieht sich Jesus gerade auf ihn in den letzten Stunden, ehe die Todeswehen über ihn herfallen: »Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist« (Joh 16,21).

Wer ist - im Großen - die Frau, die sich in ihren Wehen quält (fünfmal stand ich dabei)? Eine Antwort sagt uns Paulus im Römerbrief (8,22): »Wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Wehen liegt bis jetzt.« Paulus nimmt sich nicht aus, sich und alle Christen, die Erlösten: die ganze Schöpfung stöhnt.

Wer ist die Schöpfung? Ist diese Kreißende nur ein Bild, ein Etikett, das der Apostel auf die Welt klebt? Ich glaube nicht. Mein Blick fällt auf ein großes Foto an der Wand, das mich seit dem Sommer 1962 begleitet. Es zeigt die wunderschöne Statue Mariens als der apokalyptischen Frau (Offb 12,1) in der Wallfahrtsbasilika des fränkischen Gößweinstein: »Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.«

Sie, die reine Schöpfung in Person, »ab initio et ante saecula creata«, hat Jesus als Baby zur Welt gebracht und beim Kreuz stehend unter Wehen seine Geburt vollendet, nachdem er sie - in Johannes - auch uns zur Mutter gegeben hat, uns den »vielen Geschwistern des Erstgeborenen« (Röm 8,29).

»Nie werden Sie einen echten Arzt finden, der die künstliche Unterdrückung der Geburtswehen begrüßt. Er ahnt die erwachenden Wehen, die nach der künstlichen Bewusstlosigkeit doch über jede Mutter und jedes Kind in der Welt kommen und kommen müssen, seit es Welt und Sündenfall gibt und geben wird, selbst wenn es gelungen ist, jene zeitlichen ersten Wehen in Bewusstlosigkeit zu unterdrücken, analog wie man die letzten Wehen, die Todeswehen in sogenannter Euthanasie zu unterdrücken versucht. Sowohl die Eugenesia wie die Euthanasie wie alle dazwischen liegenden Selbsterlösungsversuche, vom Weh der Welt mit Weltmitteln loszukommen, können nicht, wie wir doch täglich erleben, die Wehen wegnehmen, sondern im Grunde verlängern und vermehren sie sie. Nur im wahren Geborenwerden und im wahren Sterben geschieht die Überwindung von Weh und Wehen, nicht in den versucherischen Weltgestalten des Fürsten dieser Welt. Nur in der wahren Mutter und ihrem Kinder-zum-Licht-bringen, da wird der Urheber aller Wehen mit allen Wehen überwunden in dem, der alle unsere Wehen auf sich genommen.«

So erklärte im römischen Sommer 1961, wenige Wochen ehe er uns entrissen und nach Bonn versetzt wurde, P. Wilhelm Klein den Theologiestudenten im Germanikum »den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung ... den Erstgeborenen aus den Toten« (Kol 1,15.18). Immer wieder hatte er Christus den »Einziggeborenen des Vaters und Erstgeborenen der Mutter« genannt, weil wir die Vielen in IHM das KIND Gottes und in IHR mit Jesus die Neue Schöpfung sind.

Am 7. Januar 1996 ist Wilhelm Klein fast 107jährig vollendet worden. Ohne das zu wissen, habe ich mich am selben Tag in einem Konzert alter Musik sehr gewundert. Mitten im Gloria einer Messe von Josquin hatte ich das Wort "Matris" vernommen. Wie konnte das sein? Da mein Erstgeborener einer der Sänger war, hatte ich Zugang zu den Noten. Und siehe da: Es heißt wirklich so. In der Missa de Beata Maria Virgine folgt auf "Filius Dei Patris": "Primogenitus Mariae Virginis Matris". Seltsames Zeichen. In soviel Jahrzehnten Theologie und Musik war mir dieser Einschub ins Gloria noch nie begegnet, zum ersten Mal am »Geburtstag« (so freut sich die Kirche beim Tod ihrer Heiligen) unseres Spirituals, der immer wieder sagte: "Unigenitus Patris, Primogenitus Matris".

Auch an Neujahr 1960 verkündete er uns Maria: »In ihrem Mutterschoß beginnen wir das Neue Jahr unseres Heils ... Wir möchten ihn im Glauben und Lieben spüren, diesen vermittelnden Pulsschlag in uns, dieses Herzblut vom Herzblut Jesu, wir möchten es mit unserem ganzen Menschen erfahren, wie wir durch Marias Herzschlag belebt, alle vom Herzblut ihres erstgeborenen Sohnes durchblutet werden, dessen Brüder [heute würde er Geschwister sagen] wir, die vielen, nach Gottes ewigem Ratschluss geworden sind und immer mehr werden sollen von Jahr zu Jahr, bis zu unserem Geburtstag für die Ewigkeit.«

Denn auch wir können, wie Jesus, unmöglich im harten Griff der Todeswehen bleiben. Machtvoll zieht ES uns hinaus aus Enge und Angst. Tag für Tag löst Gott unseres Todes Wehen, vollendet sich unsere Geburt.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Über Wilhelm Klein gab es vor kurzem diese Radio-Sendung:

Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-3o.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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