Jürgen Kuhlmann: Ja, nahe ist das Ende!

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Ja, nahe ist das Ende!

Gedanken am dreiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


»Über Zeit und Stunde, Brüder, brauche ich euch nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!, kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen. Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern, so dass euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann. Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein« (1 Thess 5,1-6).

Als Paulus um das Jahr 50 diese erste Schrift des Neuen Testaments abfasste, war die junge Christenheit fest überzeugt, die Weltgeschichte werde sehr bald zu Ende sein. Tatsächlich kam es anders. Was sie für ihren Glauben hielten, war nichts als die irrige Antwort auf eine total andere Wissens-Frage.

Solche Verwechslungen gab es öfter. Immer wieder tappte nicht nur der oder jener Christ sondern die offizielle Kirche in einen riesigen Fettnapf und besudelte dann mit festen Schritten die gemeinsame Menschheitswohnung. Die Fälle Galilei und Evolution sind die bekanntesten; auch viele kleinere haben manchen Mutigen verrandet, Biographien beschädigt und das kirchliche Leben verarmt.

Natürlich sind all diese Verwechslungen nicht grundlos passiert. Neben der bösen Ursache menschlichen Vorwitzes gab es jedes Mal auch einen guten Glaubensgrund, der nur falsch auf das Wissbare projiziert wurde. Ist Erde oder Sonne die Mitte des Alls? Physikalisch keine, wohl die Sonne das Zentrum ihres, unseres Systems. Existentiell aber, für den Glauben, bleibt die Erde in der Mitte. Denn die Sonne ist nichts als ein lebloser Atomofen, auf der Erde hingegen hat die innerste Mitte sich nicht nur in Jesus erschlossen sondern strahlt aus jedem Babylächeln.

Stammt der Mensch von einem Uraffen ab? Biologisch ja, ebenso wie jeder Einzelne sich aus einem Schleimklümpchen entwickelt. Für den Glauben werde ich allerdings in jedem Augenblick unmittelbar von Gott erschaffen. Allein des Schöpfers kreatives Ausdenken holt mich eben jetzt aus dem Nichts. Im Grunde dies meinen die Kreationisten, wenn sie es auch überaus ungeschickt sagen. Insofern sind alle den Schöpfer vernünftig Bekennenden mit ihnen eins: im Glauben an unseren wahren Anfang.

Ebenso sind wir – Thema unserer Lesung – im Glauben an unser Ende mit jenen Thessalonichern eins, an die Paulus schrieb. Was sie spürten und sagten, war: Es kann jeden Tag mit uns vorbei sein, weil Christus wiederkommt und allem ein Ende macht. Was sie intensiv glaubten und wir zumeist nicht genug, ist der radikale Befund: Mit unserer Lebenszeit ist es »plötzlich« vorbei, in jedem Moment. Wer sich von »Frieden und Sicherheit« einlullen lässt (»PAX ET SECURITAS« stand als Staatsideologie seit Nero auf römischen Münzen), überschätzt nicht nur tatsächlich die Stabilität einer bestimmten Ordnung (wie wir Leute von 2008 bis vor kurzem die Festigkeit des globalen Finanzsystems), vielmehr grundsätzlich die Identitätskraft der gesamten – sagen wir: horizontalen Zeitdimension.

Versinnbildet wird sie vom soliden Zeiger unserer Uhren. Unerschüttert wandert er jahrein jahraus über sein Zifferblatt, auch am Kirchturm. Christlich an diesem Symbol ist das Vertrauen, dass Gott nicht bloß Momente schafft sondern echte Zeitgestalten. Nicht nur Töne, vielmehr Melodien und Harmonien. Weil ER die als ganze in sein Ewiges Leben hinein retten will, deshalb leben wir in »Frieden und Sicherheit«. Das ist jedoch nur der eine Wahrheitspol.

Der gleich wichtige andere zeigt sich beim Blick auf eine Digitaluhr und sooft jemand »wach und nüchtern« meditiert, auf dem Zen-Bänkchen oder sonst wie: Es gibt überhaupt nichts Festes, sondern jede Sekunde tritt unmittelbar aus dem Nichts ins Dasein, und ist sogleich wieder verschwunden. Wohin? Zweifel fürchtet: ins Nichts. Glaube traut: In den »wie ein Dieb in der Nacht einbrechenden TAG des Herrn«. Nein, uns »überrascht dieser Tag nicht wie ein Dieb« in der Nacht, uns trifft er in gleißender Helle. Denn IHM »gehören wir« bereits an. Ähnlich wissen die Sänger auf einer Festspielbühne, mögen sie in Lumpen gehen und Trauerlieder singen, sich doch schon als gleichberechtigte Mitglieder der Feiergemeinde, deren Fest sie beleben. »Ebenso wie zum Licht als der Sphäre Gottes und seines Heils gehören die Christen bereits dem kommenden Tag zu, der die Wirklichkeit ihres Heils offenbar machen wird« [Traugott Holtz z.St. (221)].

Ja: An der Glaubensaussage des ersten Paulusbriefes ist nichts überholt, sie kann und sollte uns Spätgeborene ebenso begeistern wie damals die Christen in Saloniki. (Unweit davon haben später die Athosmönche ihre Klosterburgen und Einsiedlerklausen errichtet. Nach meinem Besuch dort entstand 1969 ein [sehr schlicht gesungenes und aufgenommenes!] Lied.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-33s.htm


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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