Jürgen Kuhlmann: In Hoffnung eins?

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

In Hoffnung eins?

Gedanken am zweiunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"... damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben" (1 Thess 4,13).

Wer eben noch in helles Licht geschaut hat, sieht überall sonst nur Finsternis. Ähnlich muss es Paulus ergangen sein, als er den ältesten uns erhaltenen seiner Briefe schrieb. Vom Glanz seiner, unserer Osterhoffnung geblendet, sieht er bei den anderen nur, dass sie diese Hoffnung nicht haben: "'Hoffnung' bezeichnet wie sonst bei Paulus die verbürgte Gewissheit, die der Zukunft Sicherheit verleiht. Das aber haben die 'übrigen' nicht; sie können es gar nicht haben, weder subjektiv noch objektiv" [Traugott Holtz z.St. (189)]. Deshalb spricht Paulus ihnen überhaupt die Hoffnung ab. Vermutlich steht ihm der – damals wie heute – nicht seltene Ungeist vor Augen, der rücksichtslos nach jedem Vorteil schnappt, "denn morgen sind wir tot" (1 Kor 15,32). Gegen ihn hat der Osterglaube eindeutig recht.

Doch lassen die Besseren jener anderen sich nicht so einfach in die Irrtumsecke stellen. Sie widersprechen uns Christen mit guten Gründen, und das so eindringlich, dass es uns zunächst die Stimme verschlägt. Erst 26 war Friedrich Schiller, als er sein berühmtes Gedicht "Resignation" schrieb. Da vernimmt einer die Zusicherung: "Ich zahle dir in einem andern Leben, gib deine Jugend mir!" Er glaubt dem Versprechen, lebt ein Leben der Entsagung und fordert an der Schwelle der Ewigkeit die Erfüllung jener Verheißung. Das Gedicht schließt:

»All meine Freuden hab' ich dir geschlachtet,
Jetzt werf' ich mich vor deinen Richterthron.
Der Menge Spott hab' ich beherzt verachtet,
Nur deine Güter hab ich groß geachtet,
Vergelterin, ich fordre meinen Lohn.

Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder
Rief unsichtbar ein Genius.
Zwei Blumen, rief er - hört es, Menschenkinder -
Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuss.

Wer dieser Blumen Eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre
Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen,
Dein Glaube war dein zugewog'nes Glück.
Du konntest deine Weisen fragen,
Was man von der Minute ausgeschlagen,
Gibt keine Ewigkeit zurück.«

Sind die anderen, die ohne Hoffnung, zuletzt also klüger gewesen? Oder wo steckt bei Schillers aufgeklärter Entlarvung des Hoffens der Fehler?

Ich meine: In der falsch hingestellten Front Hoffnung / Genuss. "Das Christentum ist keine moralische, sondern eine mystische ... keine asketische, sondern eine therapeutische Religion" (Eugen Biser, StdZ 1997,178). Nur ein ideologisch verfälschtes und als Opium missbrauchtes, keineswegs das echte Christentum verlangt vom Menschen, dass er sich zwischen der Freude am Jetzt und der Hoffnung auf DANN entscheide. "Nicht nur für die Schlechten hat Gott die guten Dinge erschaffen," lehrte uns Knaben lange vor dem Konzil ein weiser Benediktiner. "Du konntest deine Weisen fragen", Schiller hat recht. Weise war auch der Jesuit Jean-Pierre de Caussade (1675-1751). Er trennt nicht zwischen Jetzt und DANN, ihm ist – wie allen mystisch Erfahrenen und wahrhaft Glaubenden – das DANN nicht, nach diesem Jetzt, ein späteres, anderes Jetzt, vielmehr sozusagen senkrecht zu solch waagrechtem Abstand stets die dem Jetzt eigene Tiefe: "Der göttliche Wille ist ein Abgrund, dessen Öffnung der gegenwärtige Augenblick ist: Stürze dich hinein in diesen Abgrund, und du wirst ihn immer unendlich größer finden als deine Sehnsucht" (Ewigkeit im Augenblick [Herder 1955], 35).

Nicht wer die Minute ausschlägt also, sondern wer sich ihr liebend anvertraut und durch jeden Augenblick ins Ewige springt, lebt vernünftig. So erlebt er DANN den vollen Konzertklang, dessen winzigen Part er jetzt getreu übt. Ohne Hoffnung auf ALLES wäre jeder Genuss allzu schal. Denn nicht Hoffnung und Genuss sind die entscheidenden Gegensätze, vielmehr Liebe und Lieblosigkeit. Liebloser Genuss ist jetzt schon vergiftet, nicht erst dann, fragt playboys und närrische Banker.

Wenn die anderen aber lieben, sind sie von unserer Hoffnung weniger weit weg, als hier wie dort viele meinen. Auch der Christen Osterhoffnung zittert von der Angst des Karfreitags. Trotz unterschiedlicher Glaubens-Ausdrücke sind wir und die anderen im gleichen Abenteuer beisammen. Das deutet in unserem Paulus-Satz das Wörtlein "kai" an (= und, auch), das in fast keiner deutschen Übersetzung [m.W. nur bei Holtz] wiedergegeben wird. Wörtlich schreibt Paulus: "... damit ihr nicht trauert wie auch die anderen, die keine Hoffnung haben." Auf Latein steht es da: "sicut et ceteri". Dass unsere Übersetzer damit nichts anfangen können, ist verständlich, dieses "auch" klingt unlogisch. Doch kann ja nicht nur Meyers Hutten sondern jeder von sich sagen: "Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch." Was Paulus damals wohl vorschwebte, fühlen wir heute ebenso: Die anderen betrüben sich auch, wie wir, obwohl wir doch fest glauben und ihnen weitersagen, dass Christus den Grund solcher Trauer schon vernichtet hat – für uns alle!

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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