Jürgen Kuhlmann: Friede zwischen Ganz- und Teil-Identifizierten

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Friede zwischen Ganz- und Teil-Identifizierten

Gedanken am einunddreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"Ihr seid abgewichen vom Weg und habt viele zu Fall gebracht durch eure Belehrung" (Mal 2,8).

"Wir sind euch freundlich begegnet: Wie eine Mutter für ihre Kinder sorgt" (1 Thess 2,7b).

"Ihr habt viele zu Fall gebracht durch eure Belehrung" – lässt sich ein schärferes Urteil denken, als was Gott hier durch seinen Propheten Maleachi den Priestern zuruft? Es fehlt nicht an Christen, auch Katholiken, die im Licht solch harter Kritik auch das kirchliche Verbot künstlicher Empfängnisverhütung guten Gewissens verwerfen. Oder denken wir an die Frage gleichgeschlechtlicher Liebe. Stellvertretend mit für alle anderen Kirchen erleidet die anglikanische derzeit den schlimmsten Riss. Die meisten ihrer afrikanischen Bischöfe halten am biblischen Nein zu homosexuellen Praktiken streng fest, während US-amerikanische eben diese Belehrung (die einen beträchtlichen Teil der Menschheit von körperlichem Liebesvollzug ausschließt) für ein zwar überkommenes aber im Licht heutigen Wissens nicht länger verantwortbares Missverständnis von Gottes Willen halten und außer Kraft setzen wollen, so dass auch gleichgeschlechtlich Veranlagte mit Freude Christen sein können.

Welchen geistlichen Rat im Namen Gottes kann bei dieser Sachlage jemand geben, der nicht zusammen mit einem bestimmten Menschen nach Gottes Willen fragt, sondern ihm Unbekannte anspricht, deren Lebenswahrheiten einander vielleicht ins Angesicht widersprechen?

Paulus vergleicht sich selbst mit einer Mutter, die liebevoll für ihre Kinder sorgt. Dieses Bild bringt uns weiter. Der Apostel übernimmt eine Selbstbezeichnung Gottes beim Propheten Jesaja (66,13). Fragen wir also: Behandelt eine Mutter alle ihre Kinder gleich? Ja: gleich liebevoll. Nein: Nicht wie der schlechte Friseur, der alle über denselben Kamm schert. Dem einen Kind gibt die Mutter Milch, dem andern Gulasch. Der eine darf nur bis zehn auf, die andere bis eins weg bleiben.

In einem hinkt der Vergleich. Spricht die Kirche über Geburtenkontrolle oder Homosexualität, so scheidet die Konfliktlinie nicht zwischen Unreifen und Reifen, vielmehr sind auf beiden Seiten alle mehr oder minder reif. Während Ausgereifte ihrem Gewissen auch gegen oder ohne die Belehrung ihrer Institution folgen können, sind minder Reife angewiesen auf die äußere Stütze entweder durch das Verbot (damit sie nicht tun, was für sie schlecht wäre) oder durch die ausdrückliche Festlegung, es bestehe kein Verbot (damit sie sich trauen, was trotz allgemeiner Bedenken in ihrem Fall recht ist).

Aus persönlicher Erfahrung bin ich für das katholische Homo-Tabu dankbar. Weil der Vater Jesu Christi aber auch die gleichgeschlechtlich Veranlagten schafft, deshalb freut es mich, dass andere Gemeinschaften von Christen deren volles Lebensrecht bekräftigen und unter Gottes Segen stellen. Das zu wissen ist auch für katholische Lesben und Schwule hilfreich, weil es ihnen den Mut erleichtert, für sich selbst auf Gottes Dispens vom Kirchengesetz zu hoffen.

Trifft das Gottesurteil des Maleachi auch heutige Kirchenleitungen? Bringen auch sie durch ihre Belehrungen viele zu Fall – wo die doch für viele andere nötig sind? Mir scheint, das Unverantwortbare an den genannten und anderen Verboten im Namen Gottes liege nicht an ihrem Inhalt sondern an der universalen Form. Man tut so, als wäre jedes anders entscheidende Herz nicht nur für die Ordnung dieser Gemeinde am Rand oder draußen, sondern für Gott und sein auserwähltes Volk. Mit lautem Schweigen versteckt man die Glaubenswahrheit, die der neue Katechismus (1778) als Newman-Zitat ausspricht: »Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi.« Wer von dessen Autorität seine Situation erhellt weiß und deshalb einer allgemeinen Vorschrift widerhandelt, macht es wie jener Lehrbub, der einen Auftrag seines Chefs erfüllt und deshalb bei der Verwaltung aneckt, weil der Chef der die Sache vor seiner Abreise in den Polarurlaub nicht mitgeteilt hat. Wird der Stift gar entlassen – denn beweisen kann er nichts – so klärt sich zuletzt doch alles auf.

"Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen" (Joh 14,2). Jede hierarchische Schlüsselgewalt gilt für eine bestimmte Wohnung. Den Generalschlüssel hat Christus allein, er bleibt der Hirt sogar solcher Schafe, die gar kein offizieller Pferch birg. Vor-Bild jenes Vaterhauses, das ohne versperrte Zwischentüren sämtliche Wohnungen enthält, soll die katholische Kirche sein. Tun wir das Unsere, dass sie – jenseits fundamentalistischer Enge, diesseits relativistischer Verschwommenheit – immer kat-holischer werde.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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