Jürgen Kuhlmann: Späte Versöhnung

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Späte Versöhnung

Gedanken am dreißigsten Sonntag im Jahreskreis


"Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen" (Ex 22,20).

"Ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt" (1 Thess 1,6).

7. Sept. 2008. "Freude, die der Heilige Geist gibt", spüre ich heute früh auf spanischem Felsen beim Blick auf das sonnenfunkelnde Meer. Nicht wegen dieser Schönheit, sondern weil Gottes all-liebender Geist mir gestern eine alte Wunde geheilt hat, zugefügt dem fremden Flüchtlingskind, das ich mit neun Jahren war. 1946 hausten wir zu viert in einem Augsburger Zimmer bei einer Halbschwester meiner Mutter. Ihr Mann, ein verbiesterter alter Kirchenfeind, ließ außer der Wissenschaft nichts gelten. Einmal hat er mein aus der Schulbibliothek entliehenes und im Treppenhaus vergessenes Buch lange versteckt, einmal wegen des ihm passierten Kratzers an einem Möbel mich beschuldigt. Hämisch hat er den Glauben des Kommunionkindes verspottet, es für billige szientistische Triumphe ausgebeutet. Ich habe diesen Onkel gehasst, ohne Chance späterer Versöhnung; seit 1947 sah ich ihn nie wieder.

Dieses scheinbar vergessene Dauergeschwür hat bisher ein wichtiges Stück meiner katholischen Dialog-Torte vergiftet. Beim Gespräch mit Protestanten und Juden, Muslimen wie Bahais, Buddhisten und Hindus fällt die Ehrfurcht vor deren fremder Wahrheit mir leicht; zu Kirchenkritikern, Atheisten, Wissenschaftsgläubigen jedoch wurde die Beziehung durch das alte Gift immer wieder verseucht.

Nicht beim stillen Nachdenken. Da ist mir klar, dass Jesu Berufungswort an den "ersten Papst" (Mt 16,18) durch sein scharfes "Zurück, Satan! an denselben Petrus (16,23) ausbalanciert gehört, dass – ähnlich wie in Aida kein Verdi – im Universum keinerlei Gott vorkommt und dass Gottes vom Glauben bejahte Schöpfertat das Sein schafft, d.h. der Dinge und Lebewesen DASS-überhaupt, während ihr Wie vom Wirken der Zweitursachen innerhalb des Seins bestimmt wird, die aber erforscht (und ändert derzeit rasant!) die Wissenschaft, nicht der Glaube. Sollte es stimmen, dass inzwischen schon synthetische Bakterien fabriziert werden, dann müssen auch die nächsten Grenzen hin zu künstlichen Tieren oder gar Vernunftwesen nicht im Namen des Glaubens für unüberschreitbar erklärt werden. Warum soll die Evolution nicht durch unsere Gehirne weitergehen? Das Sein auch solcher Geschöpfe käme, wie jedes, unmittelbar von Gott, selbst wenn ihr Was durch Ingenieurskunst mitverursacht würde. "Alles ist nichts anderes als das Wissen davon im göttlichen Geist" [Eriugena (ca 850) V,27].

Solch theoretische Klarheit war jedoch bisher oft vernebelt, sobald ich es mit einem bestimmten Menschen zu tun bekam, der ähnlich redete wie jener Onkel. Dann projizierte sich – mir unbewusst – sein altverhasstes Bild auf das neue Gegenüber, alle Offenheit für dessen andere Wahrheit war weg, ich fühlte nur: Was du denkst, ist böse und falsch. So auch vorgestern bei einem Gespräch unter Freunden. Ich wurde aggressiv, widersprach schroff auch dem Vernünftigen, was der andere erwog. Auf das Fehlverhalten hinterher aufmerksam gemacht, schlief ich mit der Frage ein: Warum nur?

Während dann gestern früh über dem Meer die Sonne aufging, hat sich auch das innere Licht gezeigt. Nicht leiblich aber als einleuchtendes Angebot an meine Phantasie "sah" ich im strahlenden Sonnenball Christus stehen und vor ihm, von seinen Armen freundlich gehalten, jenen Onkel H. Nicht den fiesen Alten meiner Erinnerung, sondern einen hoffnungsvollen jungen Mann, angetan von der befreienden Botschaft eines Ludwig Feuerbach und den Verheißungen aufgeklärter Wissenschaft. Brüderlich schaute er mich an, als wollte er sagen: Verzeih mir, dass ich zu dem Kind so garstig war. Da habe ich ihm von Herzen alles vergeben.

Deshalb fühle ich jetzt die Freude, die der Heilige Geist gibt, und vertraue, auch der atheistisch-kirchenkritische Sektor meines Dialogkreises sei jetzt entgiftet. Ja: Morgens, wenn die Sonne aufgeht, bleichen die Gespenster. Jenes Lied [Text: rechts oben "More Info" anklicken], vor vierzig Jahren entstanden, könnte jetzt eine neue Strophe erhalten, wird das aber nicht, die Quelle ist versiegt. Wer mag, schaffe sich eine eigene, wenn ihm ein Seelengespenst erlöst wird. Denn nicht weil mein alter Dreck so interessant wäre, breite ich ihn hier aus, sondern damit das Exempel anderen helfe, zwischen kranker Rache und vernünftigem Zeugnis gesund zu unterscheiden.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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