Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Was dem Messias zu wenig wäre

Gedanken zum zweiten Sonntag im Jahreskreis


»Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht« (Jes 49,6).

Diese uralte Verheißung an Gottes Erwählten hat sich - so haben es die ersten Christen erfahren und geglaubt - an Ostern und Pfingsten erfüllt. Genau auf diesen Bibelvers berief sich die beginnende Kirche den Juden gegenüber, als sie sich - von Israels religiöser Obrigkeit exkommuniziert, ihrerseits mit diesem Bruch einverstanden erklärte und der riesigen Welt des Heidentums zuwandte: »Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen aus. Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch mußte das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die Heiden. Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein.« Dieser Schritt auf dem menschheitlichen Glaubensweg war damals dran, der nächste Satz des Berichts stimmt heute für Millionen: »Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn« (Apg 13,45-48).

Seit damals glaubt die Kirche, dass sie selbst »das Israel Gottes« ist (Gal 6,16), das »neue Israel« (vgl. Weltkatechismus Nr. 877), sei es (dieses tragische Selbstmissverständnis begründete die christliche Judenfeindschaft und ist eine Quelle des mörderischen Antisemitismus) statt des jüdischen Volkes (das seit dem Karfreitag von Gott verworfen sei) als Israels Nachfolgerin, sei es (das ist die heutige Sicht der vom Heiligen Geist bekehrten Kirche) zusammen mit dem jüdischen Volk als Israels Erweiterung.

Mit geistlich geheilten Augen endlich richtig gelesen, bekommt der Thema-Satz unserer Lesung einen revolutionär neuen Sinn. Denn so bedeutet der Name »Israel« tatsächlich das ganze Gottesvolk, Judentum und Christentum in einem, während die »Völker« alle übrigen Menschen umfassen, die weder Juden noch Christen sind. Lesen wir nochmals: »Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.« Ja: Christus ist das Licht auch für die Milliarden Menschen, die keine Juden sind und nicht an Jesus als ihren Erlöser glauben. Es wäre tatsächlich »zu wenig«, wollten wir meinen, Christus sei nur für »Israel« insgesamt gekommen, für Juden und Christen.

Sein Licht gehört allen. Deshalb strahlt Weihnachtsglanz im heidnischen Japan, und im neuheidnischen Europa auch solchen Jugendlichen, die überhaupt nicht wissen, was sie feiern. Sagen wir ruhig wie damals Paulus und Barnabas: »So hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein.« Im Licht dieser Heilsbotschaft das Gute sehen und für ES leben kann jemand aus den Völkern auch, solange er nicht die Seite wechselt und selber zu Israel gehört. Nie werden alle Radiohörer im Funkhaus arbeiten. Wer den Messias nur für die da sein lässt, die sich zu seinen Leuten zählen, macht aus dem göttlichen Licht für alle den Chef einer Partei, leugnet ihn schlimmer als die ärgsten Christenfeinde.

Also, liebe Mitchristen, lasst euer Licht leuchten - aber nennt nicht, weil sie euch widersprechen, solche finster, denen es - auf ihre Weise in seinem Sinn - längst in anderen Farben leuchtet! Wie sagte früher mal ein Jesuit zum Protestanten? »Nun gut, verbleiben wir so: Sie dienen Gott auf Ihre Weise, und ich auf seine.« Die Antwort war lustig aber mehr dreist als wahr. Wenn im Flötenquintett der erste Geiger zugleich dirigiert, spielt die zweite Geige zwar mehr auf seine Weise, die Flöte aber ebenso, ja zuweilen noch ausdrucksvoller in seinem Sinn!

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Hinweis auf eine spannende Radio-Sendung am 2. Februar 2014:

Erwachsen, hat das Krippenkind zu Gott gebetet, "im Heiligen Geist gejubelt" und gegen religiöse Selbstentfremdung bis zum Tod gekämpft. In drei Richtungen ist es deshalb mit großen Gruppen der heutigen Menschheit total solidarisch !


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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