Jürgen Kuhlmann: Wir sind doch keine Sekte

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Wir sind doch keine Sekte!

Gedanken am zweiten Ostersonntag


"Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten" (Apg 2,47). Außerhalb der Liturgie gehört, klänge ein solcher Satz nach Sektensprache. Tatsächlich wird in derselben Apostelgeschichte später (24,5) Paulus vom Rechtsanwalt seiner jüdischen Gegner beim römischen Statthalter als "Rädelsführer der Nazoräersekte" verklagt. In der lateinischen Bibel steht hier seit der Antike das Wort "secta", im Original "hairesis". In den Augen der Welt hat das Christentum als Sekte und Häresie begonnen, beides klingt kirchlichen Ohren nicht gut.

Was hat sich geändert? Kritiker meinen: Bloß die Größe. Aus der winzigen Sekte sei eine riesige geworden, der Einzigkeitswahn herrsche nach wie vor. Auch im Weltkatechismus (2105) wird unser Glaube "die einzige wahre Religion" genannt. Das ist freilich mit Verstand zu lesen! Ich glaube, es bedeutet zweierlei:

1) Für Katholiken ist er das. Glaube ist keine Allerweltswahrheit sondern das Persönlichste, was es gibt. Als Familien-Dokument darf der Katechismus feststellen: Mutter ist die beste.

2) Für die Menschheit als ganze ist unser Glaube eine notwendige Wahrheit, ähnlich wie dein Herz-Programm für dich lebensnotwendig und für dein Herz die einzige Wahrheit ist - sie wertet Darm und Lunge nicht ab, versorgt vielmehr alle Organe treu mit frischem Blut . Trug nicht Gandhi stets ein Neues Testament bei sich?

Wozu sind die Gläubigen bestimmt: zum Fest nach der Zeit?

Von denen, "die gerettet werden sollten", wird in der Apostelgeschichte später (13,48) gesagt: "Alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren."

Sooft das in einer Kirche verlesen wird, müssen die Hörer doch fragen: Und was ist mit den anderen, die nicht gläubig wurden? Sind die nicht fürs ewige Leben bestimmt? Also für dessen Verlust, den ewigen Tod? Und schon ist die logische Falle zugeschnappt. Denn während man unter Christen immer zweifeln kann, ob jemand wirklich gläubig ist oder anderen, gar sich selbst bloß etwas vormacht - wer die Taufe ablehnt, scheint zweifellos ungläubig und mithin unterwegs zur Hölle. Ein solches Ärgernis verdient keine menschliche Rücksicht, am besten jätet man es aus ... Wo steckt der Fehler?

Um das Verständnis eines einzigen Wortes geht es: "fürs ewige Leben bestimmt". Wer ist der Bestimmer? Offenbar Gott. In welchem Sinn bestimmt er, und wozu? Die Frage ist von der Tradition einheitlich beantwortet worden: gemäß dem Modell eines irdischen Festes, zu dem die einen vom Veranstalter bestimmt werden, während andere draußen zu bleiben haben. Auf Erden geht das nicht anders, kein Reichtum ist grenzenlos; wollte man jeden einlassen, hätte niemand mehr Spaß. Blicken wir in Bibelübersetzungen. Erhellend ist die lateinische, da steht "praeordinati", vorausbestimmt. Als ich in Berlin die MoMA-Ausstellung besuchen wollte, war ich als Ticket-Inhaber schon für die Hauptschlange vorausbestimmt, mußte mich nicht auch vor der Kasse anstellen. Luther schreibt "verordnet", auf englisch/italienisch heißt es ordained/-inati, frz./span. destinÚs/-ados. Immer geht es darum, von der entscheidenden Autorität bestimmt zu sein. Wozu? Zum ewigen Leben.

Oder: zu einem neuen Menschheitsprogramm?

Ich schlage vor, den Verständnisrahmen abzuwandeln. Nicht Lukas verdient Tadel. Den Urchristen hat die ungeheure Neuheit des Osterlichts alles andere überstrahlt, sie wußten nur: Jesus Christus hat uns das Ewige Leben gebracht, alles ist jetzt ganz anders. Diese herrliche Gewißheit drückt sich in unserem Satz aus: "Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren." Auf den Gedanken, aus dieser Überzeugung könnten sich üble Folgen ergeben, mußte damals niemand kommen. War nicht endlich alles klar?

Nach bald zweitausend Jahren wissen wir es besser. Der tatsächliche Umgang der Christenheit mit Fremden zwingt uns, das Wort des lebendigen Gottes, das sich in dem Satz ausspricht, exakter zu verstehen. In welchem Sinn sind wir Christen zum ewigen Leben bestimmt? Das griechische "tetagmenoi" hat einen geradezu militärischen Klang, "taxis" heißt auch Kolonne, Heerhaufen, ein Taxiarch ist ein Unterfeldherr. "Ewiges Leben" meint also nicht - was uns selbstverständlich scheint - ein gewaltiges Fest nach der Zeit, für die ersten Christen war es mehr der gotterfüllte, herrliche Sinn schon dieser Zeit, der sich nach ihr freilich noch voller offenbart, wirklich aber ist er jetzt schon. "Wir wissen, daß wir aus dem Tod ins Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben" (1 Joh 3,14). Was ist also das ewige Leben im urchristlichen Sinn? Ein quasi-militärisches "Eingereihtsein" (und nicht: Vorherbestimmtsein!) in jene göttliche Truppe, die den Endsieg unverlierbar vor, mehr: schon in sich hat. Deshalb sind den ersten Christen heute die Soldaten der Heilsarmee um einiges ähnlicher als wir normale Kirchensteuerzahler, sie kennen ihren himmlischen Kompaniechef und führen jeden Tag des ewigen Lebens seine Befehle aus. Auch die Jesuiten wurden von einem Offizier gegründet.

Als diese Truppe haben wir Christen den klaren Auftrag: Geht hin und sagt überall allen die Gute Nachricht weiter: Ihr werdet soeben gerettet. Sei es, indem ihr euch von uns zum selben Dienst anwerben lasst. Wenn dein Gewissen dir diese Uniform aber abrät oder verbietet, tu einfach dein Gutes! Nicht nur ein Organ belebt Gottes Weltleib, bunt leuchten die Frühlingswiesen. Nur wenige der Radiohörer arbeiten im Funkhaus; Betriebsblindheit dort vernimmt weniger als ein wacher Sinn in unbekannter Kammer ...

[Ausführlicher hier]

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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