Jürgen Kuhlmann: Oekumene mit den Gottlosen

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Oekumene mit den Gottlosen

Gedanken am zweiten Fastensonntag


»Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein« (Gen 12, 1f).

Wir wissen nicht, wann diese Anrede geschah. Wie viele Menschen sind es gewesen, Frauen wie Männer, die allmählich immer deutlicher verstanden, dass jenes große Ganze, die Wirklichkeit überhaupt, nicht bloß ein geheimnisvolles ES ist, vielmehr für sie JEMAND sein will, zu dem sie DU sagen dürfen und sollen? Irgendwie muss der Ein-Gott-Glaube, der das glaubende Herz auch selbst personalisiert und zu eigener Freiheit vor Gott verselbständigt, in der Menschheit begonnen haben, denn unsere tierischen Vorfahren kannten ihn nicht.

Alle vier monotheistischen Religionen (Bahais mitgezählt) berufen sich auf Abraham. Sind sie Fluch oder Segen? Vor dem Hintergrund ihrer unermesslich zweideutigen Geschichte heißt es endlich einsehen: Dies ist - so allgemein gestellt - eine falsche, deshalb unbeantwortbare Frage! Für ein Opfer alt- wie neuheidnischer Gräuel war und ist fester Glaube an die mich meinende ewige LIEBE ein millionenfaches Glück - die von Inquisitionsbütteln gefolterte Hexe hat deren Religion, die solches befahl, mit Recht verflucht.

Derzeit gibt es gar ein Kinderbuch (erfolgreicher als mein friedliches, das noch kein Verleger fand), "das die Religionskritik unverhohlen in die Kinderzimmer bringt, das (religiöses) Judentum, Christentum, Islam schon für Grundschüler verständlich als Wahnsysteme entlarvt!", heißt es auf der Homepage des Verfassers. Er ist auch Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. "Vielleicht verkündet ihr das Urteil mit größerer Furcht, als ich es entgegennehme," soll Bruno zu seinen vatikanischen Richtern gesagt haben. Am 17. Februar 1600 brannte sein Scheiterhaufen auf dem Blumenmarkt in Rom.

Obwohl ich vor Jahrzehnten dort entsetzt vor seinem Denkmal stand, wurde ich Priester und werde, so Gott des Verantwortlichen Herz vor meinem Tode rührt, es auch sichtbar wieder sein. Ich weiß aber seit damals, dass jene vielen, für welche die Kirche eine Verbrecherin ist, nicht falsch denken, nur - wie wir alle - einseitig.

Der antireligiöse Humanismus sieht nur den in religiösem Wahn das Messer zückenden Abraham, dem »der Engel des Herrn« dann in den Arm fällt. Diesem Engel stimmen die Kirchenfeinde zu, mit Recht. Den wahrhaft glaubenden Abraham der heutigen Lesung erblicken sie nicht. Der dunkle Engel ist aber nicht mit dem Teufel zu verwechseln. Die religionskritische Wahrheit ist für Christen wichtig, deshalb müssen ihre Verfechter uns nicht ferner stehen als andere Andersgläubige, die ja hoffentlich anders Gläubige sind, so auch Luis Buñuel bei seinem berühmten Ausspruch »Ich bin Atheist, Gott sei Dank.« Auf ihn und seinesgleichen fühle ich mich als Christ in einer ebenso klaren wie friedlichen Stereo-Spannung bezogen. Obwohl die Glaubenstrompete nie so klingt wie ein unfrommer Kontrabass, müssen beide Musiker einander doch achtsam vernehmen, sonst wird ihr Ganzes nicht das, was der Komponist will - oder die improvisierende Gruppe? Das ist DANN, wenn GOTTT ALLES IN ALLEM ist, kein Widerspruch mehr.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-2f.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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