Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Himmlisches Löwenstroh

Gedanken zum zweiten Adventssonntag


Der kürzeste Satz der ersten Lesung hat mich schon als Kind gewundert. Was für ein groteskes Bild! "Der Löwe frißt Stroh wie das Rind." Wenn er es täte: wäre die Schöpfung dann wirklich besser? Ohne Raubtiere, ohne machthungrige Menschen, als riesiger Kindergarten mit täglich rosa Limonade?

Ein Löwe als Vegetarier: das ist wie ein vielperspektivisches Bild von Picasso. Wir sollen die gewaltige Spannung wahrnehmen, die uns durchschwingt. Es ist die Spannung zwischen jedem einzelnen, von Gott als einmalig geschaffenen Ich und unserem gemeinsamen Wir. Wer diese Spannung einseitig auflöst, zerstört das Leben. Ein Ich ohne Wir, das ist Egoismus, eine schäbige Sache. Wenn aber, umgekehrt, ein Wir die einzelnen Ich aufsaugt: das ist nicht besser. Egal, von welchem Kollektiv jemand verschlungen wird, lebensfeindlich sind sie alle, ob Kommunismus oder Nationalismus oder auch, im Kleinen, die Rücksichtslosigkeit eines Familien-Wir gegenüber einem Mitglied, sei das hier die sich hinopfernde Mutter, dort der ausgebeutete Vater oder da ein gewaltsam eingepaßtes Kind.

Ich glaube, so läßt der Stroh fressende Löwe sich gut verstehen, : auf der einen Seite der stolze Löwe, König der Tiere, seiner Herrscherwürde wohlbewußt, wehe der frechen Gruppe, die ihn als Schaf behandeln wollte, schon ein leises Fauchen müßte sie warnen. Das ist der Ich-Pol. Machen wir uns klar: Er ist keineswegs nur etwas Geschöpfliches! Sondern nach dem schönen Wort des heiligen Augustinus ist Gott mir innerlicher als ich selbst. "Glieder des Leibes Christi" heißen und sind wir: Ähnlich wie dein eines Ich anders im Daumen spürt, im Auge sieht und in der Zunge schmeckt, so konzentriert sich derselbe Schöpfer in jedem von uns anders auf seine, je unsere Welt. Und diese sich schöpferisch austeilende Selbstkonzentration Gottes auch in dir: das ist dein Bewußtsein! Darum hat jeder, auch der äußerlich scheinbar ärmste Mensch einen unendlich wahren Grund, sich als Löwe zu fühlen.

Auch der äußerlich Mächtige soll sich aber nicht auf die Mitmenschen stürzen und sie zerfleischen. Denn auch in den anderen lebt derselbe Gott. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", das übersetzt ein indischer Freund so: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Ein gesunder Finger reißt dem gemeinsamen Ich nicht das Ohr ab, sondern wird es gegen eine Mücke solidarisch schützen. Deshalb sei das Löwen-Ich ausbalanciert vom (nicht einmal Gras sondern) Stroh kauenden Wir-Bewußtsein. Solche Balance ist wahrhaft göttlich, nämlich unsere Teilhabe an der Spannung zwischen dem bestimmten WORT Gottes und der all-umgreifenden Einheit des Heiligen GEISTes.

Sie sehen: In dem scheinbar unsinnigen Bild des Stroh fressenden Löwen läßt sich eine "Stereo-Wahrheit" entdecken, die Spannung zweier gegensätzlicher Lebenspole, die nur miteinander wahr sind. Äußerlich muß jeweils einer der Pole vorherrschen, den anderen stören. Geistig steigern sie einander. So wenig aus dem einzigen Lautsprecher des Küchen-Radios ein Stereo-Konzert tönt, so wenig könnte ein normales Bild beides ausdrücken: die unendliche Würde des göttlichen ICH in dir und zugleich das Verschwinden aller Eigenheit im göttlichen WIR. Am paradoxen Bild wird uns beides gezeigt; vernünftige Betrachter ahnen im Widerspruch das Geheimnis nie ganz begreifbarer Fülle.

Eine längere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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