Jürgen Kuhlmann: Ehelicher Ausflug zur Grammatik-Grenze

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Ehelicher Ausflug
zur Grammatik-Grenze

Gedanken am achtundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"An jenem Tag wird man sagen: Seht, das ist unser Gott, auf ihn haben wir unsere Hoffnung gesetzt, er wird uns retten. Das ist der Herr, auf ihn setzen wir unsere Hoffnung. Wir wollen jubeln und uns freuen über seine rettende Tat" (Jes 25,9).

"Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken" (Phil 4,19).

Das Wörtchen "mein" hat sehr verschiedene Sinne. Vergleichen wir zwei Reihen:

a) Mein Chef, mein Wächter, mein Henker, mein Gott.
b) Meine Freude, mein Glück, mein Herz, mein Gott.

Wer "Gott" nur gemäß der ersten Reihe denkt, lebt in religiöser Selbstentfremdung; wer nur gemäß der zweiten, dessen Mystik läuft Gefahr, zu unverantwortlichem Egoismus zu verderben. Denn mein Gott ist immer auch dein Gott, innerstes Leben meines Mitmenschen. An ihm vorbei, gar gegen ihn, erreiche ich höchstens eine Innen-Projektion meiner selbst, nie wirklich MICH = DICH den all-liebenden Gott. Deshalb streckt lebendiger Glaube sich in beide Richtungen aus: zu Gott meinem Herrn und meinem Glück. Beide Beziehungen gleichen entgegengesetzten Aufstiegen zum selben Gipfel eines Berges. Jenes "und" in ein "=" zu wandeln ist das geahnte, auf Erden nie ganz erreichte Ziel.

Seiner bewusst zu bleiben hilft mir ein grammatikalisch hart klingendes, privat aber erhellendes Spiel mit Fürwörtern. Der ruhigen Atemzüge der neben mir Schlafenden gewahr, bete ich: Du mein Gott, behüte sie mir. DU unser Gott, bleib der glühende Kern unserer Liebe. Segne uns nicht nur als DU ihr Gott, als schöpferische Mitte ihrer hier neben mir, vielmehr bete ich jetzt ausdrücklich: DU dein Gott, sei Quelle, Fülle und Ziel meiner Beziehung zu dir, schärfe immer mehr meine Bereitschaft, DIR in dir zu leben, die ja nicht bloß jemand neben mir ist. Sondern du bist der andere Pol der wunderbaren Lebensspannung, unseres sich je verewigenden Wir.

Freilich bist DU dein Gott mir noch unbegreiflicher als DU mein Gott. Doch DU unser Gott wirst, als deine und meine wohlwollende Sinnmitte, uns selbstkritisch achtsam machen und diese Liebe gütig ebenso vollenden, wie DU sie vor Jahrzehnten hast aufblühen lassen.

Wen von uns beiden wird - wann? - der Abschied treffen, den ich symbolisch auf unserer spanischen Insel erlebte? Sie misst bei ruhiger See etwa 0,3 qm, jede Welle überspült sie - Vorzeichen dessen, was vermutlich vielen bewohnten Inseln im Weltmeer bevorsteht.

Abschieds-Strophe

Eine Welle riss dich fort
jäh von meiner Seite
welche ihrer Schwestern dort
bringt mich dir ins Weite?

Dein unser mein und aller Gott, dankbar bete ich DICH an.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


Möchten Sie über vieles in unserem Glauben auch mal fern von Computern lesen? Im Mai 2013 erschienen ist eine Sammlung meiner Predigt-Texte für die liturgische Zeit zwischen Pfingsten und Advent. So sieht das Buch aus, es umfasst 153 Seiten, dies ist sein Inhalt, hier liest man meinen - manches Rätselhafte erklärenden - Begleitbrief zur Werbe-Anzeige. Das Buch bietet Predigern wie Religionslehrer(inne)n eine Fülle geistlicher Anregungen, auch durch ein "Sümmlein der Theologie", nämlich 82 Verweise ins Internet. Wer also sich oder einem/r befreundeten Reli-Profi (oder bestell-berechtigten Bibliothekar) eine nützliche Freude machen will, bestelle das spannende Buch bei mir (bitte mit deutlichem Betreff: Buch-Bestellung) und bekommt es samt der Rechnung über 12,80 sogleich portofrei zugeschickt.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-28s.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann