Jürgen Kuhlmann: Fettfleck oder Kunstwerk - oder beides?

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Fettfleck oder Kunstwerk - oder beides?

Gedanken am siebenundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren."

Diese herrliche Hoffnung des Apostels Paulus verstehen wir heute besser als damals er selbst. Gewiss nicht tiefer. Aber - sagen wir - genauer, was ihre Folgerungen angeht. Immerhin hatte der Heilige Geist fast zweitausend Jahre Zeit, uns Christen in ihren Sinn einzuführen (Joh 16,13). Das hat er getan und tut es weiterhin.

Paulus spricht vom Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt. "Versteh doch mal!" heißt ungefähr: Versteh die Situation richtig, nämlich gemäß meinem Verständnis. Das ist so, als würde ein Orchestergeiger der Flötistin seine Noten auf ihr Pult legen. Die will aber nicht so verstehen sondern ist lieber vernünftig. Weil Vernunft von Vernehmen kommt und beide Musiker, obwohl jeder nur den eigenen Part klingen lässt, miteinander den Gesamtklang vernehmen, deshalb handelt die Flötistin vernünftig nur, wenn sie - dem höheren Frieden zuliebe - gegen des Geigers Zumutung ihren eigenen Noten treu bleibt.

Alles menschliche Denken übersteigt der Friede Gottes. Wer denkt, muss unterscheiden, wählt und schließt aus. Ein Fettfleck an der Wand ist Kunst oder Schmutz; verständig und verständlich ist es, ihn entweder auszustellen oder weg zu putzen und entsprechend die übereifrige Putzfrau oder den lässigen Künstler zu schelten. Eine friedlich beide vernehmende Vernunft tut sich während des Konflikts schwer, denn "Re-ales" (von lat. res = Sache) muss sich so oder anders festlegen. Im Rückblick wird sie jedoch die zerstrittenen Gemüter zu versöhnen trachten und sich mit Fantasie um eine neue Einheit bemühen.

Deutlicher als die ersten Christen vernehmen die heutigen im "unsagbaren" (2 Kor 12,4) Wehen des Heiligen Geistes, dass Gottes Friede alles Verstehen übersteigt, auch ihr eigenes, wie es sich in Jahrhunderten zu einer reichen Theologie ausgestaltet hat. Deshalb wagen sie es, anders als die meisten ihrer Väter im Glauben noch vor hundert Jahren, nicht länger, aus den Widersprüchen zwischen Christentum und z.B. Islam oder Buddhismus schlicht zu schließen, diese anderen Glaubensweisen seien falsch.

Die große Simone Weil hat diesen Trugschluss im Mai 1942 aufgedeckt, im Brief an Pater Perrin OP: "Sie haben mir auch sehr weh getan, als Sie eines Tages das Wort 'falsch' gebrauchten, als Sie 'nicht-orthodox' sagen wollten ... Es ist unmöglich, dass dies Christus gefällt, der die Wahrheit ist. Es scheint mir sicher, dass dies bei Ihnen eine ernstliche Unvollkommenheit darstellt. Und warum sollte es Unvollkommenheit in Ihnen geben? Es passt sich durchaus nicht für Sie, dass Sie unvollkommen sind. Das ist wie eine falsche Note in einem schönen Gesang."

Als tüchtige Putzfrau darf die Kirche zwar die eigene Wand fettfrei halten, betreibt das mit allerlei Enzykliken auch zu Recht. Solch häusliches Nein zum Fettfleck schließt aber kein vernichtendes Urteil über dessen Kunstwert an fremden Wänden ein - wo auch Christen ihn bewundern dürfen!

Dank sei DIR, Gott, dass DU uns jetzt klar verstehen lässt: Dein Friede übersteigt alles Verstehen.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.

Gedanken zum Erntedankfest


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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