Jürgen Kuhlmann: Dreieinige Lebensreise

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Dreieinige Lebensreise

Gedanken am fünfundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis

samt einem Nachwort zum Papstbesuch in Erfurt


"Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken" (Jes 55,8 f).

Vermessen scheint es, wenn jemand ausgerechnet zu diesen Bibelsätzen etwas sagen will. Leugnet er damit nicht den ungeheuren Gegensatz DEINer und seiner Gedanken? Wäre nicht Verstummen die richtige Antwort? Nun: Allein dadurch, dass Jahrhunderte vor Christus der Prophet Jesaja diese Worte niederschrieb und sie vom Volk Israel und dann von Jesus und der Kirche als Gottes Worte vernommen werden, sind Gottes Gedanken zum Thema menschlicher Gedanken geworden. Nicht als verstünden wir, was sie sind.

Dass sie aber himmelhoch über unseren sind, darauf können wir uns zuversichtlich verlassen. Und dankbar: Denn so sind unsere Gedanken entlastet. Niemand erwartet von uns, dass wir alles allseitig verstehen. Weil Gott das tut, darf ich getrost meinen beschränkten Weg gehen, wie mein Gewissen ihn mir anweist. Auch er ist einer der Gedanken des Schöpfers. Als solcher bleibt seine Wirklichkeit allerdings himmelhoch über dem, was von meinem Weg ich mit begrenztem Verstand zu überblicken meine, in die Zukunft entwerfe und in umfassendere Strukturen einschreibe. Tun müssen wir das, als denkende, planende, uns zusammenschließende Wesen sind (besser: werden) wir geschaffen (denn je im Augenblick denkst DU uns DIR aus).

Was DU "eure Wege" nennst, sind nicht nur individuelle, sondern auch die mehr oder minder organisierten Wege einer Familie, eines Staates, auch einer Konfession. Sofern diese Gemeinschaften Geschöpfe sind, also von DIR gewollt, gilt DEIN sie gestaltender Wille mehr als die Wünsche einzelner, dies ist die Wahrheit der "Konservativen" aller Glaubensrichtungen. Warum sollte Gott als Schöpfer umfassender Sinngestalten auf seine erhabene Weise nicht - wie menschliche Schöpfer - viele Mitwirkende in weite Zusammenhänge berufen? Was Richard Wagner in Bayreuth mit Hunderten tat, das steht dem Herrn der Heilsgeschichte mit Millionen frei, auch in der katholischen Kirche. Schön vergleicht Gilbert Chesterton die Kirche mit der für ein Kinderheim auf sturmumtostem Inselchen Verantwortlichen: Damit die Kinder angstlos spielen, errichtet sie vor dem Abgrund einen starken Zaun. Ohne den würden sie ängstlich in der Mitte zusammenhocken.

Solche Logos-Klarheit der Rechten muss freilich immer wieder ausbalanciert werden von linker Pneuma-Dynamik. Nicht alle Gläubigen sind immer wie unmündige Kinder, Paulus wünschte sie (1 Kor 3,2) anders. Nicht nur deutlich markierte Wege auf dem Festland weist DU den Deinen an. Von einem Psalmvers, den alle Priester kennen, ließ Joachim von Fiore, der Prophet des Heiligen Geistes, sich vor achthundert Jahren zu einem mitreißenden Symbol inspirieren: "Es ist äußerst schwierig, Wort für Wort die Verläufe der göttlichen Wege zu besprechen ... Wie die Schrift bezeugt: 'Im Meer sind deine Wege, zwischen vielen Wassern deine Pfade, und deine Spuren sind nicht sichtbar' (Ps 77,20). Die Meerwege sind in der Tat nicht wie die auf der Land-Oberfläche; gelangt man da an eine enge Stelle, kommt man unmöglich anderswo vorbei, sondern wenn sich ein Weg für alle auftut, folgen die einen den anderen. Von Seefahrern hingegen wählt jeder seinen Weg, wie ihn der Winde Wehen leitet, und wenn sich beim Lesen der Himmelszeichen keiner irrt, werden ... alle zum einzigen Hafen gelangen."

Vor 51 Jahren bin ich im römischen Theologie-Examen beim ersten Versuch auch deshalb durchgefallen, weil ich es als zweifelhaft hinstellte, ob Jesus die Kirche gründen wollte. Heute glaube ich, dass Christen auch die Beziehung der göttlichen zu den menschlichen Wegen am besten im Zusammenhang unserer drei-einigen Herzwahrheit verstehen:

a) Weil Gott in Christus ein Mensch geworden ist und Menschen auf Klarheit, feste Regeln und gemeinsame Ordnungen angewiesen sind, deshalb begegnet uns Gottes Wille auch in solcher Logos-Gestalt, damit müssen wir immer rechnen.

b) Doch kommt für Glaubende die Stunde, da sie sich statt auf gut beschilderter Straße plötzlich in einem Boot mitten auf Wogen vorfinden. Ist der Herr dabei? Hoffentlich, aber anscheinend schläft er. Dann vertrauen tüchtige Segler sich dem Wind an.

c) Insofern schließlich über allen irdischen Wegen der Himmel unendlich erhaben ist, verbietest DU, Gott, es uns, fremde Wege (außer eindeutig bösen) zu verurteilen. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Mt 7,1).

Nicht vergessen dürfen wir aber, dass die dreieinigen Dimensionen nur ineinander Gottes Wahrheit sind. Logos und Pneuma

[entstanden im Forum P. Klein, siehe:
www.oki-regensburg.de/
dann auf der linken Spalte: Forum P. Klein
dann fast oben in der Mitte: Forum
dann links unten: Forum]

lassen sich theoretisch unterscheiden und praktisch verschieden akzentuieren aber nicht trennen. Jedes Symbol enthält in sich auch die anderen. Seien wir denn - mal miteinander mal allein - unterwegs auf verständigen Landwegen (unter federnden Gelenken und Schuhen) und geistlichen Meerwegen (dank stabilen Schiffen) im Aufblick zu göttlichen Himmelswegen. Gute Reise!

*

[2011 schrieb ich:] In Erfurt wird Papst Benedikt am nächsten Freitag auf Martin Luthers Spur treffen. Ein halbes Jahrtausend liegt zwischen den Schritten beider Männer am selben Ort, nur der Abstand von fünf Versen im selben Kapitel 16 des Matthäusevangeliums spannt die gegensätzlichen Jesusworte auseinander, die beider Bekenntnisse prägen. In Vers 18 wird Petrus zum Grundstein der Kirche ernannt, in Vers 23 heißt er Satan und Stolperstein. Das erste Wort ziert in riesigen Lettern die Peterskuppel, das zweite befeuert bis heute die protestantische Papstkritik. Wie schaffen denkbereite Christen es, diese Heilsspannung nicht zu zerreißen, sondern dem einen Gotteswort zu glauben?

Das in der Nachfolge des Erasmus zu versuchen, war vor Jahren das Anliegen dieser Petrus-Predigt. Ich nehme an: Sowohl dem Papst wie auch den evangelischen Christen, die ihn in Erfurt begrüßen werden, sind solche Gedanken längst vertraut. Was folgt daraus für die künftige Gestalt der einen vielbunten Kirche Jesu Christi?

Was wird, weiß Gott allein. Doch ahne ich, was ein christliches Herz wünschen kann: Dass in allen Kirchen die Glaubenden sich zusammenfinden, die trotz logisch-organisatorischer Unvereinbarkeit beider Jesusworte dennoch an deren geheimnisvoller Einheit festhalten wollen. Weil sie schlicht der Bibel glauben und zudem erfahren haben, wie irdische Ordnung sich immer wieder vor Gottes Unberechenbarkeit verkrümelt. Sie wundern sich nicht, wenn ein Mitchrist weiterhin bloß einen Pol scharf akzentuiert (wie jüngst der ehedem katholische, dann protestantische Chrismon-Chefredakteur mit grimmiger Papstschelte). Dreieiniges Stereo (links-rechts-Mitte; dieses aktuelle Gleichnis scheint mir heute notwendig) verlangt Deutlichkeit hier wie dort. Freilich auch lebendige Beziehung beider Pole. Sollen zu Trennschärfe Entschlossene (weil Berufene?) nicht einseitig verkümmern, sind sie auf den Versöhnungsdienst oekumenisch Gesinnter angewiesen. Deren friedliches Selbstbewusstsein lasse sich von der Spannung beider Jesusworte immer neu beleben.

*

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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