Jürgen Kuhlmann: "Und dann?" muss keine fiese Frage sein

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

"Und dann?"
muss keine fiese Frage sein

Gedanken am vierundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis

samt einem Nachwort zum Papstbesuch in Erfurt


"Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft!" (Sir 28,6)

Denk an das Ende - das scheint ein missgünstiger Rat. Jemand ist lustig, freut sich eines Erfolges oder einfach, dass es ihn gibt, da geht ein anderer her und schmiert ihm Dreck aufs Honigbrot: Ätsch, vergiss nicht, auch das muss böse enden. In allem, was dir Spaß macht, ist längst der Wurm drin. Mag dein Apfel noch so lecker glänzen, du beißt hinein - und spuckst gleich aus. Bä! alles faul. Auch die Kirche wird oft mit drohend gerecktem Finger erblickt: Wart nur ab, wirst schon sehen, wie das endet.

Aber nicht "Ätsch!" ist das Grundwort des Christentums sondern "Freut euch!" Die heutige Lesung ist ein gutes Beispiel. Denn im Zusammenhang hat die Mahnung nichts Missgünstiges an sich. "Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft!" Freu dich schon jetzt, dass zuletzt nicht das Gegeneinander gilt sondern das Miteinander. Wie Sportler während des olympischen Wettkampfs gegeneinander antreten, zuletzt aber gemeinsam auf dem Podest stehen werden, so soll es auch bei irdischen Feindschaften überhaupt sein. Wie weit sie berechtigt, ja nötig sind, müssen wir nicht wissen, für entscheidend gelte uns aber schon jetzt, dass zuletzt nicht mehr Streit sondern Versöhnung unsere Wahrheit ist. Wie beim Sportfest das vorausgewusste friedliche Ende schon den Wettkampf innerlich prägt und (hoffentlich) aus Verbissenheit Fairness macht, so mahnt der heutige Bibeltext: "Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft!" Nimm jetzt schon jeden nötigen Kampf zwar ernst, nicht grimmig jedoch sondern sportlich. Tritt, wo es sein muss, als Gegner auf. Aber nicht als Feind. Als mein Vater nach dem Krieg in einer französischen Kathedrale als Ministrant einsprang und der Priester nach der Messe fragte, woher er sei, war die Antwort: "Mon père, ich bin der Erbfeind."

Im Sinn des Gottes, der die Liebe ist, meint "denk an das Ende!" nichts Fieses. Dem Glauben hat gerade nicht der Wurm das letzte Wort, vielmehr der neugeschaffene Apfel des Anfangs. "Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht" (Offb 2,7). Sagt Glaube "Ende", meint er nicht den Schlusspunkt einer verschwindenden Linie, sondern ihre bleibende Gestalt. Besonders schön hat das Viktor Frankl erklärt [zitiert in CiG 30/2008,329]:

"Die Zeit wird missverstanden. Denn wie steht der durchschnittliche Mensch zur 'Zeit'? Er sieht nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit - aber er sieht nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit. Er will, dass die Zeit stillstehe, auf dass nicht alles vergänglich sei; aber er gleicht darin einem Manne, der da wollte, dass die Mäh- und Dreschmaschine still stehe und am Platz arbeitet und nicht im Fahren.

Denn während die Maschine übers Feld rollt, sieht er - mit Schaudern - immer nur das sich vergrößernde Stoppelfeld, aber nicht die gleichzeitig sich mehrende Menge des Korns im Inneren der Maschine. So ist der Mensch geneigt, an den vergangenen Dingen nur zu sehen, dass sie nicht mehr da sind; aber er sieht nicht, in welche Speicher sie gekommen. Er sagt dann: Sie sind vergangen, weil sie vergänglich sind - aber er sollte sagen: vergangen sind sie; denn 'einmal' gezeitigt, sind sie 'für immer' verewigt."

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In Erfurt wird Papst Benedikt am übernächsten Freitag auf Martin Luthers Spur treffen. Ein halbes Jahrtausend liegt zwischen den Schritten beider Männer am selben Ort, nur der Abstand von fünf Versen im selben Kapitel 16 des Matthäusevangeliums spannt die gegensätzlichen Jesusworte auseinander, die beider Bekenntnisse prägen. In Vers 18 wird Petrus zum Grundstein der Kirche ernannt, in Vers 23 heißt er Satan und Stolperstein. Das erste Wort ziert in riesigen Lettern die Peterskuppel, das zweite befeuert bis heute die protestantische Papstkritik. Wie schaffen denkbereite Christen es, diese Heilsspannung nicht zu zerreißen, sondern dem einen Gotteswort zu glauben?

Das in der Nachfolge des Erasmus zu versuchen, war vor Jahren das Anliegen dieser Petrus-Predigt. Ich nehme an: Sowohl dem Papst wie auch den evangelischen Christen, die ihn in Erfurt begrüßen werden, sind solche Gedanken längst vertraut. Was folgt daraus für die künftige Gestalt der einen vielbunten Kirche Jesu Christi?

Was wird, weiß Gott allein. Doch ahne ich, was ein christliches Herz wünschen kann: Dass in allen Kirchen die Glaubenden sich zusammenfinden, die trotz logisch-organisatorischer Unvereinbarkeit beider Jesusworte dennoch an deren geheimnisvoller Einheit festhalten wollen. Weil sie schlicht der Bibel glauben und zudem erfahren haben, wie irdische Ordnung sich immer wieder vor Gottes Unberechenbarkeit verkrümelt. Sie wundern sich nicht, wenn ein Mitchrist weiterhin bloß einen Pol scharf akzentuiert (wie jüngst der ehedem katholische, dann protestantische Chrismon-Chefredakteur mit grimmiger Papstschelte). Dreieiniges Stereo (links-rechts-Mitte; dieses aktuelle Gleichnis scheint mir heute notwendig) verlangt Deutlichkeit hier wie dort. Freilich auch lebendige Beziehung beider Pole. Sollen zu Trennschärfe Entschlossene (weil Berufene?) nicht einseitig verkümmern, sind sie auf den Versöhnungsdienst oekumenisch Gesinnter angewiesen. Deren friedliches Selbstbewusstsein lasse sich von der Spannung beider Jesusworte immer neu beleben.

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Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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