Jürgen Kuhlmann: Kerzenflackern im Sonnenglanz

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Kerzenflackern im Sonnenglanz

Gedanken am dreiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Bleibt niemandem etwas schuldig außer einander zu lieben" (Röm 13,8). So knapp konnte Paulus schreiben, weil er seinen Lesern vertraute: Das sind Christen, sie verstehen mich, unterstellen mir nicht den zynischen Rat: liebt einander möglichst wenig; es genügt, wenn ihr eure Schulden zahlt. So viel Vertrauen brachte das deutsche Übersetzerkomitee nicht auf, da wollte man jedes Missverständnis vermeiden und schrieb: "Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer." Genau das meint Paulus natürlich auch, zieht aber vor, dass die Angesprochenen es selber finden.

Dass wir einander beim Lieben stets Schuldner bleiben, ist das ein Grund, traurig zu sein? Einerseits ja. "Es gibt nur eine Traurigkeit: kein Heiliger zu sein," der Postkarten-Satz meiner Jugend (ich glaube von Léon Bloy) drückt gewiss eine christliche Wahrheit aus. Die Wahrheit bei unserem Thema ergibt sich freilich erst, wenn wir ihn stereo zusammenklingen lassen mit Jesu Verheißung "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden" (Mt 5,4).

Was ist selig an der Trauer über unser allzu schwaches Lieben? Ich glaube: Das Bewusstsein der Wechselseitigkeit. Nicht deshalb, weil wir alle Schuldner und Gläubiger größerer Liebe wären, so dass sich der Saldo Null ergäbe - derlei Rechnerei hat in der Liebe keinen Platz. Vielmehr rettet uns das Miteinander des lebendigen Wir, das sich gehalten, genährt, umfangen, ja schon jetzt verewigt weiß vom wahrhaft unendlichen innergöttlichen WIR in Person: der Heiligen Wechselliebe von Christus und Gott, in die wir als Glieder Christi mit einbezogen sind.

Ihre Seligkeit überstrahlt unsere menschliche Liebesschwäche, wie die aufgehende Sonne zwei flackernde Kerzen, egal was aus ihren Flammen werde, mit Licht überschüttet - das ihnen nichts Fremdes ist, vielmehr die überströmende Fülle des Eigenen: verdanken sich doch Wachs und Docht auch selbst der allnährenden Sonne. Gell, ich g'hör zu uns, mag da die eine Flamme zur andern und die zu ihr sagen, und beide wissen sich im vollen UNS selig geborgen. Ähnlich wie zwei Schwimmer in der beide hell umbrandenden Gischt. "Bleibt niemandem etwas schuldig außer einander zu lieben." Und das in Freude: Weil jede nicht ganz gelingende Liebe einen sehnsüchtigen Glauben erinnert an die eine wahre LIEBE, die - weil göttlich - gar nicht anders als ganz sein kann und jeden Mangel (jubelt Werner Bergengruen) immer schon übererfüllt.

"Liebt doch Gott die leeren Hände
und der Mangel wird Gewinn.
Immerdar enthüllt das Ende
sich als strahlender Beginn."

*

In Erfurt wird Papst Benedikt auf Martin Luthers Spur treffen. Ein halbes Jahrtausend liegt zwischen den Schritten beider Männer am selben Ort, nur der Abstand von fünf Versen im selben Kapitel 16 des Matthäusevangeliums spannt die gegensätzlichen Jesusworte auseinander, die beider Bekenntnisse prägen. In Vers 18 wird Petrus zum Grundstein der Kirche ernannt, in Vers 23 heißt er Satan und Stolperstein. Das erste Wort ziert in riesigen Lettern die Peterskuppel, das zweite befeuert bis heute die protestantische Papstkritik. Wie schaffen denkbereite Christen es, diese Heilsspannung nicht zu zerreißen, sondern dem einen Gotteswort zu glauben? Eine utopische Idee kommt mir: Sowohl Papst Benedikt wie auch der evangelische Bischof, der ihn begrüßen wird, haben vor ihrer Begegnung diese erasmische Petrus-Predigt als Predigt vernommen und als Bekräftigung dessen, was beiden längst klar ist, auf sich wirken lassen: Was folgt daraus für die künftige Gestalt der einen vielbunten Kirche Jesu Christi?

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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