Jürgen Kuhlmann: Neu denken - aber wie?

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Neu denken - aber wie?

Gedanken am zweiundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist" (Röm 12,2).

Als Paulus dies an die Christen in der Reichshauptstadt schrieb, war der Sinn der Worte klar: Denkt und lebt nicht wie die Leute um euch her, denen es um Genuss, Profit und Macht geht. In ihrer Mitte seid ihr aufgewachsen und wart wie sie. Dann aber ist euch Christus begegnet, der Gekreuzigte und Auferstandene, seither ist euch alles verwandelt. Von der Wandlung der Welt, die wir in der Eucharistie feiern, lasst euch selbst ergreifen: "Wandelt euch!"

Seit die Christen in Rom diese Botschaft zum ersten Mal hörten, ist eine Menge Wasser durch Tiber, Rhein und Donau geflossen. Ein Dutzend Jahrhunderte später nannte die Welt an den Ufern dieser Flüsse sich christlich. Was wurde da aus der Mahnung des Apostels? "Gleicht euch nicht dieser Welt an" - war das nicht falsch geworden? Oder war die Welt der Kathedralen ebenso wenig christlich wie zuvor die der Tempel und danach die der Wolkenkratzer? Die Antwort steht uns Späteren nicht zu. Aber die Frage: Was sagt des Apostels Mahnung uns heutigen Christen in der global sich einenden Welt? Inwiefern ist sie Gottes gute Schöpfung, die ER heftig liebt (Joh 3,16), inwiefern sein misslungenes Projekt, das wir nicht lieben dürfen (1 Joh 2,15)?

Wer je in klerikalen Strukturen gelitten und gekämpft hat, weiß gut: Auch die Kirche ist ein Stück Welt. Nach außen, anderen Weltstücken gegenüber, vertritt sie oft Gottes menschenfreundlichen Anspruch: wenn sie sich weltweit gegen den Mord an ungeborenen Menschlein einsetzt, oder in Polen gegen sonntagsschänderische Öffnungszeiten einer britischen Supermarktkette. Im Innenbereich jedoch wird mancher von den eigenen Leuten gemobbt, wie es in der "Welt" nicht schlimmer geschieht.

Ist er zu innerkirchlicher Heiligkeit berufen, kann er es dann machen wie der große Jesuit Teilhard de Chardin. Als nach seiner Ausweisung aus Paris ein Freund protestierte: Aber mon Père, Ihre Oberen sind doch Deppen! antwortete Pater Teilhard: Bien sûr, aber diese Deppen sind meine Oberen. Gehorchte, machte im chinesischen Exil eine Entdeckung, die ihm Weltruhm brachte, und feierte seine "Messe über die Welt".

Andere sind nicht zu solch speziell katholischer Heiligkeit gerufen, wohl aber zur heute verlangten kat-holischen (= ev-angelischen). Solchen Normalchristen im Zeitalter des Heiligen Geistes schlage ich dieses Verständnis des Paulussatzes vor: Was kennzeichnet die Einstellung dieser Welt? Sie meint, sie verstehe das Ganze. Was tatsächlich nur eine, eben ihre recht besondere Perspektive auf das Ganze ist, hält die selbstverliebte Welt für die Wahrheit schlechthin. Lustiger Weise gilt das ebenso für fanatisch Überzeugte (Gegnern gelten sie als Fundis) wie für eingefleischte Relativisten, solche treten für ihr Dogma (alles sei eh' egal) mit derselben Hartnäckigkeit ein. Nun: Genau dieser Welt sollen wir Christen uns nicht angleichen. Weil wir glauben: Gott allein versteht alles. So nämlich, dass ER auch in dir deine Perspektive mit einnimmt, deshalb ist dein Glaube wahr.

Unter einer Bedingung: Er darf dich zu keiner Tat bringen, die du vor einem von ihr betroffenen Mitmenschen nicht verantworten kannst. Weil die KZ-Mörder und die Bande des 11. September ihren Opfern nicht antworten konnten, deshalb ist, was sie Vorsehung oder Gott nannten, nicht Gott sondern die Macht des Bösen.

Wo ein Glaube jedoch nicht unverantwortbar Böses anrichtet, gelte er uns als prinzipiell glaub-würdig, wahr für solche, die er hoffen und lieben lehrt. Solche Ehrfurcht vor fremder Wahrheit ist nicht Sache der Welt, sie lässt je nur das Eigene gelten. Anders urteilt gläubige Vernunft, welch inhaltlicher Denkfarbe immer. Ausgerechnet eine muslimische Legende erzählt, wie der Färberlehrling Jesus ein erstaunliches, heute in der einen Welt höchst aktuelles Wunder vollbringt. Dank sei dem Herrn: auch dein und mein Sinnkleid fischt er leuchtend bunt aus dem Kessel!

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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