Jürgen Kuhlmann: Ach Bruder!

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Ach Bruder!

Gedanken am einundzwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


"O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege" (Röm 11,33)! Staunend und stammelnd steht Paulus zuletzt vor dem unbegreiflichen Geheimnis der Wege Gottes mit Juden und Christen. Statt des Apostels Staunen theologisch zu umdenken, lade ich Sie ein, sich in mein aktuelles Staunen einzuschwingen über des Schöpfers Wege mit uns, die heute so unergründbar sind wie eh' und je.

Wann hat, und wo, jenes Menschenpaar gelebt, von dem wir beide abstammen, ich und der unbekannte Reifenaufschlitzer, der am 21. Juli in Valencia ein deutsch-spanisches Ehepaar in bislang ungewohnte Reiseabenteuer stürzte, samt Handtaschen- und Radioraub, Kreditkartensperre, blitzschnell leeregeräumtem Mobiltelefon und einer enttäuschend uninteressierten Polizei? Nun wäre das alles kein Predigtthema, soll hier nur der wahrhaft aufregenden Einsicht Farbe verleihen: Jener Fremdling ist mir nicht fremd. Wir sind seit unvordenklicher Zeit Geschwister, wahrscheinlich Brüder. Denn irgendwann hat irgendwo ein Menschenpaar ein Kind gezeugt, dessen Gene auf verschiedenen Erbwegen in ihn und mich gelangt sind. Das steht wissenschaftlich fest, denn die Menschheit ist eine.

Am ungeheuerlichsten aber ist die österliche Glaubensgewissheit: Jenes Paar, er und sie vor Tausenden oder Zehn- oder Hunderttausenden von Jahren, sie sind, weil Gott kein Gott der Toten sondern der Lebenden ist, obwohl schon lange gestorben, dennoch nicht tot. Ewig am Leben sind sie, kennen uns beide und erwarten von mir, dass ich meinem Bruder verzeihe.

Sei es denn. Ich verzeihe ihm. Und erwäge, ob ich ihm das nicht sogar in dieser Welt noch mitteilen will, durch eine französische SMS, auf die Gefahr hin, dass er sich halbtot lacht. Denn ich kenne die drei algerischen Mobilfunknummern, an die jemand gleich an jenem Nachmittag seinen Triumph gemeldet hat.

Weil dies eine Predigt sein will, zum Schluss ein Rat. Nie wirst du einem noch so fremden Menschen begegnen, von dem du sagen darfst: der geht mich nichts an. Denn irgendwo auf der himmlisch schon erneuten Erde lebt euer beider Ahnenpaar. Wie willst du ihm und ihr DANN in die Augen schauen, wenn du ihr anderes Urenkelkind jetzt missachtest?

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Hier ist ein Angebot für Freunde meiner Internet-Gedanken: Auf einer CD habe ich unter dem Titel "Christliches Stereo-Denken" alles, was auf verschiedenen Servern veröffentlicht ist, zusammengestellt und intern verknüpft sowie mit Bildern und Liedern angereichert. Außerdem sind sechs Bücher im WORD-Format dort zu lesen (die elektronischen Bücher Nr. 2,5,6,7,10 der Liste). Im Ganzen meldet der Rechner fast tausend Dateien. Ein Teil der Ernte von über vierzig Jahren Theologie steht zur Verfügung und kostet nur 8,50 Euro + Porto, insgesamt unter zehn Euro. Für Religionslehrer, Pfarrer und andere Profis eine Fundgrube, für deren Freunde eine sinnige Geschenk-Idee. Bestellungen bitte direkt an mich, um Verwechslung mit dem Müll zu vermeiden bitte mit klarem Betreff: CD-Bestellung. Seit Anfang Dezember 2004 ist die neue Auflage mit allem bisher im Netz Veröffentlichten verfügbar, jetzt samt Nachtrag Mai 2006.


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-21s.htm

Zurück zur Leitseite des neuen Predigtkorbes.

Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann