Jürgen Kuhlmann: Vorschlag eines liturgischen Mobile

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Vorschlag eines liturgischen Mobile

Gedanken am zwanzigsten Sonntag im Jahreskreis


Alles auf einmal können auch gläubige Menschen nicht sagen. Doch dürfen wir nacheinander, und von verschiedenen Standpunkten aus, gegensätzliche Glaubenssignale mitteilen, deren Zusammenklang für gutwillig Vernehmende "wahrer" ist als eine Stimme für sich allein.

In der heutigen zweiten Lesung stellt Paulus innerhalb weniger Zeilen die Beziehung der Kirche zum Judentum auf zwei extrem gegensätzliche Weisen dar und schließt mit dem staunenden Ausruf: "Gott hat alle im Ungehorsam zusammengeschlossen, um sich aller zu erbarmen" (Röm 11,32).

Der "rechte" Pol dieser Glaubens-Spannung wurde von der offiziellen Kirchenlehre fast zwei Jahrtausende lang "mono" verkündet: Der Juden "Verwerfung hat für die Welt Versöhnung gebracht" (V. 15). Daraus schlossen Christen bis in die Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu Unrecht, die Juden seien von Gott verworfen, seit sie am Karfreitag in seinem Sohn ihn selbst abgewiesen haben. Damals sei Gottes Bund mit Israel beiderseits gekündigt, sein Neuer Bund mit der Kirche geschlossen worden, "und der alte hat ein End", singen deutsche Katholiken an Fronleichnam mancherorts noch immer. Sooft in der Christenheit jüdische Kinder, Frauen und Männer verhöhnt, geplündert, verjagt, ermordet wurden, mochten die Täter sich gar einreden, in Gottes Sinn zu handeln - hatte er seinem treulosen Volk das alles nicht schon längst angedroht? "Auf der Straße raubt das Schwert die Kinder und in den Zimmern der Schrecken. Da stirbt der junge Mann und das Mädchen, der Säugling und der Greis ... Wie kann ein einziger hinter tausend herjagen, und zwei zehntausend in die Flucht schlagen, es sei denn, ihr Fels hat sie verkauft, der Herr hat sie preisgegeben" (Dtn 32,25.32)? Sogar in der Zeitung setzten die Nazis solche Bibelsätze dem Volk vor. Das war teuflische Theologie mit entsetzlichen Folgen!

Bei jenem schlimmen Fehlschluss hatte die Christenheit das Wichtigste verkannt: Wohl ist für die zu Christus neu Berufenen aus den Heidenvölkern (auch für uns Germanen) das jüdische Religionssystem abgetan, in diesem Sinn "verworfen" - keineswegs aber für solche Juden, deren Herzen der auferstandene Jesus nicht von innen berührt - ER weiß, warum. (Ich wage zu vermuten: Weil ER in Ewigkeit auch der Jesus bleibt, der gerade nicht "guter Meister" heißen wollte sondern den Schmeichler anfuhr: "Niemand ist gut außer Gott dem Einen" (Mk 10,18).

Für die Kirche entscheidend ist: Mit der Verwerfung der Juden hört unsere Lesung nicht auf. Im nächsten Satz stellt Paulus fest: "Unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt" (V. 29). Das ist, bei der Beziehung Judentum / Kirche, der allzu lang verdrängte kat-holisch "linke" Gegenpol. Ihn hat die Christenheit, über die Schoah zutiefst erschrocken, erst nach Auschwitz wirklich entdeckt. Das zweite Vatikanische Konzil hat ihn in helles Licht gerückt, zu Recht sagte der Erzbischof von Krakau nach seiner Rückkehr zu einem Freund: "Dieses Konzil war eine Revolution." Als Papst Johannes Paul II. hat er dann formuliert: Gottes Bund mit Israel ist ungekündigt. Das heißt: Juden müssen nicht Christen werden, um in Gottes Heil zu leben. Mariens vorösterlicher Glaube ist für ihre jüdischen Geschwister auch heute vollauf genug.

Ihren schärfsten Ausdruck findet diese abgründige Spannung zweier Sinn-Pole in der Karfreitagsfürbitte für die Juden. Ihre aktuelle Neugestaltung durch den Papst hat vor kurzem sogar Zeitungsspalten erregt. Wer den Widerspruch zwischen den beiden derzeit gültigen katholischen Fassungen auf sich wirken läßt, steht vor der Frage: Und das soll dieselbe Kirche sein? Entweder scheint ihre Identität radikal umgekippt (war da je eine?) - oder sie ist derart geheimnisvoll, dass jede nicht paradoxe Logik von ihr überfordert wird. Nicht nur die von Kommunionkindern, sondern auch die der Fachgelehrten [z.B. mancher katholischer Autoren des anregenden neuen Herder-Büchleins (978-3-451-29964-3) zum Thema. Vergleichen wir die beiden liturgischen Texte:

a) Seit dem Konzil betet die Kirche: "Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will." In dieses Gebet können alle einstimmen, auch die Juden selbst. Wie es sich bei Familienfesten gehört, wird vom Trennenden geschwiegen. Von Jesus Christus ist (sozusagen ausdrücklich) nicht die Rede!

b) Weil bekenntnisstolze Christen sich an dieser Leerstelle stoßen, hat Papst Benedikt zu ihren Gunsten (so sehr er bei der eigenen Karfreitagsfeier die ökumenische Fassung nimmt) jüngst eine andere Fürbitte eingeführt, die vom Juden Jesus auch in der Herzmitte der Liturgie nicht abstrahiert: "Lasst uns auch beten für die Juden, dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als Retter aller Menschen erkennen." Das heißt: Noch sind der Juden Herzen unerleuchtet, insofern sie nicht an Jesus Christus glauben, sie werden Ihn aber hoffentlich in unserer gemeinsamen ewigen Zukunft nach der Zeit gleichfalls erkennen. Diese Formulierung empfinden Juden und ökumenische Christen als arrogant. Und so lange mit Recht, wie die Kirche neben der neutralen Mitte (wo von Jesus abstrahiert wird) allein diese rechtskatholisch konfessionelle Feststellung trifft: Ihr Juden seid leider unerleuchtet.

c ) Anders würde es, wenn uns Katholiken im Geist des Schuldbekenntnisses von Johannes Paul II. (am 1. Fastensonntag 2000 im Petersdom) auch der linkskat-holisch geistliche Wahrheitspol als eine offizielle Karfreitagsliturgie zur Verfügung stünde. Etwa solchen Priestern, die einer (vielleicht bald gegründeten!) "Priesterbruderschaft Paul VI." angehören, weil sie "dem Geist des zweiten Vatikanums treu bleiben wollen" [THE TABLET, 19 July 2008, 11]. Eine solche Fürbitte könnte lauten: "Lasst uns beten für die Juden und auch uns Christen, dass Gott unsere Herzen erleuchte und wir die Juden nicht länger als verloren ansehen, sondern uns ihnen in der Hoffnung auf das endgültige Kommen des Erlösers herzlich verbunden glauben." Hier würde ("des Erlösers") unsere gemeinsame Hoffnung auf den Messias feierlich ausgesprochen und zugleich ehrlicherweise bekundet, dass wir Katholiken wahrlich nicht weniger als die Juden der göttlichen Erleuchtung bedürfen.

Ich bin überzeugt: Innerhalb eines solch ausgewogenen liturgischen Mobile hielte der Streit um die Karfreitagsfürbitte bloß noch Rechthaber in Trab. Gegen die aber will sogar der Heilige Geist machtlos sein. Wer ihm traut, nimmt Konversionen mit herzlicher Anteilnahme wahr, z.B. die französichen Lebensläufe eines jungen Juden, der später Kardinal von Paris wurde, und eines Seminaristen, der zum Judentum übertrat. Beide verstanden ihren Glaubenswechsel nicht als Verrat, sondern als Vertiefung des Anfangs.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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