Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Das drei-einige Heilsprogramm

Gedanken am ersten Fastensonntag


"Adam aber ist die Gestalt, die auf den Kommenden hinweist" (Röm 5,14).

Fremd ragen die heutigen Lesungen in unsere Zeit. Was soll mit Adam, Eva, Schlange und Ursünde jemand anfangen, der morgen wieder wie gestern vor seinem Computer sitzt und reale Probleme zu lösen versucht? Gibt es einen Verständnisweg aus dem Alltag zum Sinn jener alten Texte?

Das Stichwort "Computer" bringt uns auf die Spur. Woraus besteht das Gerät, an dem ich dies schreibe? Aus Materie, wie alles auf der Welt. Die genügt aber nicht. Ohne Strom liefe nichts, es braucht auch Energie. Dass alles aus Materie und Energie bestehe, war bis vor kurzem ein herrschendes Wissenschafts-Dogma. Inzwischen weiß man es besser. Nötig ist eine dritte Weise von Wirklichem: Information. Das Materielle auf dem Schreibtisch wird zusehends winziger, als Energie genügt vielleicht bald ein Sonnenstrahl, entscheidend ist das Zusammenwirken guter Programme.

Dieser Text z.B. entsteht in WORD, wird dann mit TextPad fürs Netz angereichert und zuletzt mit einem Umlautwandler vollendet. Jedes dieser Regelwerke ist nötig, damit die entstehende Sinngestalt sich frei verwirklichen kann, jedes ist einem individuellen Text vor-geschrieben, nicht nur historisch sondern je aktuell, eben: pro-grammiert. Ähnlich im Großen. Für jeden Moment eines gelingenden Christenlebens müssen drei Programme einig zusammenwirken. Im Vordergrund des Bewusstseins ist mal mehr das eine, mal das andere. Sie heißen:

1) Adam/Eva im Paradies des Eins. Jeder Mann ist Adam (und auch Eva), jede Frau ist Eva (und auch Adam). Das Kind im Manne und in der Frau darf bis zuletzt nicht fehlen.

2) Adam/Eva beim Fall aus dem Eins ins Ich (Thema von heute). Ohne Ego-Programm gäbe es keine Reife. Deshalb jubeln wir in der Osternacht: "O glückliche Schuld ... O wahrhaft notwendige Sünde des Adam" - nicht irgendwann damals (wann wohl?) sondern je jetzt (wie diesem Text nicht irgendein alter Ur-Text vor-geschrieben ist sondern das Pro-gramm).

3) Abraham (Thema am kommenden Sonntag) vor Gottes Anspruch, das Ich dem Du zu opfern. Abrahams Kinder sind die Glaubenden (Röm 4,11), ohne Bereitschaft zum Selbstverzicht keine Reife.

Jedes dieser Programme widerspricht den beiden anderen, keins genügt für sich allein. (1) Bloß im Eins zu bleiben wäre kindisch, deshalb schafft Gott auch die Schlange. (2) Ihr Ich-Akzent darf nicht das letzte sein, Egoisten sind unerträglich, deshalb verheißt Gott (Gn 3,15), Evas Nachwuchs (ihn versteht die Christenheit als Christus) werde die Schlange am Kopf treffen. (3) Auch "Gottes" furchtbare Opferforderung an Abraham in uns (Gn 22,2) wird zuletzt vom "Engel des Herrn" zurückgenommen (22,12). Die Offenbarung des wahren Gottes erweist die heillose Einseitigkeit auch der bloßen Du-Religion.

Alle drei Teilprogramme Eins, Ich und Du werden zuletzt drei-einig verbunden im Gesamtprogramm Christus/Maria: Es balanciert deren dreifach heillose Einseitigkeiten immer wieder neu heilsam aus. In diesem heilsgeschichtlichen Sinn ist tatsächlich nur Christus das Heil aller Menschen. Verstünden manche Glaubensherolde, was sie trompeten, täten ihre Signale den Menschen gut.

In welcher Reihung und Intensität diese Programme ein zeitliches Bewusstsein bilden, wird nicht von einem System bestimmt sondern im unableitbaren Zusammenspiel göttlicher und geschaffener Freiheit. Die dargestellte biblische Folge Eins - Ich - Du - Ganzheit ist nur ein Verständnis.

Ein anderes ist der Kreis-Rhythmus Eins - Du - Ich - Entschluss - Ich - Du - Eins, dessen Ganzheit nicht als besonderer Takt auftritt, vielmehr als wachsende Stereo-Erfahrung mehr und mehr den Unterschied ausmacht zwischen Ideologen einer Existenzwahrheit, und geistlich Erfahrenen, in denen Christus zuletzt sein = unser "Es ist vollbracht" spricht - ohne dass solche Vollendung je in der Zeit ganz deutlich werden könnte.

Immanuel Kant war einer der klügsten Menschen - und hat doch einmal etwas Dummes geschrieben: "Aus der Dreieinigkeitslehre, nach dem Buchstaben genommen, läßt sich schlechterdings nichts fürs Praktische machen" (Streit der Fakultäten; VII, 38). O doch! Wer die Lehre der innergöttlichen Spannungen im biblischen Licht unserer drei Programme meditiert, wird sein Leben lang nicht fertig, aber in jene drei-einige Herzensbalance hineinwachsen, die alles Praktische innerlich spannt und erfüllt. Try and see.

Eine ausführlichere Predigt für heute findet sich hier.


Möchten Sie hören und/oder lesen, als wie brennend aktuell die scheinbar so abgegriffene
Botschaft der Dreieinigkeit sich einem heute wachen Gemüt zeigen kann? Bitte:

Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/a-1f.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

Schriftenverzeichnis

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