Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung
Lesejahr A

Waagrecht Gegner -
gemeinsam hinauf!

Gedanken zum ersten Adventssonntag


»Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen« (Jes 2,2 f).

Ein packendes Bild. Es klingt so, als wäre es – vor zweieinhalbtausend Jahren – gerade für unsere Zeit aufgeschrieben worden. Ob der Prophet Jesaja wohl schon bedacht hat, was zu erwägen ich Ihnen jetzt vorschlage? Wandern von vielen Seiten her Bergsteiger-Gruppen zu einem Gipfel, dann scheint es einem Einäugigen in einer Ballongondel hoch droben, als zögen sie gegeneinander los. Die Richtungen sind gegensätzlich. Was der Beobachter ohne Tiefenschärfe nicht wahrnimmt, ist jene senkrechte Dimension, in der alle Gruppen eins sind: Hinauf wollen sie, zum selben Gipfel, und in unserem Fall nicht, damit eine die erste sei, sondern um sich mit den anderen gemeinsam zu freuen.

Wer sitzt in der Ballongondel? Zum einen der ungläubige Spötter, der nur die objektiven Widersprüche feststellt und nicht begreifen kann, wie jemand trotz des Streits der Pfarrer, Rabbis, Mullahs und Marktschreier angeblich aufgeklärter Gottlosigkeit irgendeiner Überzeugung ernsthaft anhängen könne.

Daneben hocken viele, die sich für gläubig halten aber bloß Ideologen sind, weil sie zwar zu Recht meinen, daß ihre Gruppe recht habe, solche (nach Gottes Willen gültige) Wahrheit ihres waagrechten Logos aber zu Unrecht losreißen vom gemeinsamen senkrechten Lebens-Pneuma aller solcher, die im Herzen zum Gottesberg unterwegs sind. Deshalb werfen sie anderen Richtungen Defizite vor (»du defizitärer Pfeffer,« schmäht das Salz, »du schmeckst kein bißchen salzig!«) und merken nicht, wie sie eben dadurch stolpern und abwärts schlittern, während sie selbstsicher voranzukommen wähnen. Vergessen wir nie: Nur ineinander - so lehrte Wilhelm Klein SJ als Spiritual seine Germaniker - sind Logos und Pneuma Wahrheit und Leben.

Auch unser Papst Franziskus bezeugt diese Spannung zwischen Logos-Klarheit und Lebendigkeit im Heiligen Pneuma: "Es ist wahr, dass dieses Vertrauen in den Unsichtbaren in uns ein gewisses Schwindelgefühl hervorrufen kann: Es ist wie ein Eintauchen in ein Meer, wo wir nicht wissen, was auf uns zu kommen wird. Ich selbst habe das viele Male erlebt. Es gibt aber keine größere Freiheit, als sich vom Heiligen Geist tragen zu lassen." [Ev. Gaud. 280]

Überlass die Ballonleute ihrem tollen Überblick und steig treu Schritt für Schritt deinen Weg zum Gipfel empor. Auch wenn du dir sehr allein vorkommst: Das täuscht. Von allen Seiten her sind viele mit dir unterwegs.

Eine längere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle.

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