Jürgen Kuhlmann: Der wahre Name des Herrn

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Der wahre Name des Herrn

Gedanken am neunzehnten Sonntag im Jahreskreis


»Da zog ICH-BIN-DA vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem ICH-BIN-DA voraus. Doch ICH-BIN-DA war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch ICH-BIN-DA war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch ICH-BIN-DA war nicht im Feuer« (1 Kön 19,11 f).

So; wie der Text der ersten Lesung hier steht, wird er vermutlich in keiner Kirche vorgelesen. Statt »ICH-BIN-DA« hört die Gemeinde »der Herr«. Das ist nicht nur eine Frage der Übersetzung. Schon die Juden selbst haben vor dem ihnen geoffenbarten Namen Gottes solche Ehrfurcht, dass sie ihn seit langem nicht laut lesen, sondern durch das Wort für »Herr« ersetzen. Deshalb haben sowohl vor Christus die legendären siebzig Übersetzer in ihrer griechischen Fassung als auch später St. Hieronymus und die anderen kirchlichen Übersetzer mit gutem Recht immer »der Herr« geschrieben, wo sie in der hebräischen Bibel den geheimnisvollen Namen JHWH lasen (siehe hier, wie ein christlicher Kabalist ihn trinitarisch deutet; [suche: YHWH]. DU – WIR – ICH – WIR ist die göttliche Wahrheitstiefe jedes gelingenden Paares.)

Doch glaube ich: Gerade bei der heutigen Lesung verlangt der erzählte Inhalt die ungewohnte Form. Denn mit Vollmacht bekundet der Herr: Wer MICH nur als Herrn kennt, kennt MICH noch nicht. Des Elija Begegnungen mit Sturm, Erdbeben und Feuer sind sozusagen nach deutscher Grammatik konstruiert: »So will ich – nicht sein!« (Auf englisch und italienisch kommt nicht vor will.)

Die Strenge des Herrn kennt jeder Mensch von Kindheit an, ohne verbietende, strafende Autorität wächst niemand auf. Selbst wo Mutter und Vater immer bloß lieb wären, würden Lehrer, Chefin, Polizist, Richterin, Wärter, Finanzbeamtin sich später um so erschreckender melden. Weil Kinder wie Erwachsene der Christenheit Jahrhunderte lang viel vom Herrn und kaum vom ICH-BIN-DA hörten, deshalb bastelt man sich gegen Gottes Übermacht sturmgeschützte, erdbebensichere, feuerabweisende Wohnhöhlen und merkt spät oder nie, dass es in denen doch arg freudlos zugeht.

Wohl einem Herzen, das in solcher Enge eine innerste Wachheit lebendig hält, dann kann ihm plötzlich dasselbe geschehen wie damals dem Elija:

»Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.«

Ob die kleine Eva sich wohl später an das göttlich-linde Säuseln erinnert hat, das mein Freund, der Arbeiterpriester Hannjürg Neundorfer, (wie er in seinem Online-Buch berichtet), sie in jener Stunde vernehmen ließ? "Im Religionsunterricht erzählte ich achtjährigen Schülern als eine Geschichte die Erfahrung des Mose auf dem Berg Horeb. In der nächsten Woche fragte ich sie wieder danach, und sie erzählten. Ich fragte sie: 'Wie ist also der Name Gottes?' . Die Antwort kam sofort, von allen: 'Ich bin da, ich bin da, ich bin da.' Ich sagte: 'Nein, das ist nicht der Name Gottes, so nicht. Wie ist der Heilige Name wirklich?' Die Kinder zeigten mir ihre Hefte: 'Du hast es doch so erzählt, wir haben es aufgeschrieben: 'Ich bin da'. Es gab einen kleinen Tumult und die Kinder verloren langsam das Interesse. Auf einmal stand eines von den Mädchen auf, lachte mir ins Gesicht, breitete die Hände aus und sagte: 'ICH bin da'. Die Jungen protestierten und riefen: Das haben wir doch alle gesagt. Und sie sagte noch einmal: 'Nein. ICH bin da.' Ein paar der Kinder haben es dann auch verstanden. Aber die Kleine wusste es: SIE IST DA."


Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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