Jürgen Kuhlmann: Wie Gott die Urlüge in Wahrheit wandelt

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Wie Gott die Urlüge in Wahrheit wandelt

Gedanken am siebzehnten Sonntag im Jahreskreis


»Gib deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht« (1 Kön 3,9).

Erstaunlicherweise bittet Salomo um dasselbe, was vor der Ursünde die Schlange den Stammeltern versprochen hatte: »Ihr erkennt Gut und Böse« (Gen 3,5). Der gleiche Inhalt steht beide Male freilich in sehr verschiedenem Zusammenhang: Adam und Eva wollten wie Gott werden, Salomo bittet um ein hörendes Herz.

Ist das der Gegensatz selbstbestimmt / fremdbestimmt? Die Deutung bietet sich an, aber Vorsicht! Dass wir so denken, eben dazu will die Versuchung uns bringen. Der ist zwar am Anfang nicht zu entgehen; in undifferenzierter Treuherzigkeit zu bleiben vermag ein geistiges Wesen nicht. »O vere necessarium (= notwendige) Adae peccatum«, singt die Kirche in der Osternacht, die verharmlosende deutsche Fassung (»heilbringende Sünde des Adam«) nimmt der Botschaft den Stachel, auf den es ankommt.

Nochmals also: Am Anfang muss, wer dem Kindheitsparadies entwächst, in die Zwickmühle fremdbestimmt / selbstbestimmt stürzen und (in der Sprache von Jesu Hauptgleichnis) entweder der ich-verhaftete jüngere oder der du-versklavte ältere Sohn sein. Bleiben aber dürfen wir in diesem Missverständnis nicht. Zukunftsfähig sind beide teuflischen Spaltprodukte der dreieinigen Beziehungsfülle ebenso wenig wie das (ihnen vorausliegende) "erste Drittel“, die paradiesische Eins-Naivität. Dargestellt sehe ich sie in der – von Jesus nicht erwähnten – kleinen Schwester der beiden, die deren Streit nicht verstanden hatte; sie war es auch, die während eines Pony-Ausritts den zerlumpten Jüngeren entdeckte, weit weg vom Haus, und ihn heimbrachte, so dass der Vater ihn erblickte.

Als einseitige Etappe auf dem Heilsweg ist das Mitleben jeder trinitarischen Dimension dramatisch notwendig, ihre Zukunft kann aber nur die Wiedervereinigung zur einzig wahren Beziehungsfülle sein – oder der Absturz ins Nichts. Hätte der Jüngere bei den Säuen sich nicht an die Liebe erinnert, die ihn daheim umgab, dann wäre er aus Ich-Trotz in heillose Ich-Verzweiflung abgerutscht und elend verdorben. Sollte der Ältere nicht, wie der Vater ihm freundlich rät, seine enge Du-Bravheit so übersteigen, dass er den heimgekehrten Rivalen schließlich doch willkommen heißt, dann kehrt sein Gehorsam sich vom Vater weg zum Götzen heilloser Du-Strenge ohne Ausweg. Weigert sich schließlich die kleine Schwester, die Geschichten ihrer Brüder aufmerksam zu vernehmen, verkrampft sie sich vielmehr im bloßen Eins-Gefühl ("was habt ihr denn? Ist doch alles gut!“), dann endet sie als heillos schrullige Tante.

Salomo hat diese Engheiten überwunden. Gleich dem älteren Sohn lebt er die Du-Dimension, bittet Gott, und zwar um ein hörendes Herz. Gleich dem jüngeren Sohn will er selbständig sein, kluger Herrscher über sein Volk. Gleich der Schwester sieht er zwischen Gehorsam und Selbstsein keinen Widerspruch, sondern freut sich ihres Einklangs. Während die kindliche Schwester solche Verträglichkeit der Gegensätze aber auf der Ebene des abstrakten Verstandes vermutet – zu Unrecht, in Wahrheit versteht sie keinen ihrer Brüder – sieht ein reif Glaubender ein, dass die drei-einige Fülle dem Wissen-Wollen unbegreiflich bleibt, sich allein einer in Gott lebenden Vernunft offenbart. Will die ihre Ahnung des Geheimnisses einem bloß verständigen Gemüt (egal, in welchem Trinitäts-Drittel es festhängt) mitteilen, werden Worte das kaum erreichen. Vielleicht zuletzt ein wehmütig-freundliches Lächeln. Denn der Sprung aus eindimensionalem Scheinwissen ins bunte Licht der göttlichen Polaritäten wird jedem dort ewig geliebten Menschenkind immer wieder zugemutet. Und, wenn es einstimmt, geschenkt.

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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