Jürgen Kuhlmann: Zeithaft und doch unvergänglich!

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Zeithaft und doch unvergänglich!

Gedanken am fünfzehnten Sonntag im Jahreskreis


»Auch die Schöpfung selbst soll von der Sklaverei der Verderblichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm 8,21).

Wie soll das gehen? Zeitlich zu sein gehört doch zum Wesen alles Geschaffenen! Neben der aufblühenden Rose sehe ich eine abgeblühte. Und eine ungeöffnete Knospe. Minder verderbliche Kunstrosen würden die Geliebte nicht erfreuen – ist sie doch auch selbst vergänglich, erfährt Bert Brecht:

Entdeckung an einer jungen Frau

Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
Ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehn

Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich, Nachtgast, nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte

Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nütze deine Zeit, das ist das Schlimme
Daß du so zwischen Tür und Angel stehst

Und laß uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst
Und es verschlug Begierde mir die Stimme

Voll lebendig will ich sein, und das ewig. Ein irrer Wunsch scheint das, seine Erfüllung logisch unmöglich. Irr ist aber nicht der Osterglaube, der solches hofft, vielmehr die Logik, die es für unmöglich erklärt. Chesterton hat recht: "Verrückt ist nicht, wer den Verstand verloren hat sondern wer alles verloren hat außer dem Verstand.“ Jene Logik, zu der ein Verstandesmensch, d.h. eine Kombination aus Tier und Computer, allein fähig ist, kommt mit der Sehnsucht seines Herzens und der Verheißung seines Schöpfers nicht zurecht, noch weniger, als eine Zecke im Wald die Pläne der Joggerin begreift, auf die sie sich herablässt.

Was der Logik entgeht, schafft die Musik. Das kleinste Lied wie die prachtvollste Symphonie ist wesenhaft zeitlich: während der zweite Takt ertönt, scheint der erste nicht mehr da und der dritte noch nicht. Bei der ersten Probe trifft dieser Anschein auch zu. Sobald Sänger und Flötistin ihren Part jedoch auswendig können (genauer: inwendig selbst dieser sind), ist die Sklaverei der Vergänglichkeit vorbei. Jeder Ton bezieht sich auf die physikalisch vergangenen und zukünftigen als seelisch gegenwärtig. Andernfalls vernähmen wir nie eine Melodie. Diese Einsicht von Bergson* erlaubt Christen eine vernünftige Ahnung, wie ihre Hoffnung erfüllbar sein könnte, weil das Auseinander der Weltzeiten sich DANN in ihr insgesamt unvergängliches Ineinander wandelt. Maranatha!

* Laut dem französischen Philosophen Bergson wird die übliche Vorstellung eines Nebeneinanders der Zeitmomente der echten Zeit nicht gerecht. In Wahrheit erleben wir die Zeit anders. Ich liege auf der Wiese und schaue einer hoch im Blau schwimmenden Wolke nach. Langsam zieht sie über den Himmel. Die ganze Zeit hindurch bin ich da. Eine solche währende Gegenwart heißt bei Bergson: durée, Dauer. Sie sei das wahre Wesen der gelebten Zeit. Er schreibt:

"Die ganz reine Dauer ist die Form, die die Aufeinanderfolge unserer Bewusstseinsvorgänge annimmt, wenn unser Ich sich dem Leben überlässt ... wie es geschieht, wenn wir uns die Töne einer Melodie, die sozusagen miteinander verschmelzen, ins Gedächtnis rufen. Könnte man nicht sagen, dass, wenn diese Töne auch aufeinander folgen, wir sie dennoch ineinander vernehmen, und dass sie als Ganzes mit einem Lebewesen vergleichbar sind, dessen Teile, wenn auch unterschieden, sich trotzdem gerade durch ihre Solidarität gegenseitig durchdringen?" (Henri Bergson, Zeit und Freiheit, Jena 1911, S. 78 f.)

Eine andere Predigt für heute findet sich hier.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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