Jürgen Kuhlmann: Ich bin getauft - was heißt das?

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Ich bin getauft - was heißt das?

Gedanken am dreizehnten Sonntag im Jahreskreis


Wie verschieden die Zeiten sind! Als im frühen Mittelalter die Germanenstämme "bekehrt" wurden, traten die Leute reihenweise zur Taufe an; im 16. Jahrhundert sind dem hl. Franz Xaver bei Massentaufen in Indien fast die Arme erlahmt. Wenn heute eine junge Mutter ihr Kind zur Taufe anmelden will, lehnt der Pfarrer vielleicht ab: "Sie und Ihr Mann sind aus der Kirche ausgetreten. Da eine christliche Erziehung des Kindes nicht zu erwarten ist, wird es nicht getauft." "Aber meine Mutter legt doch solchen Wert darauf!"

Was ist der Sinn der Taufe? Paulus erklärt ihn in der zweiten Lesung so: "Wißt ihr denn nicht, daß wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben." "Wir wurden mit ihm begraben" - geheimnisvoller Satz. Den meisten Getauften ist er heute unverständlich. Denn wir waren Säuglinge damals, wußten nicht, was uns geschah. Anders war es bei den Empfängern des Römerbriefs. Sie sind als Erwachsene getauft, d.h. untergetaucht worden und wußten: So, wie meinem Leib jetzt der Atem wegbleibt, wie ich wirklich sterben müßte, wenn jemand mich hier unten festhielte, ebenso versinkt jetzt mein alter, selbstsüchtiger Mensch wahrhaft in der Teilhabe an Christi Tod. Was ich bisher war: isoliertes Individuum, einzig gültige Mitte meiner Welt, anmaßend und ängstlich zugleich, das geht jetzt unter. Und etwas anderes steigt nunmehr aus dem Tauchbecken heraus: ein lebendiges Glied am auferstandenen Leib Christi, nicht mehr anmaßend, denn auf meine Besonderheit kommt es letztlich nicht mehr an, nur auf mein Dabeisein. Und nicht mehr ängstlich, denn die tiefste Furcht, die vor dem Tod, geht einen schon Gestorbenen nichts mehr an. Egal wann der leibliche Tod mich packen wird, kann sein Würgegriff nur - indem er mich er-würgt - das Ereignis zum Abschluß bringen, womit ich jetzt bereits als Glied des sterbenden Christus total einverstanden bin. Paulus fährt fort: "Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind in seinem Tod, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein", sowohl auf der Linie der horizontalen Zeit zwischen Taufe und leiblichem Tod, als auch im Ewigkeits-Raum, zu dem diese begrenzte Linie samt all ihren Punkten für immer gehört. Denn als beseelte Glieder leben wir in Christi Leib: "Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, daß Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für allemal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus."

Jene Christen, an die Paulus schrieb, verstanden diesen Abschnitt also recht gut. In ihre Tauf-Erinnerung können auch wir uns einfühlen, wenn wir - etwa im Badeurlaub oder nach dem Schwitzgang der Sauna - vollbewußt untertauchen und uns dabei beides klar machen: sowohl den Untergang des alten Menschen als auch, dann, den Aufgang des neu Belebten.

Eine Schwierigkeit bleibt. Ich wurde als Baby getauft, erinnere mich daran nicht. Wie soll ich glauben, damals sei Entscheidendes passiert? Liefe das nicht auf Magie hinaus? Welches Gottesbild steht hinter der Überzeugung, von einer solchen formellen kirchlichen Handlung hänge mein Wert in Gottes Augen ab? Sollte es vor dem Himmelreich ähnlich zugehen wie anfangs der 40er Jahre in Marseille? Damals harrten lange Schlangen jüdischer und anderer Flüchtlinge vor den Konsulaten südamerikanischer Länder aus, um vielleicht doch das rettende Visum für die Überfahrt zu ergattern; ohne diesen Stempel wurden sie nicht über die spanische Grenze gelassen. Als Einreisevisum ins Reich Gottes, so hat man die Taufe lange aufgefaßt - nicht ohne Zustimmung des Kirchenapparats; auf diesem Bewußtsein ruhte seine Macht. Ohne Stempel kein Einlaß, der juristische Vergleich klingt ähnlich provozierend wie der ökonomische "ohne Dreck keine Seife". Beide Gründe scheinen die Notwendigkeit der Taufe zu erklären, auf eine fies fundamentalistische Weise jedoch, die dem Glauben an Gottes Liebe ins Gesicht schlägt. Fragen wir deshalb: Was ist bei unserer Taufe tatsächlich passiert? Hatte jene so harmlose Familienfeier etwas mit den gewaltigen Aussagen des Römerbriefs zu tun, glich sie doch dem so heiß ersehnten Niedersinken des Visum-Stempels in den Paß? Kann der Zutritt zum Gottesreich an eine amtliche Formalität in einem bestimmten Augenblick geknüpft sein?

Folgende Sicht, scheint mir, wird sowohl unserem Glauben an Gottes all-bejahende, niemanden ausschließende Güte gerecht als auch dem traditionellen kirchlichen Verständnis der Heilsgeschichte. Wer eine solche grundsätzlich ablehnt, mag gute Gründe haben, ist aber kein Christ. Wohl kann sein Zeugnis für die Christenheit wichtig sein, damit sie die Idee von Heilsgeschichte und Erwählung nicht so fälscht und mißbraucht, wie es geschehen ist. Der folgende Denkvorschlag hält am Glaubenskern fest, vermeidet aber die unmenschlichen Wucherungen, die er früher - in manchen Gemütern immer noch - getrieben hat: Ja, schon die Kindertaufe besiegelt von Gott aus den Bund des Ewigen mit diesem neuen Menschen: Du gehörst zum gestorbenen und auferstandenen Leib des Gottmenschen Jesus. Was an dir krank, sterblich, sündig sein wird, sei es krebsartig wuchernd oder leprös-resigniert, das gilt MIR und gelte dir als schon in Jesu Tod mitgestorben. Was an dir lebendig ist, Freude für dich und Gewinn für die Erde, darf sprießen unter der Sonne meines unendlichen JA. Amen, so sei es. Noch bist du winzig, weißt nichts von dem Vertrag, den deine Eltern und Paten in deinem Namen mit MIR schließen. Du wirst aber davon erfahren und ihn dann mitunterschreiben.

Oder kündigen. Oder vergessen. Oder nie wirklich kennen. Was dann? Gibt es für jemanden, dem das Blatt mit dem Visum-Stempel abhanden kommt, keine Rettung? Und was ist mit den anderen, die das kirchliche Visum nie bekamen, sind sie allesamt verloren angesichts der vorrückenden Unheilsmächte? Deren Vormarsch ist nicht zu stoppen, bald haben die Todeshorden die Grenze erreicht, dann ist es für jede Rettung zu spät.

"Fest soll mein Taufbund immer stehn, ich will dem Herrn gehören." Wird mir bange, so taste ich nach der Brusttasche, fühle den Paß mit dem gültigen Visum und schreite gefaßt weiter auf die Grenze zu. "Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' in seine Kirch' berufen hat." Beim Untertauchen im Saunabecken erneuere ich den Bund, "realisiere" - während die Luft mir zu fehlen beginnt - mein Eintauchen in Christus der "den Atem aufgab" = "den Geist übergab" (Joh 19,30), und juble beim Wiederauftauchen über mein neues, unsterbliches Leben in IHM. Nur deshalb kann ich das allerdings, weil ich hoffend überzeugt bin: Mein Kirchenkonsulat ist nicht die einzige Behörde mit Visum-Stempeln. Es muß andere geben. Von ihnen brauche ich aber nichts zu wissen. Die Grenzer des Himmelreichs kennen sich aus, das genügt. Vielleicht legt in ihrem Vorschriftenbuch ein Paragraph sogar fest: Sollte eine Person nicht nur kein Visum vorweisen können sondern auch den Paß verloren haben, so gilt kraft des Noach-Bundes (vgl. Gen 9,8-17) der Besitz eines menschlichen Antlitzes als Paß- und Visum-Ersatz. Und wenn jemand sein Visum ausdrücklich gekündigt hat? Falls er kein anderes vorweisen kann, hat er doch hoffentlich wenigstens einmal ein Zwiebelchen verschenkt ...

Grenzer, Paßkontrolle, Stempel - ist solche Theologie nicht kafkaesk? Mag sein. Doch warum eigentlich nicht? Jede Zivilisation braucht ihr passendes Glaubensverständnis. Franz Kafka hat die Realität seiner Zeit scharf gefühlt und meisterhaft ausgedrückt; als Christen haben wir das Recht, auch in dieser Sprache jenes umfassende JA "für alle Verheißungen Gottes" zu formulieren, welches sich in Christus ereignet hat (2 Kor 1,20).

Ausführlicher findet diese Predigt sich hier.


Zum Weiterdenken:

Auf Christus Jesus getauft: genauer "in Christus (bzw. in seinen Tod) hinein getauft werden". Denn mag das griechische Wort für "taufen" (baptizo), das ursprünglich "eintauchen" heißt, auch sehr rasch "technisch" geworden sein, so wird man schwerlich leugnen können, daß Paulus die ursprüngliche Bedeutung "tauchen", "eintauchen" noch durchhören konnte; dieser Rückgriff auf den Sinngehalt "eintauchen" war vortrefflich geeignet, die besondere und letztlich unvergleichliche Innigkeit der Beziehung zwischen dem Bringer und dem Empfänger des Heils in einem kühnen, der Taufpraxis entliehenen Bilde zu malen: "in Christus eingetaucht werden", "in seinen Tod eingetaucht werden". (Otto Kuss, Der Römerbrief [Regensburg 1957], 296)

Würgegriff: "Eure Taufe ist nichts anderes denn ein Würgen der Gnade oder ein gnädiges Würgen, dadurch die Sünde in euch ersäuft wird, damit ihr unter der Gnade bleibet und nicht durch die Sünde unter Gottes Zorn verderbet. Denn so du dich taufen läßt, so gibst du dich unter das gnädige Ersäufen und barmherzige Töten deines lieben Gottes und sprichst: ersäufe und würge mich, lieber Herr; denn ich will nunfort gerne mit deinem Sohn der Sünde gestorben sein." (Martin Luther)

Ohne Dreck keine Seife: Mit diesem Einwand erklärt der unkirchliche Vater eines Täuflings die Funktion von Erbsünde und Taufe fürs kirchliche Marketing. Wie antwortet der Pfarrer in der Taufpredigt darauf?

Christus der "den Atem aufgab": Am Ende von "Singet", der gewaltigsten aller Bach-Motetten, beginnt der Baß unmittelbar nach einer anderen Melodie (so daß zum Atmen kaum Zeit bleibt) mit einer langen Koloratur die Schlußfuge auf den Text "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn". Der Hauptakzent ("lo") kommt erst als 35. Note! Einmal hatte ein Sänger so gut wie keinen Odem mehr, als der Nebensatz endlich vorbei und das entscheidende Bekenntnis dran war; mit letzter Kraft warf er sich auf diese Silbe, schmetterte sie ins Schweigen des Jüngsten Gerichtes hinein mit dem brennenden Vertrauen: dies soll gelten von meinem Leben, wenn alles vorbei ist, dies - und nichts von dem, was ihm widerspricht. Später begriff er die winzige Teilhabe am Geschick Christi. Hat nicht auch Jesus, der die Fülle des Odems hatte, den Heiligen Geist, mit letztem Atem ("er gab den Geist auf" - Joh 19,30) Gott verherrlicht?

Zwiebelchen: "Es lebte einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht.
Da kamen denn die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen?
Da fiel ihm etwas ein, und er sagte zu Gott: "Sie hat einmal" , sagte er, "in ihrem Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin geschenkt." Und Gott antwortete ihm: "Dann nimm", sagte er, "dieses selbe Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie es zu ergreifen vermag, und wenn du sie daran aus dem See herausziehen kannst, so möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so soll sie bleiben, wo sie ist." Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr das Zwiebelchen hin: "Hier", sagte er zu ihr, "faß an, wir wollen sehen, ob ich dich herausziehen kann!" Und er begann vorsichtig zu ziehen - und hatte sie beinahe schon ganz herausgezogen, aber da bemerkten es die anderen Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie, damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse, sehr böse und schrie:
"Nur mich allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und nicht eures!" Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging davon." [Dostojewski, Die Brüder Karamasow, III 7 3]


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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