Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

"Sünde" kommt von "sondern"

Gedanken am zwölften Sonntag im Jahreskreis


Nehmen Sie an, ein unkirchlicher Freund begleitet Sie aus Neugier heute in die Messe und hört bei der Lesung aus dem Römerbrief: "Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte ..." Was denkt dabei ein Mensch, der es nicht schon von Kindheit an gewöhnt ist, daß man in der Kirche sowieso das meiste nicht versteht, weil die Worte dort mit dem, was man sonst weiß, nichts zu tun haben? Vermutlich denkt er: Die spinnen, die Christen. Durch die Sünde soll der Tod in die Welt gekommen sein? Tod gibt es doch lange vor dem Menschen; immer schon müssen mehrzellige Lebewesen irgendwann sterben. Und das ist gut so, denn sonst gäbe es keine Entwicklung, nichts Neues. Wären die Höhlenmenschen nicht gestorben, hätte es für uns nie Platz gegeben.
Eher ist es umgekehrt: Nicht durch die Sünde kam der Tod, sondern der Tod führt zur Sünde. Weil wir soviel Angst vor dem Sterben haben, weil wir nichts verpassen wollen, deshalb führen wir den Kampf ums Dasein so rücksichtslos, unbekümmert um fremdes Leid. Jede Sünde ist Lieblosigkeit aus Angst vor dem eigenen Untergang. Nicht erst am Ende des Lebens, sondern schon "von Jugend auf bin ich am Sterben" (Ps 88,16) und deshalb stets versucht, lieber andere in den Sumpf zu treten als selbst zu versinken. Durch die Sünde, meint Paulus, kommt der Tod in die Welt? Nein, durch den Tod die Sünde!

Was antworten Sie dem Freund auf dem Heimweg? Ich schlage vor, etwa dies:

"Ursache der Ursachen ist das Ziel", heißt ein philosophischer Grundsatz. Am Anfang des Hausbaus steht das fertige Haus - in der Phantasie der Bauherrin und dem Entwurf des Architekten. Erst dann beginnen die Maurer ihre Arbeit. Gottes Ziel bei der Weltschöpfung ist unser Leben in IHM und sein Leben bei uns. Damit fängt alles an, auf Christus hin ist das All geschaffen (Kol 1,16). In diesem Sinn ist also das Leben das erste. Wie kommt es trotzdem zu Sünde und Tod? Weil Gott uns als freie Geschöpfe schaffen will. Freiheit ist ohne anfängliche Sünde nicht möglich, das erkannten wir beim Nachdenken über Adam und Eva. Soll ein lebendiges Ganzes im Geist seines Schöpfers nicht bloß als Entwurf bestehen sondern als Zusammenhang einzelner Glieder real ausgeführt sein, so müssen diese zunächst voneinander ge-sondert, isoliert je für sich gestaltet werden. Farbfleck neben Farbfleck pinselt der Maler, Note nach Note notiert der Komponist, in getrennten Zimmern üben die Musiker fürs Konzert.

Weil eine wesentliche Weltdimension die Zeit ist, deshalb bringt solche Sonderung notwendig den Tod mit sich. Kein höheres Lebewesen kann in einer Welt begrenzter Räume immerwährend sein, sonst fänden die nächsten keinen Platz. Wie würde Ihre Enkelin je Bundeskanzlerin, bliebe Frau M. ewig am Ruder? Nicht nur insofern immer wieder jemand sich zu Mord entschließt, kommt also durch die Sünde der Tod in die Welt, vielmehr schon ursprünglich. Gott will das Leben, freies Leben verlangt zunächst Sonderexistenz. Sofern diese die Zeitdimension betrifft, muß jeder Lebensfaden früher oder später abgeschnitten werden.

Jede Sekunde seiner Sonderexistenz bleibt jedoch - das ist der Christen Osterhoffnung - im göttlichen Gedächtnis auf ewig bewahrt, nicht bloß als totes Albumblatt sondern unmittelbar als jähes Ereignis. Wie jedes kleine Jetzt im Großen NUN seine Frische bewahrt, können wir nicht begreifen; dass es so ist, dürfen wir Jesus glauben. Gott ist ein Gott nicht der Toten sondern der Lebenden, Leben aber ist immer je jetzt. Jeglichem realen Augenblick bleibt der Schöpfer treu, auch meiner Sommerlust soeben im abendlichen See kurz vor dem Gewitter. Bereute Schuld und ertragenes Leid - so laßt uns hoffen - verlieren im Zusammenhang des Ganzen ihr Schlimmes, als Himmelswein muß die Traube den Druck in der Kelter nicht bedauern.

Können die Skeptiker, um uns und in uns, mit solchen Auskünften etwas anfangen? Wichtiger als unsere Worte ist wahrscheinlich unser Tun. "Redet nicht aber lebt so, daß man euch fragt", dieser Grundsatz der kleinen Brüder und Schwestern Jesu ist eine goldene Regel.


Was heißt Neuevangelisierung ?
Text und Ton der Radio-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2, Katholische Welt) vom 2. Februar 2014

[Wenn die Daten später beim Rundfunk nicht mehr verfügbar sind, sollten Ton und Text hier zu finden sein.]


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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