Jürgen Kuhlmann: Opfer: Niemand ist nicht auserwählt!

Jürgen Kuhlmann: Impuls zur Lesung

Lesejahr A

Niemand ist nicht auserwählt!

Gedanken am elften Sonntag im Jahreskreis


"Ihr werdet unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein" (Ex 19,5). Solches von Gott selbst gestütztes jüdisches Selbstbewusstsein ist ein Ursprung des Antisemitismus. Müssen die anderen Kinder nicht eifersüchtig werden, wenn der Vater eines so deutlich bevorzugt? Verständlich ist allerdings auch, dass Ephraim Kishon einen bekümmerten Juden wünschen lässt, Gott möchte doch einmal ein anderes Volk erwählen, etwa die Deutschen.

I.

Überzeugend erklärt wird die jüdische Sicht in einem der amerikanischen Rabbi-Krimis der siebziger Jahre: »... konnte man Harry Luftigs Stimme hören, triefend vor Sarkasmus: ‘Sollen wir nicht das Auserwählte Volk sein?’ Das darauf einsetzende Gejohle beruhigte sich, als sie sahen, dass ihr Lehrer offensichtlich zornig war. Als er sprach, tat er es jedoch in ruhigem Ton.
‘Ja’, sagte er, ‘wir sind es. Ich sehe, ein paar von euch halten das für amüsant. Vermutlich ist für eure modernen, verständigen, wissenschaftsorientierten Gemüter die Idee, dass der Allmächtige einen Vertrag mit einem Teil seiner Schöpfung schließt, wahnsinnig lustig.’ Er nickte bedächtig. ‘Na ja, ich kann das verstehen. Aber wie ändert es die Situation? Eure moderne Skepsis lässt sich nur auf eine Seite des Vertrags anwenden, auf Gottes Seite. Ihr könnt bezweifeln, dass Er einen solchen Vertrag angeboten hat, ihr könnt sogar Seine Existenz bezweifeln. Aber ihr könnt nicht zweifeln, dass Juden das glaubten und danach handelten. Das ist eine Tatsache. Und wie kann man gegen Zweck und Ziel der Erwähltheit etwas haben: heilig zu sein, ein Volk von Priestern, ein Licht für die Völker?’
‘Aber Sie müssen zugeben, das ist ziemlich arrogant.’
‘Die Idee, erwählt zu sein? Warum? Sie beschränkt sich nicht auf die Juden. Die Griechen hatten sie, die Römer auch. Zeitlich uns näher, fühlten die Engländer es als ihre Pflicht, die Last des weißen Mannes zu schultern; die Russen und die Chinesen fühlen sich beide verpflichtet, die Welt zum Marxismus zu bekehren, während unser eigenes Land fühlt, es solle die Ausbreitung des Marxismus hindern und alle Völker mit Demokratie indoktrinieren. Der Unterschied ist: In all diesen übrigen Fällen fordert die Lehre, etwas an jemand anderem zu tun, normalerweise durch Gewalt. Einzig die jüdische Lehre verlangt, dass die Juden sich nach einem hohen Maßstab richten, so dass sie für andere ein Vorbild werden könnten. Darin sehe ich nichts zum Lachen oder Grinsen. Im Grunde fordert es einen hohen Maßstab des persönlichen Verhaltens. Es drückt sich in Einschränkungen aus, die wir uns selbst auferlegen. Manche davon, wie die koscheren Speiseverbote, kommen euch vielleicht als bloß primitive Tabus vor; ihre Absicht ist es aber, Geist und Körper rein zu halten. Jedenfalls versuchen wir nicht, es anderen aufzudrängen. Eher seid ihr gelegentlich von den Eltern oder, wahrscheinlicher, den Großeltern ermahnt worden: ‘Das ist kein ordentliches Betragen für einen Juden.’ So wirkt die Lehre der Erwähltheit sich halt im Alltag aus.’« [Harry Kemelman, Tuesday the Rabbi saw red, 141 f.]

II.

Christen haben keinen Grund zur Eifersucht. Denn in Jesus, die schönste Frucht des Auserwählten Volkes, sind wir wahrhaft einbezogen. Bei der Taufe sterben wir unserer getrennten Sonderexistenz ab und erstehen als lebendige Glieder des verherrlichten Gott-menschlichen Leibes auf. Sehen können wir meist nur, wie unser "soll ich sagen sterbliches Leben oder lebendiger Tod“ (vita mortalis – mors vitalis? fragt Augustinus) sich zum Ende schleppt; unser Osterglanz zeigt sich nur in besonderen Momenten oder für erleuchtete Augen. Doch ist er jetzt schon wirklicher, als die Sonne auch bei grau bedecktem Himmel wahrhaft strahlt. Bei jeder Kommunion wird nicht nur unser Körper mit der Brotgestalt ernährt, sondern auch der unsterbliche Leib des Herrn mit dem, was von dem Unseren ihm assimilierbar ist. Der unnütze Rest, alles von einem der drei Teufelsgifte Ichsucht, Dusucht, Einssucht Verdorbene wird durch heilsame Krisen ausgeschieden.

III.

Was ist schließlich mit der Mehrheit der anderen, die weder in Israel auserwählt sind noch hineingetauft in Christus? Als "verdammte Masse" gelten sie der aktuellen Christenheit nicht mehr, dieser abscheulichen Redeweise – aus der triumphalistischen Epoche nach dem Sieg der Christen über das römische Weltreich – schämen wir uns heute, ähnlich wie sich auch Jesus geschämt haben mag, nachdem er eine Heidin sozusagen Hündin nannte und die nicht beleidigt war sondern ihm weiter vertraute. Auch von den Heiden um uns her, sogar den weniger netten, sollen wir ehrlich hoffen, dass sie unsere Mit-Glieder im Leibe Christi zuletzt sein werden und darum geheimnisvoll jetzt schon sind. Denn Gottes nicht zeitloses aber zeitbesiegendes Heil wirkt von innen her zurück auf alles Vergangene. Das Leuchten der Weihnachtsengel ist zur Krippe rückgespiegeltes Osterlicht. Wenn eine angeblich ungläubige Nachbarin spätestens beim Sterben vom Mensch gewordenen Gott angenommen wird wie hoffentlich auch ich, dann gehört auch das Gute unserer beiden Jetzt-Gestalten zum selben verewigten LEIB. Nur solche Hoffnung auf endgültige Einheit darf meine Beziehung zu ihr zentral bestimmen, weder konfessionelles Gegen- noch banales Nebeneinander. Nicht weiter weg bin ich von ihr als an meiner Rechten der Zeige- vom Mittelfinger!

Eine ausführlichere Predigt für heute findet sich hier.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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