Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Vater unser im Himmel!


Vater Unser (1988/89) I


Vater unser im Himmel

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Unser tägliches Brot gib uns heute

Vergib uns unsere Schuld.

Führe uns nicht in Versuchung!

Vater unser im Himmel!

Noch ganz kleine Kinder waren die meisten von uns, als wir diese Worte zum ersten Mal hörten, und bald haben wir sie mitgesprochen, ohne dabei viel zu denken. Später haben sich die Wege dann getrennt. Der eine ist in seinem Herzen ein Kind geblieben, weil er weiß: Vor dem großen Ganzen können wir Menschen immer nur klein und voll Staunen sein. Er betet auch als Erwachsener zum Vater im Himmel, fühlt sich in seinem Blick geborgen und wohl geleitet von seiner Hand.

Einen anderen hat die harte Realität aus allen Kinderträumen herausgerissen; er mußte erleben, wie die Welt alles mögliche ist: ein Dschungel, wo man einander frißt, ein blutspritzender Schlachthof, ein eisiger Weltraum ohne Oben und Unten, jedenfalls kein trautes Heim, wo ein treusorgender Vater waltet. Ähnlich, wie jemand vom Wecker aus süßem Traum hochgeschreckt wird und das Traumgespräch mit seinem klugen Freund abbricht, weil es den gar nicht gibt, stattdessen schlägt Regen ans Fenster und ein Arbeitstag beginnt - so sagt dieser Mensch nicht länger "Vater unser im Himmel", sondern begnügt sich mit der Erde.

Jeder von diesen beiden lebt seine Wahrheit. Der eine, der ein Kind geblieben, und auch der andere, dem die Kindheit seines Herzens verlorengegangen ist. Die christliche Wahrheit aber ist größer, übersteigt und versöhnt beide Sichten. Vom Kind-Bleiben hat Jesus nichts gesagt, und auch der andere, der sich so mündig vorkommt, ist geistlich noch nicht erwachsen. Der bekannte Satz Jesu lautet anders: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, kommt ihr nicht ins Himmelreich" (Mt 18,3). Was heißt das?

Manchmal sagt eine junge Dame, die durchaus erwachsen wirkt, bei einem Gespräch über ihre Zukunftspläne: "Mein Papi meint" oder "meine Mami sieht das so". Ich frage sie dann, ob sie in ihrem Alter vor Fremden nicht passender "mein Vater" oder "meine Mutter" sagen sollte. Nun: Auch Jesus hat, wenn er zu Gott betete, nicht Herr gesagt, nicht einmal Vater, sondern "Papa", und zwar unbefangen auch dann, wenn andere zuhörten. Solche Intimität dem Mysterium gegenüber hat die ersten Jünger derart erstaunt, daß sie uns dieses Wort auf aramäisch überliefert haben: Abba, lesen wir im Neuen Testament. Das ist das Lallwort der kleinsten Kinder, die noch überhaupt nichts Anderes sagen können als Amma und Abba. Sollen wir wirklich wie solche werden? In welchem Sinn Jesus das fordert, hat er uns am deutlichsten in der Perle aller Gleichnisse erklärt, der Geschichte vom Verlorenen Sohn. Richtiger müßte sie "Geschichte der verlorenen Söhne" heißen; denn der scheinbar so brave Ältere war innerlich von seinem Vater ebenso weit weg wie sein Bruder. Ich erzähle etwas ausführlicher als Lukas (15,11-32), weil unsere Frage eine andere als damals ist.

Ein Vater und eine Mutter hatten also mehrere Kinder, davon zwei Söhne. Solange die noch klein waren, lebten sie mit einander und den Eltern in herzlichem Frieden. Beide Knaben kannten keine größere Freude, als den Eltern zu zeigen, wie tüchtig sie schon waren. Kam der Vater abends von der Feldarbeit heim, dann schickte er den Älteren los, ihm die Hausschuhe zu bringen, und sagte dann zum Kleinen: Jetzt bring du mir einen Apfel. Und der watschelte zum Obstkorb, brachte dem Vater in beiden Händchen die Frucht und war auf diese Leistung ebenso stolz wie seine Mutter.

In solchen wunderbaren Augenblicken gab es zwischen dem Willen der Eltern und dem Eigenwillen der Söhne auch nicht den Schatten eines Gegensatzes. Vielmehr waren im Schoß der Familiengemeinschaft (nennen wir sie: das Wir) zwei seelische Grundgefühle vollkommen eins und ineinander, nämlich der Gehorsam dem väterlichen Du gegenüber sowie der Eigenstolz des kindlichen Ich. Ich und Du waren im Wir noch ungetrennt beisammen. So ist es, wie jede junge Familie beglückt erlebt, bei ganz kleinen Kindern noch heute.

Freilich konnte es dabei nicht bleiben. Der Ältere - er war ja schon so groß! - verinnerlichte die Autorität des Vaters und war zum Bruder viel strenger als der Vater selbst. Deshalb kam der Jüngere sich unterdrückt und eingeengt vor; sein Ich wehrte sich, doch konnte er dabei das rechte Maß ebenso wenig einhalten wie sein autoritärer Bruder. Die beiden Grundgefühle Du und Ich traten in Gegensatz, ja Widerspruch zueinander, mit ihrem kindlichen Frieden war es in beiden Söhnen vorbei.

Obwohl die Mutter den Streit stets zu schlichten versuchte, wurde das Familien-Wir doch immer schlimmer strapaziert, bis es völlig zerbrach. An diesem Punkt beginnt Jesus sein Gleichnis: Eines Tages sagte der jüngere Sohn zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. - Wir wissen, wie die Geschichte weiterging. Als sein Hab und Gut verbraucht und er bei den Schweinen gelandet war, kam er zu sich: "Alles dreht sich um mich", diese meine Grundeinstellung geht anscheinend nicht auf. Er merkt: Das Ich allein, ohne Du und Wir, ist nicht die Wahrheit des Lebens.

Genau anders herum ergeht es dem Älteren. Auch er hatte die Wahrheit eingeengt, aber nicht - wie sein Bruder - auf das Ich, sondern auf das Du: "Alles kommt auf meinen braven Dienst an." So erlebt er die Wirklichkeit, diese Grundfarbe zeigt sie ihm. Des Vaters Lob beglückt sein Herz. Den Weggang des Bruders versteht und bedauert er nicht. Seine Welt stimmt - meint er. Der Vater weiß es besser. Ihn bekümmert die Unselbständigkeit des Sohnes. Dem Vater ist aber klar, daß seine Macht hier Ohnmacht ist. Nur auf Kommandos hört der Sohn; wollte er ihm aber befehlen: sei doch nicht so elend brav, sei endlich selbständig! - dann würde der Arme nicht mündig, sondern verrückt.

Noch am Tag vor der unerwarteten Heimkehr des Jüngeren hatte der Ältere bei sich gedacht: Mir geht es gut. Die Arbeit macht Spaß, weil ich weiß: ich bin in Ordnung. Der billigende Blick des Vaters ist mir Lohn genug. Meine Beziehung zu ihm ist die Grundwahrheit meines Lebens und an dieser Beziehung ist alles klar, sie ist durchsichtig bis auf den Grund. So dachte er. Und hatte er nicht recht? Das Evangelium weiß es besser. Wie ein Blitz überfällt ihn die Krise. Die klare Beziehung zum Vater wird scheinbar vom Vater selbst zerstört, wenn der den anderen, für den diese Beziehung ja nichts war, trotzdem so herzlich empfängt. Mitfeiern, ich? Wo all mein Lebenssinn in Scherben liegt? Niemals!

Wir sehen, wie die Geschichten beider Söhne sich zu einem Ganzen verbinden. Im Schweinestall dachte der Jüngere an das harmonische Wir des Elternhauses zurück und fand dank dieser Erinnerung die Kraft, zu seiner einseitigen Ich-Haltung hinzu auch das Du-Grundgefühl neu in sich zu erwecken; so konnte er zum Vater heimkehren, seine Schuld zugeben und in der Verzeihung des Vaters endlich die heilende Einheit von Wir, Du und Ich finden. Ähnlich sollte auch der Ältere sich an das frühere Wir erinnern, in ihm sein eigenes, lange verdrängtes Ich entdecken und dann, zusammen mit den anderen, fröhlich die volle Einheit von Wir, Du und Ich feiern.

So ungefähr fühlt ein Christ, wenn er "Vater unser" betet. Anders als irdische Väter ist der himmlische Vater keine uns fremde Person mit eigenem Egoismus und Machtanspruch, sondern die unendliche Liebe im Kern eines jeden, der ewig frische Quell unserer Selbstverwirklichung. Weil Gott dich selber liebt, deshalb darfst du keck und frei sein wie der jüngere Sohn; weil Gott deinen Nebenmenschen liebt, darum hast du treu dem Guten zu dienen, wie der ältere. Nur beide zusammen haben recht. So glauben die Christen.

An jedem einzelnen von uns liegt es, ob diese tiefgründige Geschichte auch in ihm ihr Ziel erreicht. Wenn sie es tut, dann sind in seiner Seele die vorher scheinbar unversöhnlichen Standpunkte Ich und Du beide aus ihrer Starre erlöst und als lebendige Wahrheitspole zueinander gefügt worden: weder dreht sich alles um mich noch kommt alles auf den braven Dienst an, vielmehr ist der Sinn des Dienstes die Liebe, zu Gott und auch zu jedem gottgeliebten Ich; umgekehrt ist der tiefste Wunsch des Ich ebenfalls die Liebe. Damit ist klar geworden, in welchem Geist wir Gott nicht Vater nennen sollen: nicht so geduckt, knechtisch wie der Ältere. Leider ist das die Grundstimmung mancher Menschen, die sich für überaus fromm halten. Vom Christentum kennen sie nur den Essig einer angsterfüllten Religiosität, noch nicht den Wein der göttlichen Liebe.

Aber auch nicht so hochmütig sollen wir sein wie der Jüngere bei seinem Aufbruch. Erlöst ist weder der verstockte Du-Typ noch der ichverbissene Selbstverwirklicher, sondern erst, wer wieder wie die Kinder geworden ist, so daß Du-Gehorsam und Ich-Stolz in ihm friedlich eins sind. Allerdings nicht mehr naiv, sondern im hellen Licht eines konflikt-erfahrenen Bewußtseins. Ein solches weiß: Lebendige Wahrheit ist nie ein Klotz, den man packen kann, sondern eine Spannung, die uns durchglüht. Allein Gottes Heiliger Geist in uns stärkt uns so, daß wir nicht zerrissen werden.

Daß es tatsächlich so ist, daß dieser Glaube stimmt, das hat der himmlische Vater an Ostern bewiesen. Wäre Jesus nicht auferstanden, so gäbe es keine Kirche, die Jünger wären als resignierte Fischer gestorben, nicht als Apostel und Martyrer. Der Schwung einer Lügensekte ist bald erloschen; von Berufsschülern, denen ich gegen Ende der 60er Jahre die Melodie des Horst-Wessel-Liedes vorsang, hat keiner es erkannt. Es gibt die Kirche, also ist Jesus auferstanden, also ist Gott wirklich die grenzenlose Liebe und unser Beten geht nicht ins Leere, verweht nicht im sinnlosen Universum, sondern dringt ins lebendige Herz aller Dinge. Danke, Abba!


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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