Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Vergib uns unsere Schuld!


Vater Unser (1988/89) V


Vater unser im Himmel

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Unser tägliches Brot gib uns heute

Vergib uns unsere Schuld.

Führe uns nicht in Versuchung!

Vergib uns unsere Schuld!

Was heißt "Schuld", wofür bitten wir Gott um Verzeihung? Das Wort "Schuld" ist eines der dunkelsten überhaupt, mit schlimmen Erfahrungen beladen. Umso klarer müssen wir gerade hier denken, damit wir wirklich zu Gott beten und nicht zu einem Götzen, den wir uns in Angst und Kriecherei selbst geschaffen haben. Ein Priester erzählt, wie ein ehrwürdiger Greis einmal "ich habe genascht" beichtete; erst durch die Frage "hat es denn geschmeckt?" kam er zur Besinnung.

Unser Jahrhundert hat grauenhafte Schuld erleben müssen, vom erbarmungslosen Völkermord an Millionen Wehrloser bis zum Milliardengeschäft mit Rauschgift. Schuldig machen sich aber auch solche Leute, die mit irgendeiner ideologischen Peitsche andere Menschen in ausweglose Schuldgefühle hineintreiben; denken wir nur an die armen chinesischen Studenten, wie sie nach kurzem Freiheitsglück wieder isoliert, mit Vorwürfen bombardiert und zur öffentlichen Selbstkritik gezwungen werden. Nicht bei allen, aber bei vielen wird solche Gehirnwäsche schließlich erreichen, daß sie sich tatsächlich schuldig vorkommen. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich an die Höllenängste, von denen bei braven jungen Christen früher alles Sexuelle durchtränkt war. Wo lag die Schuld? Bei den unkeuschen Gedanken? Oder bei den Leuten, die alles Unkeusche für Todsünde erklärten?

Zwei extreme Einstellungen zur Frage der Schuld gibt es, wenn jemand bei ihr an Gott denkt. Der eine fühlt sich schuldig und windet sich in Angst vor Gott dem strengen Richter, der ja die Macht hat, ihn ewiglebenslänglich peinvoll zu strafen. Ein junger Mann beneidete jedes Suppenhuhn, weil es nur in den Kochtopf, nicht zur Hölle unterwegs war wie er; denn er liebte seine Nächsten nicht wie sich selbst, gönnte sich vielmehr leckeres Essen, statt sein Geld für die verhungernden Kinder in Indien zu spenden. - Der andere wälzt die Schuld am Elend der Welt auf ihren Schöpfer weiter und verliert zuletzt alle Religion: "Gottes einzige Entschuldigung ist, daß es ihn nicht gibt," heißt es bei Stendhal. Beide Weisen, mit der Schuld umzugehen, sind heillos. Wer sich von ihrer Last seelisch zerdrücken läßt und wer sie radikal verdrängt, keine letzte Verantwortung vor einer weltüberlegenen Instanz anerkennt: beide wollen es allein schaffen, eben das geht aber nicht. Mit seiner Schuld ist keiner allein, verantwortlich und schuldig werden wir immer vor jemandem. Denn so wie Gottes Wesen die Liebe ist, so ist das Wesen des Bösen die Lieblosigkeit. Immer verletzt es jemanden. Nur wenn er verzeiht, löst sich die Schuld. Jedem von uns innerlicher aber, als wir uns selber, ist Gott, deshalb liegt alles daran, daß Gott uns vergibt.

Das ist das Wunderbare an dieser Bitte des Vater Unser: Wir dürfen mit dem schmutzigen Eisklotz unserer Schuld bis ins glühende Herz des Ganzen vordringen und ihn dort an Gottes verzeihender Liebe schmelzen lassen. Dabei müssen wir gar nicht unterscheiden können, was an dem bedrückenden Gefühl von Unreinheit, Schäbigkeit und Eigensucht nun wirklich Schuld ist, was bloß Schwäche und was gar falsches, uns eingeredetes Schuldgefühl. "Richtet nicht," sagt Jesus; am wenigsten kann jemand in eigener Sache Richter sein. Vielleicht liegt eine tiefe Schuld gerade darin, daß ich - trotz der Botschaft von Gottes Liebe - jenem dumpfen Schuldgefühl nachgebe, das überhaupt keine Gottesfurcht ist, sondern ein wüstes Gemisch aus Kleinkinderangst, schlechtem Schülergewissen und bürgerlicher Existenzsorge, kurz: eher teuflisch als göttlich. Die meisten Christen wissen nicht, daß "Satan" ursprünglich den Ankläger vor Gericht bedeutet! Gegen ihn nimmt Gottes Liebe uns in Schutz.

In noch abgründigere Tiefen weist ein Gedanke der großen Simone Weil (+ 1943 mit 34 Jahren): "Am Grunde jeder Sünde liegt Zorn auf Gott. Wenn wir Gott sein Verbrechen gegen uns verzeihen, daß er uns zu endlichen Geschöpfen gemacht hat, dann wird er uns unser Verbrechen gegen ihn verzeihen, daß wir endliche Geschöpfe sind." Einem nur logischen Verstand scheint das Unsinn, liebende Glaubensvernunft aber ahnt hier den Punkt, auf den alles ankommt. Versuchen wir deshalb nicht das Unmögliche. Jenen eisigen Schmutzklumpen aus Schuld, Endlichkeit und allzu schwach bekämpftem Schuldgefühl, ihn können wir nicht auflösen, er widersteht unserer Unterscheidungskraft. Bringen wir ihn darum so, wie er ist, vor Gott: Vergib Du uns unsere Schuld. Und glauben wir mit der gesammelten Kraft unseres Herzens, daß solches Gebet im selben Augenblick, da wir es vertrauend sprechen, auch schon erhört ist. Wir sind frei, Gott hat uns verziehen.

Fragen wir nun aber weiter: Was heißt es eigentlich, zu verzeihen? Natürlich wissen wir alle, was das Wort bedeutet. Seit unserer Kindheit haben wir oft erlebt, daß jemand verziehen hat, und hoffentlich bringen wir das auch selbst immer wieder fertig. Aber es gibt Mißverständnisse. Mitunter müssen Kirchenchristen den Vorwurf hören: Ihr macht es euch leicht. Ihr tut, was euch paßt, trampelt rücksichtslos auf fremden Gefühlen herum, und dann geht ihr beichten und meint, mit ein bißchen Reue und Buße sei alles wieder gut.

So ist die Botschaft der Vergebung nicht gemeint. Genau besehen, kann etwas Böses, sobald es einmal geschehen ist, überhaupt nicht wieder gut gemacht werden. Der Schmerz oder Zorn, den ein Mensch durch meine Schuld leiden mußte, hat sich ins Universum eingeschrieben und gehört für immer zu seiner Geschichte. Die Vergangenheit läßt sich nicht ändern; und weil in der lebendigen Erinnerung Gottes an alles Gewesene unser Ewiges Leben besteht, deshalb ist auch alles Böse, an dem wir durch Tun oder Unterlassen schuldig werden, ein unauslöschlicher Bestandteil der Ewigkeit, ähnlich einem Mißklang beim Konzert, den kein Tonmeister mehr aus der Aufnahme wegzaubern kann. Wohl kann Gott aus Bösem Gutes machen (Gen 50,20), das Böse selbst aber bleibt. Gegen es zu kämpfen, in uns und um uns, hat ewigen Sinn.

Nicht die böse Vergangenheit also wird beim Verzeihen erlöst, sondern Gegenwart und Zukunft werden von der Last jener Vergangenheit befreit. Wer von einem Schuldner um Verzeihung gebeten wird und sie gewährt, der sagt zu ihm: Jetzt und in Zukunft beurteile ich dich nicht mehr nach dem, was du damals getan hast, vielmehr nach dem, der du jetzt sein willst. Damals hast du dich aus der Gemeinschaft mit mir ausgeschlossen; jetzt willst du wieder dazugehören, gut, so sei es ("Gell, ich g'hör' zu uns," strahlte einst ein Zweijähriger). Dies ist der wahre Sinn des oft gehörten "Verzeihen ja, Vergessen nein". Häufig wird es leider anders gemeint: Verzeihen ja, ich rede wieder mit dir; Vergessen nein, du bleibst für mich immer der Täter jener Untat. Solch mißglücktes Verzeihen kittet bloß die Oberfläche der Beziehung, in ihrer Tiefe bleibt sie zerstört. Wenn eine Person ausdrücklich und mit vollem Willen so dächte, sollte sie sich hüten, das Vater Unser zu beten. Wenn Gott ihr ebenso vergäbe wie sie ihrem Schuldner, dann stünde es um ihre Seele schlecht. Wahres Verzeihen ist Neuschaffen, dabei haben wir buchstäblich teil an Gottes Schöpferkraft.

Allerdings setzt Verzeihung, auch unter Menschen, Bekenntnis und Reue voraus. Solange der andere sein Unrecht nicht zugibt und bedauert, macht er sich selber unfähig, Vergebung zu empfangen. Was ist Reue? Ich bereue, was ich dir angetan habe, wenn ich mich nachträglich auf deinen Standpunkt stelle, die Situation mit deinen Augen sehe und den Schmerz darüber aushalte, daß ich mein Verhalten vor dir nicht verantworten kann. Vielleicht finde ich Gründe, warum deine Perspektive mir damals fremd blieb, doch darauf kommt es nicht an. Jetzt, im Licht deines Blicks, erkenne ich meine Schuld vor dir an. Denn du bist mein Mitmensch, also hätte ich die Situation auch mit deinen Augen ansehen müssen. Bitte verzeih mir, daß ich es nicht tat.

Nochmals: Um von Gott und den Menschen Vergebung zu erbitten und auch selbst zu verzeihen, dazu müssen wir Menschen gar nicht exakt auseinanderhalten, wieviel an unseren Taten Schuld ist oder Schicksal oder Schwäche oder sogar die notwendige Folge einer Welt, die von Gott als Kampfplatz geschaffen ist. Entweder ist der Löwe am Verbluten des Zebras schuld oder das Zebra am Verhungern des Löwen ... Allerdings gilt für uns Menschen nicht das Gesetz der Steppe, vielmehr sollen alle Glieder der einen Menschheitsfamilie einander wohlwollen und helfen. Gekämpft muß aber, so ist die Welt eingerichtet, trotzdem werden: um Noten und Arbeitsplätze, um Wählerstimmen und Marktanteile. Und hier gibt es breite Grauzonen zwischen dem Weiß des guten Wettbewerbs und dem Schwarz unverantwortbarer Schuld. Ermorden darf man seinen Rivalen nicht. Darf ich ihn aber dank besseren Beziehungen ausstechen, obwohl für ihn das Glück einer ganzen Familie an dieser Arbeitsstelle hängt, bei mir nur ein kleiner Ehrgeiz? - Und nicht nur grobe und feine Gewissen gibt es, sondern auch krankhaft überspitzte, die sich voller Skrupel für alles verantwortlich fühlen, obwohl sie die Hungersnot in Äthiopien wirklich nicht heilen können. Statt etwas für die Weinenden zu tun, schlagen sie bloß jedem, der sich zu lachen traut, solange auf den Mund, bis er auch weint. Wie herausfinden aus solchem Dschungel?

Dank sei dem Gott, der uns erlöst hat! Alle solche Schuld: die eine, die uns klar bewußt ist, deren wir uns von Herzen schämen; aber auch die andere, die vielleicht gar nicht zu vermeiden, im strengen Sinn fast keine Schuld war; und schließlich jene, an der zwar andere leiden, die wir selbst aber noch gar nicht gemerkt haben - diesen ganzen lastenden Schuldbatzen bringen wir betend vor Gott und dürfen vertrauen, daß ER uns verzeiht, wenn - das ist die notwendige Bedingung - wenn auch wir unseren Mitmenschen ihre Schuld erlassen. Denn die anderen sind ebenso arm dran wie wir. Mit dem Maß, mit dem wir messen, mit demselben Maß werden auch wir gemessen (Mt 7,2). Will ich nicht, daß mein Schuldner dazugehört, dann schließe ich auch mich aus der großen Gemeinschaft aus. Keinen von uns rettet letztlich seine großartige Anständigkeit; in Gottes Glanz besteht die vor allem aus Fehlern und Löchern. Sondern jeden von uns rettet einzig das Erbarmen der Ganzheit, die auf uns nicht verzichten will, weil SIE uns liebt. Uns retten kann sie aber nur so, daß wir uns in ihre Liebe miteinschwingen und gleichfalls, soweit an uns liegt, niemanden aus dem Ganzen hinausstoßen. Denn uns "alle hat Gott in den Ungehorsam zusammengesperrt, um sich aller zu erbarmen" (Röm 11,32).


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/VaterUnser/schuld.htm

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Siehe auch des Verfassers kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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