Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme!


Vater Unser (1988/89) II


Vater unser im Himmel

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Unser tägliches Brot gib uns heute

Vergib uns unsere Schuld.

Führe uns nicht in Versuchung!

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme!

Worum beten wir am Anfang des Vater Unser? Es gibt da schlimme Mißverständnisse. In einem jüdischen Witz fragt der Rabbi den kleinen Jungen: Was will Gott von uns? Der antwortet: Daß wir sollen machen Reklame für ihn. Tatsächlich, so klingt es. Daß Untertanen ihren übermächtigen Herrn anflehen, sein Name möge doch bitte geehrt werden, so etwas hat es in Diktaturen gegeben, nicht nur bei Kaiser Nero, auch in unseren Zeiten. Unser Gott kann aber an solch würdeloser Schmeichelei kein Gefallen haben. Nein, aus buckliger Demut stammt diese Bitte nicht.

Auch nicht aus Hochmut. Es kommt zwar vor, daß vom Glanz eines erhabenen Namens etwas auf alle hinüberstrahlt, die zum Träger dieses Namens irgendwie gehören; so fühlen Millionen Deutsche sich größer, wenn ihre jungen Tennishelden gewinnen. Bei den heidnischen Völkern des Altertums wurde ein Sieg des Volkes als Sieg seiner Götter über die fremden Götter verstanden. Auch so kann aber das christliche Gebet nicht gemeint sein. Unser Vater ist ja der Vater aller Menschen. Niemand kann seinen Namen dazu hernehmen, sich über andere zu erheben.

Geheiligt werde Dein Name - was können wir uns bei dieser Bitte aber dann denken? Denn denken sollen wir beim Beten. Altehrwürdige Worte ehrfurchtsvoll mitzusprechen ist zwar auch dann etwas Gutes, wenn man sie nicht versteht; beten soll jedoch der ganze Mensch, also auch sein Verstand.

Die beiden ersten Vater-Unser-Bitten sind so etwas wie gewaltige Brücken, die eine Insel mit dem Festland verbinden. Brückenlos, wäre die Insel abgeschnitten, verloren. Ein Indianer-Missionar erzählt aus Bolivien: Ein Junge wurde von einer Giftschlange gebissen. Er schrie, daß es durch Mark und Bein ging, eine Stunde, fünf Stunden, da hält es der Vater nicht mehr aus und stößt mit seinem Kanu in den Fluß, der tobt und schäumt wie die Hölle und ihn trennt vom Arzt, der das heilende Serum hat am anderen Ufer. Der Vater wurde nie mehr gesehen, das Kind starb. In der nächsten Trockenzeit bauten wir eine Brücke.

Wir Menschen leben auf der Insel aus Raum und Zeit, die aber zu einem größeren Ganzen gehört. "Geheiligt werde Dein Name" - diese Brücke überspannt den Raum zwischen hier und DORT, wo wir bei Gott im Himmel sind. "Dein Reich komme" - diese andere Brücke überspannt die Zeit zwischen Jetzt und DANN, da wir bei Gott in der Ewigkeit sein werden. Beide Brücken miteinander erlösen unser kleines Hier und Jetzt aus seiner Isolierung, so daß die Strudel der Endlichkeit uns nichts mehr anhaben können. Statt daß sie uns in den Wogen der Nichtigkeit ersäufen, haben wir auf der Brücke festen Stand.

Geheiligt werde Dein Name. Das Wort "heilig" hängt mit heil, ganz zusammen, englisch: whole. Geheiligt wird Gottes Name, wenn wir Gott anerkennen als den, der Er ist: das schöpferische Ganze in Person, das jeden von uns liebend hervorbringt und umfaßt. Jeder Mensch ist wie eine lebendige Zelle am Leib des Ganzen, und Gott ist in diesem Leib das personhafte Ich. Nicht geheiligt wird Gottes Name von den Gottlosen, die dieses Ich leugnen. Wenn es nach ihnen ginge, wäre das Ganze nicht der Leib einer lebendigen Person, sondern etwas Totes, ein Haufen von Atomen, die sich zu Sonnen und Planeten zusammenballen, auf unserem Planeten auch Lebewesen bilden, sogar uns Menschen samt unserem Bewußtsein. Das Ganze selber aber wäre unbewußt, nicht lebendig, sondern ein toter, bloß physikalischer Zusammenhang aus Masse und Energie.

Nicht geheiligt wird Gottes Name aber auch von solchen Frommen, die Gott zwar als Herrn verehren, nicht als wahrhaft göttlichen Herrn aber, ihnen innerlicher als sie selbst, sondern bloß wie den höchsten weltlichen Herrn, als Gipfel in der Reihe: mein Abteilungsleiter, mein Direktor, mein Präsident, mein Gott. Ein solch fremder Herr, mit eigenen Interessen gegen uns, will Gott aber nicht sein. Wer ihn dazu verfälscht und den Menschen so aufredet, macht sich schuldig an Gottesvergiftung und Lästerung.

Heilig ist Gottes Name; zu ihm, dem selbstbewußten Ganzen, gehört jeder von uns gleichberechtigt mit dazu. Zwischen deinem kleinen Finger und dir gibt es keine Rivalität. So innerlich ist auch deine Beziehung zu Gott. Für einen irdischen Chef bist du ein Posten in der Kalkulation seiner Ziele; dein Glück kommt da höchstens als ein Mittel vor. Für Gott ist dein Leben unmittelbar das seine; nicht nur deines freilich, sondern auch das Leben all deiner Mitmenschen. Geheiligt werde Dein Name, das heißt also: Laß uns immer mehr einsehen und bejahen, daß wir nicht bloß Bruchstücke einer sinnlosen kosmischen Explosion sind, auch nicht bloß Untertanen eines allmächtigen Fremden, vielmehr die geliebten Glieder eines allumfassenden personhaften Ganzen, das jeden von uns schöpferisch und täglich neu von Herzen liebt.

So sehr sind wir Geschöpfe von Raum und Zeit bestimmt, daß wir sogar unser Verhältnis zu Gott uns räumlich und zeithaft vorstellen müssen. "Geheiligt werde Dein Name," diese Bitte überbrückt den "Raum" zwischen unserem endlichen Hier und dem geheimnisvoll innersten DORT, wo wir bei Gott sind. Die zweite Bitte hingegen überbrückt die "Zeit" zwischen unserem Jetzt und dem geheimnisvoll innersten DANN, da wir ganz bei Gott sein werden.

Auch hier gibt es zwei Fehlformen. Die einen hoffen nicht auf ein ewiges Leben. "Ihr sterbt mit allen Tieren, und es kommt nichts nachher," meint Bert Brecht. Die anderen hoffen auf ein anderes Leben, im Grunde ähnlich wie das jetzige, nur frei von Leid. Die einen beten nicht "Dein Reich komme," die anderen beten es in falschem Geist. Denn Gottes Reich wird kein Schlaraffenland sein in irgendeiner äußeren Zeit nach unserem Jetzt; es ist vielmehr die ewige Gültigkeit eben unseres jetzigen Lebens. Zur Brücke gehört auch ihr Pfeiler auf der Insel !

"Dein Reich komme," das heißt deshalb: Laß uns aufwachen aus dem Traum, der uns umfängt. Dann, wenn unser zeitliches Leben sich endet, laß uns ganz wach sein. Jetzt aber, solange Du uns noch träumst, beglücke uns mit der Ahnung, daß wir in Dir einmal aufwachen werden und von unserem ganzen Traumleben DANN nichts verloren sein wird. Alle scheinbar vergangenen Momente sind noch da, verborgen in der göttlichen Erinnerung. Was ich mit zehn, zwanzig Jahren gewesen bin, was mich so wehmütig stimmt, wenn es aus dem Fotoalbum oder der Gedächtnistiefe ins spätere Bewußtsein springt, das wird - je nachdem - meine Seligkeit oder meine Schande sein, wenn es, nie mehr vergeßbar, zusammen mit zahllosen anderen Erinnerungsklängen als Lied der Neuen Erde die Ewigkeit durchtönt.

Zusammen mit allen anderen! Deshalb ist Gottes Reich die endgültige Offenbarung der Liebe. Nur im Maße wir liebende Menschen sind, haben wir jetzt schon an ihm teil, spüren und verwirklichen seinen Vorschein. Wenn die Träume verwehen, dann verwandelt sich alles, nur die Liebe bleibt unzerstörbar sie selbst. In sumpfiger Landschaft ist allein sie schon jetzt wie ein Fels der Ewigkeit.

Laßt uns darum nicht die Traumzeit für die wahrste halten. Jemand kann träumen, wie ihm an einem Novemberabend die Autobremsen versagen und er hilflos in den nebligen Abgrund rast - und dann scheint dem Erwachten die morgendliche Frühlingssonne ins Gesicht. Die Traumzeit hatte ihre Wirklichkeit, behält die auch in der wachen Erinnerung, insofern stimmt die uns Traumfiguren ins Herz geschenkte Hoffnung auf das Ewige Leben. Die Traumzeit gilt aber nicht weiter. Wachsein ist mehr als ein neuer Traum. Deshalb kann ein Christ auch dem scheinbar Ungläubigen zustimmen: Kein anderes Etwas kommt nachher. Wer sein jetziges Leben versäumt, weil er sich von der Illusion des kommenden einlullen läßt, auf den wartet tatsächlich: nichts. Denn er ist ja nur, was er während seines einzigen Daseins aus sich macht.

Stellen wir uns deshalb, sooft wir das Vater Unser beten, vielleicht diese beiden Brücken vor. "Geheiligt werde Dein Name": diese Brücke überspanne den Raum, verbinde unser armes Hier mit dem großen Ganzen, das freilich kein fremdes Dort ist, vielmehr als wahres ALL unser Hier mit umfaßt. Und "Dein Reich komme": diese Brücke überspanne die Zeit, verbinde unser geringes Jetzt mit dem großen Ganzen, das ebenfalls kein fremdes Dann sein wird, vielmehr als wahres EWIG eben unser Jetzt für immer gelten läßt.

Wer so betet, zieht sich aus dem wirklichen Menschenleben gerade nicht zurück, sondern begreift staunend dessen Würde und Wucht. Geheiligt werde Dein Name: Laß das, was ich hier bin, so sein, daß Du Dich seiner nicht schämen mußt, denn ich gehöre zu DIR wie meine Finger zu mir. Und Dein Reich komme: Laß das, als was Du uns jetzt träumst, so sein, daß Du nach dem Aufwachen nicht über einen Albtraum erschrickst, sondern gern Deine ganze Ewigkeit lang auch an uns denkst.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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