Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Unser tägliches Brot gib uns heute!


Vater Unser (1988/89) IV


Vater unser im Himmel

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Unser tägliches Brot gib uns heute

Vergib uns unsere Schuld.

Führe uns nicht in Versuchung!

Unser tägliches Brot gib uns heute!

Am Anfang des Vater Unser wird das Menschenherz erhoben und geweitet. Aus der stickigen Luft des Alltags, dem der einzelne verhaftet war, wird er ins Freie gerissen: auf einmal ist sein Raum die Unendlichkeit des Himmels, seine Zeit spannt sich bis ins nie mehr endende Jetzt von Gottes Reich, sein Wollen schwingt ein in Gottes Willen zum Guten, der alles liebend umfaßt. Ja, erst dieses All ist unser wahres Kraftfeld, in es sind wir einbezogen, von keiner geringeren Macht dürfen wir unser Herz zurechtstutzen lassen.

Damit diese hohe Wahrheit uns nicht schwindlig macht, müssen wir uns jedoch sofort in der demütigen Wirklichkeit verankern: was sind wir denn, die zu diesem gewaltigen Kraftfeld gehören? Die Antwort heißt: Bedürftige, verletzliche Wesen aus Fleisch und Blut, angewiesen auf Nahrung und Trank. Ohne Nachschub wären wir verloren. Ohne Lebensmittel kein Lebenssinn. Weil "Gottes Ehre der lebendige Mensch" ist (Irenäus), deshalb hat Gottes Reich auch mit Essen und Trinken zu tun, voll Vertrauen sollen wir beten: Unser tägliches Brot gib uns heute. Jedes Wort dieser Bitte ist bedenkenswert.

Wir bitten um Brot. Mitgemeint ist alles Lebensnotwendige überhaupt. Was wir materiellen Geschöpfe brauchen, erbitten wir von unserem Schöpfer. Zwei Gefahren drohen unserer Beziehung zur Materie; ähnlich wie eine Seiltänzerin darf unsere Seele weder nach rechts noch nach links das Gleichgewicht verlieren. Nach links stürzt ab, wer der Materie verfällt, nach rechts, wer sie mißachtet.

Sinnliche Sucht rutscht ins Unglück. Sobald irgendein Trieb sich verselbständigt, aus dem wohlgeordneten Ganzen ausbricht, d.h. un-heil wird, vergiftet er die Materie, nach der er giert. Das erste Glas Bier kann ein Himmelsgeschenk sein, die siebte Maß schmeckt säuisch - nein, so zu reden beleidigt unsere Geschwister Schweine. "Ob etwas Gift ist, liegt vor allem an der Menge, nicht an der Qualität. Selbst wenn der Mensch von der gesündesten Nahrung zu viel ißt, so ist das schädlicher, als wenn er normal oder wenig ißt von ungesunder Nahrung" (H-K Seeger).

Gefährlich ist es aber auch, die Materie zu verachten, ein übertrieben "geistiges" Leben führen zu wollen. "Wer den Engel will, macht das Tier" (Pascal). Wenn jemand seine Abhängigkeit von der Materie nicht wahrhaben, die eigene Geschöpflichkeit weglügen will, macht er sich auch von Gott ein falsches Bild. Er vergötzt eine Wahnidee. Der wahre Gott hat ja, in Jesus, selber Hunger und Durst spüren wollen; wenn er uns um Brot beten läßt, so weiß er aus Erfahrung, wie Hunger wütet, wie wohl unsereinem beim Kauen wird. Alles liegt an der Lebenskunst von Rhythmus und Maß. "Wenn Fasten, dann Fasten, wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn" (Teresa von Avila).

Es heißt: unser Brot. Nur gemeinsam können wir Menschen vor Gott treten, denn Er ist der Vater aller. Wer fremdes Gut verzehrt, der würde mit den heiligen Worten - zum Teufel beten! So warnt, im vierten Jahrhundert, der Kirchenvater Gregor von Nyssa. Zwischen gut und böse recht zu unterscheiden wird freilich immer schwieriger, in je größeren Zusammenhängen ein Wirtschaftssystem die Warenströme kreisen läßt. Wer einem Bauern bei der Ernte hilft und zwischendurch eine kräftige Mahlzeit bekommt, der kann doch wohl gewiß sein, daß alles stimmt - wirklich? Vor einiger Zeit mußte in der Gegend von Hamburg eine Menge Milch weggeschüttet werden, weil sie mit DDT vergiftet war. Die Kühe waren mit Bohnen aus Indien gefüttert worden! Wem jetzt die Bilder verhungerter indischer Kinder einfallen, dann die prallen Regale seines Supermarkts und dann die biblische Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus, der versteht: wenn Christen aus der Dritten Welt von sündigen Wirtschaftsstrukturen reden, ist das keine linke Spinnerei, vielmehr die ehrliche Beschreibung einer schlimmen Tatsache. Es läßt sich doch nicht leugnen: die Felder, auf denen die Kaffeebohnen für dein Frühstück wuchsen, hätten auch Mais für dort Hungrige tragen können.

Ist es also verboten, Milch und Kaffee zu trinken? Nein. Darf man es nur mit schlechtem Gewissen tun? Nein. Viele Kühe nähren sich von Gras. Und die Kinder der Kaffeepflückerinnen wünschen sich, wie unsere auch, heiß ihr Kassettengerät und wären traurig, wenn wir ihre Kaffeebohnen nicht wollten. Nicht alle Freude vermiesen sollen solche Gedanken, wohl aber unser Bewußtsein schärfen. Eins der schönsten Tischgebete ist zugleich das kürzeste: "Gott, mach die Hungrigen satt und die Satten hungrig!" "Selig," sagt Jesus, "die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit" (Mt 5,6). Sobald überall auf Erden genügend Wirtschaftsfachleute von solchem Hunger gepackt sind und ebenso leidenschaftlich nach gerechten Lösungen suchen wie viele Kinder in den Mülltonnen von Rio nach Brot, sobald also genügend Satte hungrig genug sind, können hoffentlich auch die Hungrigen satt werden. Sogar für noch mehr Milliarden, als wir Erdlinge derzeit schon sind, wäre Terra reich genug. Brot für viele könnte auf der Fläche wachsen, die jetzt das Fleischvieh für einen einzigen Wohlstandsbürger mästet. Wir müssen ja nicht jeden Tag Fleisch essen; als wir es 1947 nicht konnten, waren wir gesünder an Seele und Leib. Um eine solche Erde, auf der die Stulle besser schmeckt, weil jeder die seine hat, beten wir.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Hatte Julius Caesar einen Terminkalender? Im Kopf gewiß. Wer viele Fäden in der Hand hält, weil er an mannigfachen Plänen webt, der muß lange vorausdenken. Und nicht erst der große Politiker von damals wie der kleinste Manager von heute bedenkt die Zukunft. Seit es Brot gibt, kann der Mensch heute nur essen, weil er gestern vorausgedacht, gepflügt und gesät hat; heute muß er arbeiten, wenn er morgen essen will. Die gute Hausfrau sorgt vor, sonst wird das Fest ein Reinfall. Warum verbietet Jesus dann die Sorge, empfiehlt uns die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels als Vorbild?

Die Sprache deutet die Lösung an. Für die Zukunft sorgen muß man; um die Zukunft sich sorgen soll man nicht. Solange die Sorge sich auf die Dinge richtet, die übermorgen klappen sollen, ist sie vernünftig. Wenn die Sorge aber von den Dingen wieder auf mich zurückweist, sodaß ich, statt für die Dinge, mich sorge - solche Sorge läuft auf Mißtrauen gegen Gott hinaus. Kann ich nachts nicht schlafen, weil das Mühlrad im Kopf so lärmt, dann sorge ich gerade nicht für morgen (denn morgen braucht es einen ausgeruhten Sinn), sondern sorge mich um morgen, d.h. ich tue so, als läge die Zukunft nicht in Gottes Hand, als wäre nicht Er der Herr der Geschichte. Wirklich ist alle Geschichte immer nur je heute, und mitten in jeglichem Augenblick waltet Gottes mächtige Liebe.

Trotzdem fehlt manchem Glaubenden sein tägliches Brot. Denken wir an Pater Kolbe im KZ, der sich statt des ausgelosten Familienvaters in den Hungerbunker sperren ließ und dort umkam. Millionen müssen unfreiwillig hungern. Wenn sie beten, läßt Gott sie gewiß den heimlichen, überschwänglichen Sinn ahnen, wie er ihr Gebet gegen allen äußeren Augenschein dennoch erhört. Gottes Wort spricht stets in die wirkliche Situation der Menschen hinein; unsere europäische Gefahr ist (jetzt, da diese Rede entsteht) nicht der äußere Hunger, deshalb sei über ihn ehrlich geschwiegen.

Unsere Gefahr ist nicht, daß wir aus Elend verzweifeln, sondern daß wir vor lauter Reichtum das Heute verlieren. Statt eine der zwei Dutzend Brotsorten jetzt aus ganzem Gaumen und Herzen dankbar zu genießen, forscht mancher beim Frühstück schon gierig in der Kaufmarktzeitung nach den Angeboten der nächsten Woche oder schaut im Wirtschaftsteil ängstlich aufs Konjunkturbarometer. Jesus hat nicht übertrieben: "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich kommt" (Mt 19,24). Schon im Himmel lebt, wer angstlos irgendein Heute bis in seine göttliche Tiefe hinein auskostet. Das fällt dem Armen leichter, weil er morgen weder viel verlieren noch viel gewinnen kann. Des Reichen Sinn aber kreist um Versicherung, Entführer, Verlustgefahr, Chancenversäumnis, und neidisch blickt er auf den Armen, der mit vollen Backen lustig kaut. Hilf uns, Gott, daß wir HEUTE leben!

Zuletzt erwägen wir noch das Wörtlein "gib". Mindestens in den reichen Industrieländern scheint das tägliche Brot ja nicht nur gesichert, sondern allzu reichlich dazusein. Keiner weiß, wohin mit den Überschüssen. Sollen wir zu Gott um etwas beten, was dank Kunstdünger und Agrarfabriken mit unbändiger Gewalt auf die Märkte drängt? Wer so denkt, ist überaus kurzsichtig. Beter des Vater Unser ist letztlich die ganze Menschheit, ihr Heute umfaßt also mindestens die jetzt lebende Generation, einschließlich der eben Geborenen. Das tägliche Brot ihrer Lebenszeit ist aber aufs Höchste gefährdet, bestimmt nicht weniger als in früheren Jahrhunderten durch lange Dürrezeiten. Dazu nur einige Schlaglichter: In vielen Gebieten der Erde, sogar bereits in Südspanien, dringt unaufhaltsam die Wüste vor. Jene ca 30 cm lebendiger Erdboden, von denen alles Leben abhängt, werden durch Überbeanspruchung zusehends kränker. Die Lunge des Planeten in den tropischen Wäldern wird aus Landhunger abgebrannt, schrumpft von Woche zu Woche. Osteuropäische Experten warnen den Westen vor Krediten dorthin; wegen zunehmender Umwelt-Verderbnis könnten die schon in einigen Jahren nicht einmal durch Lebensmittelexporte zurückbezahlt werden. Anscheinend ist unser Verstand zu schwach, um mit dem von ihm selbst angerichteten Tohuwabohu schöpferisch fertig zu werden. Aus dem Nichts das Sein, aus Chaos Leben schaffen kann allein Gott. Wenn wir das Unsere nach Kräften getan haben, bleibt uns im Blick auf unsere nichtsahnenden Kinder oder Enkel letztlich nichts anderes, als in den Vertrauenschor aller christlichen Jahrhunderte demütig einzustimmen: Vater im Himmel, unser tägliches Brot gib Du uns heute.

Jeder einzelne von uns aber nehme sich heute neu vor, seinen Kindern, Schülern oder Lehrlingen wenigstens diese eine Tradition aller gesunden Völker sorgsam weiterzureichen: Brot ist heilig. Man wirft es nicht weg.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an,

seine kat-holische Theorie-Baustelle

sowie seinen Internet-Auftritt Stereo-Denken
samt Geschichte dieses Begriffs und lustigem Stereo-Portrait

Schriftenverzeichnis

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