Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Führe uns nicht in Versuchung!


Vater Unser (1988/89) VI


Vater unser im Himmel

Geheiligt werde Dein Name
Dein Reich komme

Dein Wille geschehe

Unser tägliches Brot gib uns heute

Vergib uns unsere Schuld.

Führe uns nicht in Versuchung!

Führe uns nicht in Versuchung!

Die letzte Vater-Unser-Bitte klingt erschreckend, nur aus Gewohnheit fällt uns das nicht auf. Kann Gott uns denn überhaupt in Versuchung führen? Auf diese Frage gibt die Bibel gegensätzliche Antworten; sie lassen sich nicht leicht zusammendenken. Die Auskunft des Jakobusbriefes scheint zwar eindeutig: "Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott kann nicht in die Versuchung kommen, Böses zu tun, und er führt auch selbst niemand in Versuchung" (1,13).

Wenn das so ist: Was sollen wir dann aber von Gottes Befehl an Abraham denken, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern? Dort heißt es ausdrücklich: "Danach versuchte Gott den Abraham" (Gen. 22,1). Noch tiefer verwirrt es uns, daß Gott Menschen nicht nur in Versuchung führt, sondern sie sogar verstockt, so daß sie die Versuchung scheinbar gar nicht gut bestehen können. Über manche hat Gott "einen Geist der Betäubung ausgeschüttet" (Jes. 29,10), "er erbarmt sich, wessen er will, und macht verstockt, wen er will" (Röm. 9,18). Reizt Gott also die Menschen selbst zur Sünde auf? Dieser Gedanke wurde schon im Alten Bund als so ungeheuerlich empfunden, daß viele Fromme ihn nicht ertrugen. Ein und derselbe Vorfall wird in der Bibel zweimal berichtet: daß nämlich der König David, statt sich auf Gott allein zu verlassen, eine statistische Erhebung anordnete. Im älteren Bericht lesen wir: "Der Zorn Jahwes entbrannte noch einmal gegen die Israeliten, so daß er David gegen sie aufreizte durch den Befehl: Auf! Zähle Israel und Juda!" (2.Sam.24,1). Jahrhunderte später wollte ein anderer Verfasser dem Leser ein so finsteres Gottesbild nicht zumuten und schrieb stattdessen: "Satan trat gegen die Israeliten auf und reizte David dazu, die Israeliten zu zählen" (1.Chron. 21,1). Und wir? Den meisten von uns ist die Figur des persönlichen Teufels arg zweifelhaft geworden. [Dazu gab es 2006 einen geistlichen Briefwechsel.] Müssen wir deshalb, wie die andere biblische Richtung es tat, auch hinter dem Bösen letztlich Gott selbst am Werk sehen? Das paßt doch überhaupt nicht zum strahlenden Grundton des Neuen Testamentes: "Gott ist die Liebe" (1.Joh. 4,8). Was sollen wir denken?

Ein rätselhafter Hinweis Jesu kann uns auf die rechte Spur setzen. "Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben" (Mt 10,16), rät das Wort Gottes in Person. Was heißt dieses scheinbar unmögliche "und" unseres Herrn ? Versetzen wir uns in die Stimmung der Zeit seines Auftretens zurück. "Das Reich Gottes ist nahe," war der Grundton der Bergpredigt. Weil die Welt dann wider Erwarten doch nicht unterging, weil die Christen sich in der weiterlaufenden Zeit einrichten mußten, deshalb müssen wir stets fragen: Welche "innere Zeit" gilt für mich in dieser Situation? Ist jetzt die geschichtliche Schöpfungszeit "dran", soll ich mich schlangenklug meiner, unserer Haut wehren? Oder ist "jetzt die Zeit der Gnade" (2 Kor 6,2), "die letzte Stunde" (1 Joh 2,18), da meine Gewaltlosigkeit ein göttliches Zeichen dafür sein soll, daß alle irdischen Konflikte entmachtet sind? Es heißt Ernst machen damit, daß dies zwei grundverschiedene göttliche Dimensionen sind.

In der Schöpfungszeit gilt der Gegensatz von Subjekt und Objekt, er hat in der Beziehung Vater/Sohn seine innergöttliche Wurzel. Wenn zwei Schachmeister einander gegenübersitzen, ist jeder Subjekt der eigenen und Objekt der fremden Pläne; wer diese besser durchschaut, gewinnt den Kampf. In der Heilszeit hingegen gilt die Wir-Einheit, nicht die Ich-Du-Distanz, ihre göttliche Wurzel ist die personhafte Liebe, der Heilige Geist. Das Leben der Einzelnen und Gemeinschaften wird von einem dreieinigen Rhythmus bestimmt: "Es gibt eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden" (Pred. 3,8), d.h. der Kairos (die gültige Zeit) des Ich-Du-Gegensatzes unterscheidet sich vom Kairos der Wir-Einheit. Beide Situationen aber sind, wenn sie nach Gottes Willen jeweils dran sind, in sich gut. Gott will sowohl die klare Kontur, die bestimmt leuchtende Farbe eines jeden besonderen Ich, als auch die Einheit des Großen Friedens, aus dem niemand störend ausbricht. Kurz: Unser Gott will das Ego, aber nicht den unfriedlichen Egoismus, will auch den Frieden, aber keinen ichlosen Einheitsbrei. Weil beide Wahrheitsakzente göttlich sind, deshalb bilden sie an sich eine wunderbare Stereo-Balance. Allerdings sind die meisten von uns im Rahmen der alten Mischehe von Kirche und Obrigkeitsstaat großgeworden; dieser ist mehr an braven als an konfliktlustigen Bürgern interessiert, deshalb hat die Predigt gegen den Egoismus ein solches Übergewicht erlangt, daß viele sie für die christliche Wahrheit halten.

Das ist aber falsch. Gott hat die Welt als einen Kampfplatz geschaffen, er will den Wettbewerb, das gnostische Ideal undifferenziert friedlicher Einheit ist von der Kirche als Irrglaube verworfen worden. Wo der Kampf scheinbar verboten ist, statt seiner "Harmoniezwang" herrscht (wie in manchen Häusern, die geistlich sein wollen), da gilt tatsächlich nicht der göttliche, sondern ein fauler Friede, der stärkste Faktor würgt alle Eigenständigkeit der schwächeren ab. Bei einer unkirchlich-weihevollen Hochzeitsfeier saßen im Sommer 1986 die Gäste in einem weiten Kreis unter Bäumen und jeder hatte etwas Geistliches mitgebracht. Eine der geladenen Damen sagte, statt ein Gedicht oder einen Bibelvers vorzutragen, dem Brautpaar nur einen einzigen Satz: "Ich wünsche Euch Mut zum Konflikt." Einige wirkten irritiert - das bei solchem Anlaß? Erfahrene Eheleute aber stimmten ihr zu.

Wenn wir den Widerstreit der Prinzipien Konflikt und Harmonie so in seiner letzten Tiefe verstehen, als Gegensatz zweier göttlicher Dimensionen, dann klärt sich das Rätsel der letzen Vater-Unser-Bitte. Einerseits ist es tatsächlich irgendwie Gott, der den Menschen in Versuchung führt: Denn auch jene Dimension, die jetzt nicht "dran" ist, bleibt trotzdem göttlich, d.h. es geht eine absolute Faszination von ihr aus und schlägt den Menschen in ihren Bann. Denken wir an einen Hitlerjungen; seine Erzieher, denen er vertraut, haben ihm die geschichtliche Aufgabe des deutschen Volkes in leuchtenden Farben gemalt, so daß sie ihm zum unbefragten Ideal geworden ist, zum Schein-Gott. Daß der in Wahrheit ein Lügengötze, ja ein Teufel ist, das sieht sein verblendeter Sinn nicht ein. Einem Verstockten zeigt das Ganze sich als Fratze.

Ist solcher Faszination aber überhaupt zu entkommen? Welche gute Macht erlöst aus dem Bann einer göttlichen Dimension, die aber - nach Gottes Willen - jetzt nicht gilt? "Erschienen ist uns die Güte und Menschenliebe Gottes unseres Heilandes und hat uns gerettet" (Tit. 3,4). Dank Gottes Menschwerdung ist jeder unmenschliche "Gott" als Teufel entlarvt. Aus des Teufels Gewalt erlöst uns Gott nur durch Vermittlung des Menschensohnes, anwesend in jedes Menschen Kind dir gegenüber. Was wir einem dieser Geringsten tun, das tun wir unserem wahren Herrn. Dem Menschen erscheint nicht nur das Ganze, er begegnet auch seinem Mitmenschen. Lernen wir das Prinzip: Wo dein "Gott" dir die Verantwortung vor irgendeinem wirklichen Menschen verbietet, da kippt er zum Teufel um. Seiner Faszination darfst du dich nicht überlassen. Das bedeutet freilich: Du mußt bereit sein, eine Zeitlang den Anschein der Sinnlosigkeit des Ganzen auszuhalten. Denn so, wie es dir erscheint, darfst du ihm nicht glauben; anders aber erscheint es dir jetzt nicht, also fehlt der Sinn. Darin bestand Jesu furchtbare Versuchung am Kreuz. "Erlöse uns von dem Bösen" heißt deshalb: Setz uns nicht dem Bann des Bösen aus; tust Du es aber doch, dann stütze uns im Finstern der Sinnlosigkeit so lange, bis Du uns das Ganze in neuem Lichte zeigst, so daß es uns auf eine Weise ergreift, die nicht mehr gegen die Liebe ist.

Heraufbeschwören sollen wir Versuchungen nicht. Als in der Antike gewisse selbstsichere Christen sich zum Martyrium drängten, da hat die Kirche das verboten. Wenn die Versuchung aber an uns herantritt, d.h. wenn eine bestimmte Möglichkeit unserem Herzen als die einzig richtige vorkommt, obwohl wir wissen, daß wir sie vor dem oder jenem Menschen nicht verantworten können - möge uns dann die Kraft geschenkt sein, vor dem Kreuz der Sinnlosigkeit nicht wegzulaufen.

Da hilft eine geistliche Übung: Stell dir vor, du stehest diesem Menschen beim Jüngsten Gericht gegenüber, in Gegenwart aller, die je gelebt haben. Kannst du die Weise, wie das Ganze dir eben erschien, DANN vor diesem Menschen verantworten? Wenn ja, dann trau auf Gott, so wie er sich dir zeigt. Wenn nein, dann widersteh dem Teufel, der dich betört, mit voller Kraft. Das ist dann aber nicht deine eigene Kraft, auch keine namenlose, vielmehr die Gegenwart Jesu, des Gefolterten und Auferstandenen, in Person. "Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden" (Hebr. 2,18).


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

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