Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb ab Dezember 2001

Sind Sünder besser dran?

Gedanken zum zehnten Sonntag im Jahreskreis


Die beiden Schlüsselsätze des heutigen Evangeliums haben schon viele Mißverständnisse herausgefordert und zahlreiche Gemüter verwirrt. Zu keiner Zeit haben sie ihren Stachel verloren, jede Generation glaubender Menschen muß neu ihre paradoxe Schale knacken, um den beglückenden Kern zu finden.

I. "Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer."

Als Jesus den Pharisäern den Ausspruch des Propheten Hosea entgegenhielt, war dieses Gotteswort schon drei Viertel eines Jahrtausends alt. Jene Pharisäer waren keine schlechten Theologen, sie kannten ihre Heilige Schrift. Trotzdem floß im Tempel zu Jerusalem in Strömen das Blut der Opfertiere. Und heute, nach weiteren zweitausend Jahren, fürchten viele sich immer noch vor "Dem da droben", weil er so harte Opfer von ihnen verlangt. Jede vorgedruckte Spendenquittung in der Post - nur der Betrag sei noch einzusetzen - rührt alte Ängste auf. Andere bringen solche Opfer begeistert dar, bis hin zu dem des Lebens, beim Selbstmord-Attentat. Wieder andere protestieren wütend gegen derlei himmlische Zumutungen, wollen von keinem Opfer wissen, sind lieber gottlos, als ständig hinauf zu schielen. Die meisten kennen nur mehr Verkehrs- und Verbrechens-Opfer. Man entsetzt sich, wenn man etwa in Mexiko vor Altären steht, wo den Menschenopfern das zuckende Herz aus der Brust gerissen wurde; in der eigenen Welt aber kommt der Gedanke an Opfer nicht vor. Hat dieses neue Heidentum den Propheten Hosea und Jesus am besten verstanden? Nein. Bei ihnen sagt ja Gott, daß Er keine Opfer will; den neuen Heiden dagegen sind nicht nur die Opfer unbekannt sondern Gott erst recht.

Problematisch ist auch die Barmherzigkeit. Wäre sie eine eindeutige Sache, gäbe es keinen Grund, die sog. "Gutmenschen" zu verspotten. So ist es aber nicht. Ein römischer Bettler wurde ertappt, als er die Parkuhr seines Mercedes fütterte; wer je einem schlau winselnden Betrüger auf den Leim ging, gibt dem Realismus der klugen Marie von Ebner-Eschenbach recht: "So mancher meint, ein gutes Herz zu haben, und hat nur schwache Nerven."

II. "Nicht Gerechte zu rufen bin ich gekommen, sondern Sünder."

Müssen wir also erst Übles tun, um der Berufung würdig zu werden? Das kann nicht sein. Die Versuchung zum "Pharisäismus des Zöllners" liegt bei diesen Worten aber nahe. Eugen Roth macht sich über ihn lustig:

"Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt, voll Heuchelei,
dafür, daß er kein Zöllner sei.
Gottlob, rief er in eitlem Sinn,
daß ich kein Pharisäer bin."

Der Mensch hat etwas falsch verstanden. Was sagt uns dieses Evangelium aber dann?

III. Der Rhythmus des Heils

Verwirrend wirken Jesu Worte nur so lang, wie wir sie aus ihrer bestimmten Situation herausreißen und als zeitlose, allgemein gültige Sätze mißverstehen, die immer und in jeder Lage richtig sind, ähnlich anderem, was man wissen kann: zwei mal zwei ist vier, Rom liegt am Tiber. Solcherart Richtigkeit kommt jedoch Glaubens-Aussagen nicht zu. Sie sind mehr als bloß richtig, nämlich existentiell wahr, das heißt aber stets auf die innere Situation derer bezogen, die sie hören und verstehen. Seelische Situationen gibt es natürlich unfaßbar viele. Doch lassen sich auch bei unserem Thema "Standardsituationen" ausmachen. Wer sie erkennt und entsprechend einschätzt, tut sich leichter: sowohl im eigenen geistlichen Leben als beim Urteil über ideologische Programme. Fragen wir deshalb: Welche inneren Standardsituationen helfen zum Verständnis des heutigen Evangeliums?

Sie sind von Jesus selbst in unübertrefflicher Klarheit dargestellt worden: in der Perle seiner Gleichnisse, der Geschichte der verlorenen Söhne. Sie besteht aus folgenden Situationen:
- Beide Söhne leben als Kinder harmonisch daheim.
- Später sollen sie in Haus und Feld mithelfen. Jetzt verzweigt sich die Geschichte:
- Der Ältere gehorcht gern, fühlt sich mitverantwortlich, gibt vermutlich auch seinem Bruder strenge Befehle.
- Dieser fühlt sich mehr und mehr unterdrückt, rebelliert gegen den Zwang, sehnt sich nach Freiheit.
- Eines Tages haut er ab.
- In der Fremde gerät er zuletzt ins totale Elend. In dieser tödlichen Krise erinnert er sich der Geborgenheit daheim und sieht ein, daß zum ganzen Glück auch die Übereinstimmung mit des Vaters Willen gehört.
- Seine Umkehr ist der eine Höhepunkt des Gleichnisses. Er bereut die einseitige Ich-Fixierung von früher, bekennt demütig, daß er jedes Recht verwirkt hat ("ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen"), überläßt sich ganz dem Vater.
- Der Vater ist glücklich, daß sein Kind die frühere Schlagseite überwunden hat, und setzt ihn liebevoll in seine ganze Würde ein, dankbar stimmt der Sohn zu. Der Seelenweg des Jüngeren hat sein Ziel erreicht: die volle Teilhabe an den drei göttlichen Sinn-Dimensionen.
- Nun gerät der Ältere in seine Krise. Seine Bravheit offenbart plötzlich ihre finstere Kehrseite: das unfreie Mißtrauen gegen den Vater ("Nie hast du mir ein Böcklein gegeben." - "Aber Kind, du bist doch immer bei mir, all das Meinige ist dein!"). Statt auf dem väterlichen Gut sein Ich frei zu leben, wie der Vater es gewünscht hätte, hat der Ältere sich selbst zum bloßen Sklaven gemacht, weil er an des Vaters Liebe nicht glaubte. Schlimmster Neid überfällt ihn, er will nicht mitfeiern, steht wütend vor der Tür des Festsaals, in derselben totalen Nichtigkeit, die den Bruder im Schweinestall bedroht hatte.
- Der Vater kommt zu ihm und redet ihm gut zu: Freu dich mit, dein Bruder ist wiedergefunden. Auch dem Älteren bietet der Vater die dreieinige Sinnfülle an. Wird er zustimmen? Diese Frage richtet Jesus an die religiöse Obrigkeit seines Volkes. Das ist die innere Situation unseres Evangeliums.

"Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer" bedeutet also: Jetzt kommt es nicht nur auf eure Opferbereitschaft an, die habt ihr ja bewiesen. Nicht an die Gerechten als solche wende ich mich jetzt, nicht an die eifrigen Ackerer auf dem Feld meines Vaters. Deren Fleiß ist gut und recht, jetzt aber nicht das Thema. Jetzt geht es um deinen tieferen Gehorsam: wie du, der brave Sohn, es mit deinem heimkehrenden verlorenen Bruder halten willst, z.B. mit diesen Zöllnern und Sündern da. Daß ich mit ihnen zusammen esse, bedeutet ihre Wiederaufnahme ins Haus des Vaters. Bist auch du dabei? Sie zur Heimkehr zu bewegen ist mein Beruf als Arzt, Therapeut der Gott-Entfremdeten. Genauer: mein einer Beruf. Den anderen übe ich in diesem Augenblick aus, indem ich - als Stimme des Vaters in meinem Gleichnis - euch Selbst-Entfremdete, lieblose Opfer eines verknöcherten Gottesbildes eurerseits zur Umkehr des Älteren rufe, der jetzt ebenso schlimm verloren ist wie sein Bruder je war. Der mußte im Schweinestall einsehen, daß seine Selbständigkeit nur innerhalb seiner Beziehung zum Vater bestehen kann. Ähnlich mußt du jetzt einverstanden sein, daß deine Bravheit ohne dein Ja zu deines Bruders und deiner eigenen Freiheit sich in Rebellion verkehrt; denn der Vater selbst will seine Söhne nicht nur brav sondern selbständig und frei.

Ich gestehe: Erst als ein winziges Söhnlein einmal von ganz unten her freudestrahlend "Papi" zu mir sagte, habe ich in Neuem Geist "Vater Unser" zu beten gelernt. Verschwunden war die alte Rivalität des Sohnes gegen seinen übermächtigen Vater und Herrn. "Wie die Kinder" müssen wir werden und erfahren: Gottes Liebe bejaht nicht nur meinen Gehorsam sondern ebenso meine Freiheit und mein friedliches Dabeisein im Ganzen. Der logische Verstand kann dies drei-einige Ineinander nicht mehr begreifen; sobald er sich auf eine der Schaltungen einläßt, scheinen ihm die anderen beiden ungültig. Die gläubige Vernunft kann diesen Schein jedoch übersteigen, als Unvermögen unseres Denkapparats diagnostizieren und sich weigern, daraus falsche Schlüsse zu ziehen, ähnlich wie ein Gebildeter weiß, daß abends keineswegs die Sonne verschwindet sondern bloß die Erde sich weitergedreht hat. Das Wissen nimmt dem Anschein zwar nichts von seinem sinnlichen Zwang, der verführt aber nicht zu irrigem Urteil.

Sei deshalb wach. Will eine Stimme dir einreden: Jesus beruft nur Sünder, kümmere dich also nicht um diese blöde Pflicht da, folge unbesorgt deinem Verlangen, so wirst du sündig, d.h. der Berufung würdig - dann antworte der Stimme: Dummer Teufel, du verwechselst die Standardsituationen, bist gerade so blöd, als würfe ein Fußballer den Ball von der Seite direkt ins Tor. Das gilt nicht. Jetzt bin ich nicht der ältere sondern der jüngere Sohn und wäre arg dumm, wollte ich nach meiner Heimkehr mich nochmals zum stinkigen Schweinestall aufmachen. Ich weiß ja jetzt, daß ich ohne Gehorsam nicht glücklich sein kann. Lieber bringe ich jetzt dieses Opfer, mag es wehtun. Es ist jetzt dran. Erst wenn eine Pflicht mir oder meinem Mitmenschen tatsächlich zu schwer gewesen ist und jemand im Dreck liegt: erst dann gilt eine andere Standardsituation und es heißt zur Barmherzigkeit fliehen oder greifen, je nachdem.

Ohne die Gnade des Himmels könnten wir weder im einen noch im andern Fall bestehen. Sie ist aber da für uns. Trauen wir in diesem Sinn den Anfangssätzen der ersten Lesung. Um das Jahr 750 verkündet der Prophet Hosea im Namen Gottes: "Laßt uns nach Erkenntnis streben, nach der Erkenntnis des Herrn! Sicher wie die Morgenröte ist sein Aufgang; er kommt auf uns herab wie der Regen, wie Frühlingsregen, der die Erde tränkt."


Zum Weiterdenken:

Blut

Spendenquittung: Das ist jedes Mal ein Anstoß zu neuer Balance.

"Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen": "Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein," läßt die Einheitsübersetzung den Heimkehrer zweimal sagen, obwohl im Original klar "heißen" steht, wörtlich: gerufen zu werden. Hätte der Vater sich so gefreut, wenn er statt seines stolzen Lieblings ein Wrack zurückerhalten hätte? Gewiß, vor der Öffentlichkeit des Hofes mußte sein Hochmut gesühnt werden, da Sohn zu heißen durfte er nicht mehr verlangen. Im Innenverhältnis aber wußten doch beide, daß die volle Mündigkeit des Kind-Seins erreicht war: Nichts wünscht ein Vater mehr als ein zugleich einfügsames und selbständiges Kind.
Hier ist die Totenklage um einen jüngeren Sohn, der nicht mehr heimfand.

Wiederholung der Standard-Situationen [die sich trinitäts-systematisch voneinander abheben]:

- Beide Söhne leben als Kinder harmonisch daheim [geborgen im EINS].

- Später sollen sie in Haus und Feld mithelfen [gehorsam dem DU]. Jetzt verzweigt sich die Geschichte:

- Der Ältere gehorcht gern [DU +], fühlt sich mitverantwortlich, gibt vermutlich auch seinem Bruder strenge Befehle.

- Dieser fühlt sich mehr und mehr unterdrückt [- ICH], rebelliert gegen den Zwang [DU -], sehnt sich nach Freiheit.

- Eines Tages haut er ab [ICH +].

- In der Fremde gerät er zuletzt ins totale Elend [- ICH, - DU, - EINS]. In dieser tödlichen Krise erinnert er sich der Geborgenheit daheim [+ EINS] und sieht ein, daß zum ganzen Glück auch die Übereinstimmung mit des Vaters Willen gehört [DU +].

- Seine Umkehr ist der eine Höhepunkt des Gleichnisses. Er bereut die einseitige Ich-Fixierung von früher, bekennt demütig, daß er jedes Recht verwirkt hat ("ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen"), überläßt sich ganz dem Vater.

- Der Vater ist glücklich, daß sein Kind die frühere Schlagseite [ICH + / DU -] überwunden hat und setzt ihn liebevoll in seine ganze Würde ein, dankbar stimmt der Sohn zu [ICH + / DU + / EINS +]. Der Seelenweg des Jüngeren hat sein Ziel erreicht: die volle Teilhabe an den drei göttlichen Sinn-Dimensionen.

- Nun gerät der Ältere in seine Krise. Seine Bravheit [DU +] offenbart plötzlich ihre finstere Kehrseite [ICH -]: das unfreie Mißtrauen gegen den Vater ("Nie hast du mir ein Böcklein gegeben." - "Aber Kind, du bist doch immer bei mir, all das Meinige ist dein!"). Statt auf dem väterlichen Gut sein Ich frei zu leben, wie der Vater es gewünscht hätte, hat der Ältere sich selbst zum bloßen Sklaven gemacht [DU + / ICH -], weil er an des Vaters Liebe nicht glaubte [EINS -]. Schlimmster Neid überfällt ihn, er will nicht mitfeiern, steht wütend vor der Tür des Festsaals, in derselben totalen Nichtigkeit [- ICH / - DU / - EINS], die den Bruder im Schweinestall bedroht hatte.

- Der Vater kommt zu ihm und redet ihm gut zu: Freu dich mit, dein Bruder ist wiedergefunden. Auch dem Älteren bietet der Vater die dreieinige Sinnfülle an [+ ICH / + DU / + EINS]. Wird er zustimmen?


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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