Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb

Zweifach-eine Liebe

Gedanken zum dreißigsten Sonntag im Jahreskreis


Schon ist es über ein halbes Jahrtausend her, daß eines Tages jemand in Amerika den Kolumbus entdeckte. Hätten unsere Ahnen, seufzt ein heutiger Indianer, die Eindringlinge doch bloß sofort wieder zurückgeschickt! Von Indiogruppen stammen die folgenden Sätze; blitzartig erleuchten sie eine Finsternis, die vielen überhaupt noch nicht bewußt ist: "Die Indios heißen die Ärmsten der Armen. Den Armen hat immer die Vorliebe der Kirche gegolten. Der Andere aber, der Andersdenkende oder kulturell Andere wurde von ihr nie angenommen; er war und ist ein Feind der Kirche. So muß zur Option für den Armen heute die Option für den Anderen kommen." Das ist eine starke Formel. Fast zweitausend Jahre ist das Christentum schon alt und findet erst jetzt, in Lateinamerika, diesen Begriff, der doch aus seinem Wesen notwendig folgt.

Einer der kürzesten Sätze im Evangelium umfaßt nur vier Wörter, die aber haben es in sich. Unauffällig stehen sie zwischen zwei gewaltigen Zitaten aus dem Alten Testament, leiten vom einen jüdischen Grundprinzip zum anderen über. Wie sie das aber tun, wie sie im Lauf der christlichen Jahrhunderte verstanden wurden und wie es auch hier wieder um einen einzigen Buchstaben geht, der die Kirche heute nicht weniger (und recht besehen nicht anders) spaltet als dasselbe Jota vor 1700 Jahren - das ist eine spannende Geschichte.

Erinnern wir uns an das damalige Tagesgespräch in den christlichen Häusern, ja sogar den Barbierstuben von Konstantinopel: Ist Christus dem Vater wesensähnlich oder gleichwesentlich, homoi-ousios oder homo-ousios? Für die Ähnlichkeit stritt ein Flügel der Arianer (Arius selbst hatte "unähnlich" gesagt): denn wer könnte Gott gleich sein? Richtig, stimmte die andere Partei zu; niemand außer Gott selbst ist Gott gleich, und eben weil Christus Gott selbst in Person ist, deshalb müssen wir seine Wesens-Identität mit dem Vater bekennen. Zeitweise waren die Arianer weit in der Mehrheit; "der Erdkreis seufzte auf und wunderte sich, daß er arianisch war" (Hieronymus). Gerade unsere germanischen Verwandten, die Goten, traten für die arianische Sicht ein, die ihnen wohl klarer vorkam. Durchgesetzt hat sich jedoch das Bekenntnis zur Gleichwesentlichkeit: "consubstantialem Patri" singen wir im Credo und denken kaum je daran, welch tiefe Entscheidung damals gefallen ist: Einer aus uns, ein Mensch, ist Gott! Was bedeutet das für die Würde eines jeden Menschen?

Diese Frage ist heute ebenso umstritten wie damals die nach Christus. Und wie diese in der Öffentlichkeit der Kirche lange arianisch beantwortet wurde, das heißt (vom später geklärten Glauben aus beurteilt:) falsch, so zieht auch bei der Frage nach der Würde des jeweils anderen Menschen die Christenheit großenteils den scheinklaren Irrtum vor, während die katholische Wahrheit zwar vom Glauben der Heiligen getan wurde, ihren angemessenen Ausdruck in der kirchlichen Lehre aber erst noch finden muß. Von einem Schritt dahin erzählte mir jüngst in .

Einer Münchner Christin ist vor zwölf Jahren beim heutigen Evangelium vom Hauptgebot (Mt 22,34-40) plötzlich der überleitende Zwischensatz aufgeleuchtet: "Du sollst ... Gott lieben ... Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Nach so vielen Jahren zum ersten Mal fragte sie sich: Woher stammt diese Kühnheit? Beide Gebote sind jüdisch, stehen schon im Alten Testament (Dtn 6,5 und Lev 19,18). Sie aber als gleichwertig hinstellen: das konnte nur der Sohn. Das ist klarer Originalton Jesu. Dem Volk Israel verdanken wir den Schritt vom Kinder verschlingenden Götzen hin zum wahren Gott, der nicht bestochen, sondern geliebt sein will und auch uns Menschen die Liebe zueinander aufträgt. Daß beides aber dasselbe ist, solche praktische Gott-Mensch-Identität ist Jesu Botschaft. Gott ist sichtbar dieser Mensch geworden, um uns zu zeigen, daß er geheimnisvoll in jedem Menschenkind lebt. Was wir dem Geringsten tun, ganz ohne juristische Fiktion tun wir das Gott selbst, denn Christus das ICH lebt auch in uns den Gliedern seines Menschheitsleibes.

Vom Gespräch mit dieser wachen Christin tief beeindruckt, lese ich jenen Zwischensatz im Original nach - und finde mich mitten im Arianismus-Streit. Das Schlüsselwort "homoia" scheint eben der Schlachtruf der Arianer zu sein. Ist die Nächstenliebe etwa der Gottesliebe doch nicht gleich, nur ähnlich? Erschrocken sehe ich im Wörterbuch nach und finde: "Gleich, gleichartig, ähnlich". Das läßt alles offen. Was las und liest auf dem Erdkreis die lateinische Kirche? "Simile", das aber heißt nicht gleich, sondern ähnlich. Mich erfaßt ähnlicher Schauder wie damals den Hieronymus, vor allem während ich lese, was der bedeutende Exeget Cornelius a Lapide SJ († 1637 in Rom), zu unserer Stelle sagt:

"Das zweite, nicht nach der Ordnung der Gesetzgebung; denn viele andere Gesetze und Vorschriften sind vor diesem von Gott gegeben und sanktioniert worden, sondern an Würde und Vollkommenheit, wenn auch dem ersten bei weitem ungleich und unterlegen: denn Gott ist bei weitem mehr zu lieben als alle Engel, Menschen und Geschöpfe überhaupt; doch nach Gott, unter den geschaffenen Dingen, ist vor allem der Nächste zu lieben. Ähnlich, in Liebe und Affekt sowie deren Pflichten und Taten. Denn wie wir Gott lieben, so auch den Nächsten; ja, Grund der Nächstenliebe ist die Gottesliebe; denn den Nächsten lieben wir wegen Gott, d.h. weil Gott uns befiehlt, daß wir den Nächsten als sein Bild lieben sollen. Die Selbstliebe läßt Christus hier aus, weil sie allen innerlich und sozusagen natürlich ist, so daß du, wenn du Liebe zu anderen hast, sie zuerst zu dir selber vollziehst ... An erster Stelle ist also Gott über alles aus ganzem Herzen zu lieben. Zweitens die eigene Person, d.h. Seele und Leib. Drittens der Nächste; das wie bedeutet nicht Gleichheit, sondern Ähnlichkeit der Liebe; denn mehr müssen wir uns selbst als den Nächsten lieben."

Vor dem Hintergrund dieser Frucht am katholischen Baum leuchtet um so heller Luthers Leistung, er sagt schlicht "gleich". Auf katholischer Seite sind ihm darin viele gefolgt; "gleich" lese ich sowohl in der Bibel (1849) meines Urgroßvaters als auch bei Fridolin Stier (1989), Josef Schmid erläuterte 1959: "gleich(wertig)". Was steht denn nun aber wirklich in der Bibel? Wie verhält sich das Gebot der Nächstenliebe zu dem der Gottesliebe? Weitaus unterlegen, erklärte der angesehene Theologe damals, ebenso wichtig, verkündet jetzt die deutsche Liturgie. Was sagt die Wissenschaft? Sie schweigt. Denn homoia heißt ungeschieden beides, ähnlich und gleich; der genaue Sinn hängt jeweils vom Kontext ab. Der klärt uns den Sinn des Wortes zwar beim Arianismus-Streit, nämlich durch den Gegenbegriff homo- = ebenso, gleich. Ähnlich wie ein Rappe sich vor weißer Wand am deutlichsten abhebt, so gibt einem Wort der Hintergrund seines Gegensatzes die klarste Schärfe. Bei unserem Bibelwort fehlt er. Nicht gelehrte Forschung entscheidet deshalb, sondern allein der Glaubenssinn.

Wenn ich dem Kompaß des meinen trauen darf, dann ist die einseitig monotheistische Deutung des Cornelius als "anthropologischer Arianismus" zu verwerfen: klar, rational unanfechtbar, aber nicht christlich. Seit Gottes Menschwerdung ist der abstrakte Vorrang des Schöpfers vor dem Geschöpf kein gültiger Maßstab mehr! Das Sätzlein Mt 22,39, rechtgläubig verstanden, enthält die Option für den jeweils anderen als fundamentale christliche Heilswahrheit. Weil der Heilige Geist die Christen nie ganz verläßt, sie vielmehr an alles erinnert, was Jesus zu uns gesagt hat (Joh 14,26), deshalb wird die Kirche den jetzt noch in ihr schwelenden anthropologischen Arianismus ebenso überwinden wie ehedem den christologischen. So wird sie in einer fortdauernd unmenschlichen Welt zum heller strahlenden Zeichen für Gottes Menschenfreundlichkeit gereinigt werden. Wer auch nur den winzigsten Fetzen findet, putze täglich mit.


Zum Weiterdenken:

Option für den Anderen: Wie unerträglich schwer es sein kann, den anderen als anderen zu lieben, wird an einer alltäglichen, besser: vielnächtlichen Erfahrung deutlich; ein noch so lieber neben mir schnarchender Mensch bringt mich irgendwann zum gewalttätigen Griff an die fremde Nase - oder zum Rückzug aus dem Zimmer.

Münchner Christin: Irmgard Bsteh.

Kein gültiger Maßstab: Wie anders klingen die Sätze von Irmgard Bsteh: "In einer Eucharistiefeier wußte ich: Jesu Einsetzungswort über dem Brot, "Das ist mein Leib", existiert als Zwilling. Der andere ist das Gleichsetzungswort auf den geringsten Bruder hin, das "Mir getan". Wenn der Herr mich aus den Augen des Bruders in Not ansieht und selbst dessen Hand aufhält, ist es nichts anderes als sein Sichgleichsetzen mit dem Brot: "Das ist mein Leib." Antworte ich auf das eine mit Amen, indem ich das Brot empfange und esse, so auf das andere, indem ich Liebe erweise und die Not des Bruders wende ...
Beide Male ist die Heilstat Gottes in Jesus unauslotbar:
- Wenn Menschen, die das "Mir getan" nicht kennen oder nicht akzeptieren, von der Gleichsetzung profitieren, nämlich das ewige Leben gewinnen (Mt 25,46); für mich der genialste Einfall, auf den die Liebe Gott gebracht hat - damit Ihm keiner, der liebt, entkomme!
- Und wenn gläubige Hörer durch das Wort der Gleichsetzung eine Perspektive gewinnen, die für mich Lebensqualität schlechthin bedeutet. Kein Bedauern mehr, nicht Zeitgenosse Jesu zu sein, kein vergeblicher Wunsch, Ihm persönlich und handgreiflich Dank, Verehrung, Liebe, all das erweisen zu können, wozu es Christen während der Kreuzverehrung drängt. Und viele Male sonst."
(Irmgard Bsteh, Perlen brauchen Körperwärme, Mainz 1985, 99-101)



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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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