Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Was nach dem Scheitern gilt

Gedanken zum dritten Fastensonntag


"Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen."

Welche Kraft in welcher Kürze! Wir aber, wie kommen wir hinein in diesen Text? Hätte er nicht uns zum Inhalt, wäre er uns nicht Gottes Wort. Die Antwort scheint klar: Die Christen sind die Berufenen, in unserem Fall weder Juden noch Griechen sondern eben Germanen oder Kelten oder aus sonst einem - damals - barbarischen Stamm. Irdische Herkunft macht es nicht, sondern daß wir zum Glauben an Christus berufen sind, ihn, der als Gekreuzigter doch Gottes Kraft und Gottes Weisheit ist. So weit so klar.

Es steckt aber viel mehr in diesen Sätzen. Um Paulus zu verstehen, müssen wir seine Gedanken aktualisieren. Im großen Heilsdrama hat er die eigene Epoche als Happy End erlebt. Schien die Hinrichtung des Besten aller Menschen das ärgerlichste und dümmste Scheitern des Guten, so hat Ostern das Dumme in Weisheit gewandelt, die Schwäche in herrlichste Kraft. Nur mehr eines ist zu erwarten: das angebrochene Happy End muß sich durchsetzen, auf die schon geschehene erlösende Wende im letzten Akt folgt nur mehr das strahlende Finale, wenn der Herr bald wiederkommt.

Wir wissen: es kam anders. Die Geschichte ist unerlöst weitergegangen, immer noch wimmern verwundete Kinder, und wer weiß, wie lange das Ende der Zeit noch auf sich warten läßt - ihr äußeres, zeitliches Ende. Denn das innere, eigentliche Ziel ist seit Ostern erreicht. Nur weil wir Christen das ebenso glauben wie Paulus, können seine Sätze uns das Wort Gottes sein. Was heißen sie heute?

Der Apostel unterscheidet zwischen Juden und Griechen. Beide Völker leben noch heute, nicht von den Völkern als solchen ist hier aber die Rede sondern von Geisteshaltungen, die für sie typisch sind. Es geht um den Gegensatz von "Gottesmensch und Weltmensch". "Die Juden fordern Zeichen" bedeutet: Die Gottesmenschen wollen an deutlichen Erfahrungen ablesen können, daß sie von ihrem Gott erwählt und bevorzugt sind. Dazu neigen alle Religiösen, egal ob Jude, Christ, Moslem, Bahai usw. Immer wünschen, oft genug finden sie (ehrlicher: wir) auch solche Zeichen, seien das sinnvolle Fügungen, die an der Vorsehung nicht zweifeln lassen, seien es gute Gefühle beim Beten, Einsichten bei Schriftlesung oder Glaubensgespräch. Solche Zeichen sind nichts Schlechtes, Paulus beruft sich denselben Korinthern gegenüber sogar auf sie (2 K 12,12). Werden sie uns geschenkt, dürfen wir sie dankbar annehmen und uns von ihnen stärken lassen, denn unser Gott ist ein menschenfreundlicher Gott und weiß, wir sind schwach. Jesus hat Zeichen und Wunder gewirkt, damit Gottes Güte erscheine.

Zeichen zu fordern steht allerdings niemandem zu. "Da kamen die Pharisäer und begannen ein Streitgespräch mit ihm; sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn auf die Probe zu stellen. Da seufzte er tief auf und sagte: Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, das sage ich euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden" (Mk 8,11 f). Nicht ersetzen sollen Zeichen den Glauben sondern hegen, bis er von ihnen unabhängig wird. Erfahrene sprechen von geistlicher Entwöhnung: Ähnlich wie eine Mutter ihr Kind von der nährenden Brust absetzt, diese der Gier des Säuglings gar (laut Johannes vom Kreuz und Kierkegaard) durch bittere Salben verleidet, so verfahre, damit ihre Kinder reif werden, auch die göttliche Huld. Wenn es so kommt, tritt die Unterscheidung des Apostels zwischen "Juden" und "Berufenen" in Kraft, und zwar bei allen Menschen! Natürlich meinte Paulus mit den "Berufenen" damals die Christen; die haben seither aber gelernt, daß die Tatsache der Taufe jemanden noch nicht zum Berufenen in diesem Sinn macht. Wie die Kategorie "Juden" die Gottesmenschen überhaupt bezeichnet, so die Kategorie "Berufene aus den Juden" solche Gottesmenschen, denen ihr naiver Zeichenglaube zerbrochen ist, die nach einem inneren Karfreitag neu zum Glauben an die Güte des Unbegreiflichen gefunden haben. "Gottesmenschen" in diesem Sinn, sowohl unreife als auch zu heilsamer Reife enttäuschte, finden sich unter Vertretern aller Denkarten, erstaunlicherweise sogar bei Atheisten. Packend erzählt der bekennende Gottlose Jean-Paul Sartre, wie ihm das lange genossene Auserwähltheitsgefühl abhanden gekommen ist:

"Ich glaubte mich der Literatur zu weihen, während ich in Wahrheit in einen Orden eingetreten war. Die Gewißheit des demütigsten unter den gläubigen Menschen wurde in mir zur stolzen Evidenz meiner Prädestination. Prädestiniert sein, warum nicht? Ist nicht jeder Christ ein Erwählter? So wuchs ich als Unkraut auf dem Humus der Katholizität. Meine Wurzeln sogen ihm die Säfte ab, damit ich gedeihen konnte. Von hier stammt jene luzide Verblendung, an der ich dreißig Jahre gelitten habe. Im Jahr 1917 wartete ich eines Morgens in La Rochelle auf Mitschüler, die mich ins Gymnasium begleiten sollten; sie verspäteten sich, so daß ich bald zu meiner Zerstreuung nichts mehr zu erfinden vermochte und beschloß, an den Allmächtigen zu denken. Augenblicklich machte er sich in den Azur davon und verschwand ohne irgendeine Erklärung: er existiert nicht, sagte ich, höflich erstaunt, zu mir selbst, und hielt die Angelegenheit für abgetan. In gewisser Weise war sie es auch, denn seither habe ich niemals die leiseste Versuchung gespürt, ihn von neuem zu beschwören. Aber der Andere blieb, der Unsichtbare, der Heilige Geist, der meinen Auftrag garantierte und mein Leben durch große, anonyme und geheiligte Kräfte regierte. Von dem da konnte ich mich um so schwerer frei machen, als er sich im hinteren Winkel meines Kopfes eingerichtet hatte mit Hilfe von eingeschmuggelten Begriffen, derer ich mich bediente, um mich zu verstehen, meine Lage zu bestimmen und mich zu rechtfertigen. Wenn ich schrieb, so hieß das lange Zeit, daß ich den Tod und die maskierte Religion darum bat, mein Leben dem Zufall zu entreißen. Ich war ein Mann der Kirche; als Militant wollte ich mich durch die Werke retten; als Mystiker bemühte ich mich darum, das Schweigen des Seins durch ein lästiges Geräusch von Wörtern zu enthüllen, wobei ich vor allem die Dinge mit ihren Namen verwechselte. Das ist: Glauben ... Die Illusion der Rückschau ist zerbröckelt; Märtyrertum, Heil, Unsterblichkeit, alles fällt in sich zusammen, das Gebäude sinkt in Trümmer, ich habe den Heiligen Geist im Keller geschnappt und ausgetrieben; der Atheismus ist ein grausames und langwieriges Unterfangen; ich glaube ihn bis zum Ende betrieben zu haben." [Die Wörter, gegen Ende]

"Die Griechen suchen Weisheit." Weltmenschen wollen verstehen. Sie (ehrlicher: wir) möchten begreifen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", trauen ihrem Verstand zu, daß er den Sinn des Daseins im Netz kluger Unterscheidungen einfängt, und sind verstört, wenn er ihnen immer wieder durch die Maschen schlüpft. Die Unterscheidung zwischen "Griechen" und "Berufenen aus den Griechen" betrifft gleichfalls alle Menschen. Ein naiver Weltmensch denkt wie der eitle Wagner: "Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen; zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen." Ein weise Gewordener hält sich an Sokrates ("ich weiß daß ich nichts weiß") und Faust: "Und seh, daß wir nichts wissen können, das will mir schier das Herz verbrennen" - so lange, bis auch ihm das von Absurdität verbrannte Herz österlich neu geschaffen wird.

Auch die Kategorie "Griechen = Weltmenschen" kann in allen Denkweisen auftreten, keineswegs nur in offen heidnischen. Wie Atheisten sich heimlich als Gottesmenschen fühlen können, so steckt umgekehrt in jedem Frommen so lange ein unbekehrter Weltmensch, wie er sich gegen andere versteht, aus der Beziehung zu seinem Gott Überlegenheitsgefühle saugt. Denn dadurch erniedrigt er den gemeinsamen Schöpfer aller zu einem weltlichen Faktor. Wie jede Teilschlauheit wider das Ganze muß auch die scheinfromme erst zerbrechen, bevor die wahre Weisheit der Berufenen sich durchsetzen kann, dank welcher ein noch so geringes oder bedeutendes Sinn-Organ weder krebsig wuchert noch aussätzig abfault sondern gesund im Ganzen und für das Ganze mitlebt. Ein Rabbi soll bestimmte Besucher gern mit einem von zwei Sätzen entlassen haben. "Mach dich nicht so klein, so groß bist du doch gar nicht", sagte er zu den einen, und zu den anderen: "Mach dich nicht so groß, so klein bist du doch gar nicht."

Was ist dann aber der Wert dieser Kategorien, wenn alles derart wild durcheinander geht? Wenn ein prominenter Gottloser sich als heimlichen Gottesmenschen bekennt und umgekehrt gerade die fanatischsten Religiösen keineswegs unweltlich sondern auf ihre spezielle Weise durch und durch Weltmenschen sind: was leistet dann die paulinische Unterscheidung zwischen Juden und Griechen, wie hilft sie zu Klarheit?

Nicht indem sie Schubladen zur Unterbringung ganzer Menschen liefert. Das ist nicht ihr Ziel. Wohl unterscheidet sie zwischen ausdrücklichen Grundeinstellungen. Es ist nicht dasselbe, ob jemand sich vom lebendigen Ganzen besonders auserwählt empfindet oder als Bastler an einem begrenzten Lebenssinn. Beide Fühlfarben unterscheiden sich, auch wenn dieselbe Person heute die eine und morgen die andere erlebt oder an der Oberfläche die eine, tief drinnen die andere.

Bisher haben wir versucht, in den Sinn des Paulus einzudringen. Jetzt müssen wir über ihn hinaus. "Das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen" gilt den Weisheits-suchenden Weltmenschen, "das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen" gilt den Zeichen-fordernden Gottesmenschen. Und was ist mit solchen, auf die diese Unterscheidung nicht paßt, weil sie - als Pantheisten, New-Age-Schwärmer, Jünger östlicher Mystik - weder die Welt des Bestimmten noch den persönlichen Gott für das Eigentliche halten sondern die Große Einheit, die alles birgt und erfüllt? Für Paulus gehörten die damaligen Esoteriker mit zu den heidnischen Griechen, Buddhisten kannte er nicht. Wer welche kennt, scheut sich, sie "Heiden" zu heißen; anscheinend sprengen sie das paulinische Schema. Doch dank der Dreifaltigkeitswahrheit finden sie ihren Platz im christlichen Denken. Wie die Gottesmenschen sich auf den Vater beziehen, wie die Weltmenschen dem Welt gewordenen Sohn angehören, so glauben die Verehrer der Großen Einheit sich gut aufgehoben im Heiligen Geist (meist ohne diesen Namen zu nennen). Und wie jenen ihre Zeichen und ihre Weisheit zuletzt entgleiten, so muß auch den Spirituellen die erlebte Einheit des Ganzen zerbrechen, damit sie im Glauben erfahren können: Gottes Scherben sind heiler als die Menschen, erst als Gekreuzigter und Auferstandener spendet Christus uns den Heiligen Geist.

Die drei Typen Gottesmensch, Weltmensch und Einheitsmensch unterscheiden sich, genau genommen, nicht durch endliche Merkmale sondern weil jeder von ihnen eine andere der absolut entgegengesetzten drei-einigen Sinndimensionen auf Erden darstellt. So erklärt sich nun auch, daß und warum sie auf die angedeutete Weise ineinander übergehen müssen. "Im Himmel" sind die innergöttlichen Beziehungen miteinander der eine Gott, ihrer jede lebt auch in den anderen. Deshalb kann "auf Erden" niemand nur an einer Sinndimension ohne die anderen teilhaben. Die ausdrücklichen Akzente sind verschieden deutlich, sein darf aber jeder Mensch sowohl "Jude" (vom SINN als bestimmter Teilsinn auserwählt und beauftragt) als auch "Grieche" (auf der Suche nach Selbstverständnis) als auch spirituell (im guten Ganzen letztlich geborgen) als auch - auf alle drei Weisen - "BERUFEN" zum reifen Glauben: Nach dem Zerbrechen aller vorläufigen Gotteszeichen, Einsichten und Wohlgefühle harrt der liebend-hoffend aus, bis das LICHT ihm unverlierbar dreifach aufstrahlt als DU, als SIE = EINS, als SELBST.

Egal wo in diesem Sinngefüge ein Christ sich eben vorfindet, ob lokalisierbar oder eher überall, tut er gut daran, bei seinen Mitmenschen ehrfürchtig, diskret, aber ernsthaft nach ihrem Platz zu forschen. Nur so weiß er, in welcher Sprache er sich mit ihnen verständigen kann und welche Botschaft er ihnen schuldet. Die Missionsstrategie des Paulus ist immer noch die richtige. "Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne ... denen ohne Gesetz wie einer ohne Gesetz ... damit ich die ohne Gesetz gewinne" (1 Kor 9,20 f). Gewinne nicht mir sondern ihnen selbst, damit sie möglichst heil leben, ausdrücklich in allen uns von Gott eröffneten Sinndimensionen. Ein Würfel ist mehr als ein Quadrat, eine Strecke oder des Fragezeichens Punkt.


Zum Weiterdenken:

"Gottesmensch und Weltmensch": Karl Barth zu Röm 2,9.

Vorsehung

Große Einheit

Würfel


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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