Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr B

Kindlich Christ sein,
nicht kindisch!

Gedanken zum vierten Sonntag der Osterzeit


"Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. "

Vertraute Worte sind das, den meisten klingen sie erbaulich, nicht eben aufregend. Welche Sprengkraft jedoch in ihnen steckt, zeige ein Ausschnitt aus dem eindrucksvollen Alterswerk "Die Entdeckung des Christentums" (Freiburg 2000, 381 f, meine Hervorhebung) von Eugen Biser:

"Ungeachtet seiner Einzigkeit ist der Gott Israels - wie der des außerchristlichen Monotheismus insgesamt - doch dadurch semantisch gespalten, dass er gleichzeitig liebender Bundesgott und unnachsichtiger Richter ist. Kaum irgendwo kommt das schärfer zum Ausdruck als am Schluss von Martin Bubers ‚Reden über das Judentum', wo von der Anrufung des "wieder und noch Verborgenen" die Rede ist und alles schließlich in den Satz ausmündet:
‚In solchem Stande harren wir seiner Stimme, komme sie aus dem Sturm oder aus der Stille, die darauf folgt. Mag seine künftige Erscheinung keiner früheren gleichen, wir werden unsern grausamen und gütigen Herrn wiedererkennen.'
Im Vergleich damit gewinnt die Lebensleistung Jesu ihr volles Profil. Denn er erkannte nicht nur die politische Brisanz dieses Gottesbilds, das zwar zur Barmherzigkeit bewog, aber auch die religiös kaschierte Gewalttat zu rechtfertigen schien; es entsprach auch in keiner Weise seiner eigenen Gotteserfahrung, die in der Unverbrüchlichkeit seines Sohnesbewusstseins gipfelte. Daher griff er, ebenso aus politischer Sorge wie aus innerem Drang, in die Glaubensvorstellung seines Volkes und, vermittelt durch dieses, der Menschheit ein, indem er den Schatten des Angst- und Schreckenerregenden aus ihrem Gottesbild tilgte und statt dessen das Antlitz des bedingungslos liebenden Vaters zum Vorschein brachte. Davor konnte nichts bestehen, was irgendwie mit religiös motivierter Gewalt und Unduldsamkeit zu tun hatte. So führte Jesus auf denkbar sanfte Weise die größte Revolution der Religionsgeschichte herbei: eine Korrektur im Dienst der Eindeutigkeit Gottes."

Das Christentum die Religion der Eindeutigkeit des liebenden Gottes? Nicht nur Außenstehende schütteln da den Kopf. Wäre es das: Wie könnte es dann von den meisten als schreckende Drohbotschaft empfunden werden? Psychisch noch heute, wegen des zwar zurückgedrängten aber nie abgeschafften Dogmas von der Hölle. Und früher, in den Epochen kirchlicher Macht, auch würgend physisch. In Folterkellern und auf Scheiterhaufen der Inquisition trat der sog. christliche Gott, wenn eindeutig, dann eindeutig grausam auf.

In welchem Sinn hat Biser dennoch recht? Und wie müssen wir seine These verdeutlichen, damit sie nicht auf die Ideologie eines Kuschelgottes hinausläuft? Eines guten Vaters unbedingte Liebe schließt ja Strenge nicht aus sondern verlangt sie; antiautoritär verschlampte Früchtchen sind weder anderen noch sich zur Freude.

Aus zwei Schritten setzt unser Gedankengang sich zusammen. Nur scheinbar nimmt der zweite den ersten zurück; wer diesen Schein mutig als Trug durchschaut, er oder sie hat Jesus verstanden und kann seine Wahrheit bezeugen.

I.

"Angst gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Angst. Denn die Angst rechnet mit Strafe, und wer sich fürchtet, dessen Liebe ist nicht vollendet" (1 Joh 4,18). Diese Worte sind tatsächlich eindeutig. Vor dem Gott, den Jesus verkündet, muß man sich nicht fürchten, ja - jetzt wird es paradox - darf man sich nicht fürchten. Wer vor der Liebe Angst hat, beleidigt sie. Angst vor Gott und Vertrauen auf seine Liebe sind gerade keine gleichberechtigten Wahrheitspole christlichen Denkens, so wenig wie Böse und Gut. Wer sie dafür hält, fällt nicht etwa in das Judentum zurück, höchstens in ein Judentum, das sich selbst mißversteht, seinen Bundesgott statt mit den Augen der Braut nur mit dem Blick geprügelter Kinder oder Sklaven anschaut.

"Wir heißen Kinder Gottes und sind es", für wen ist das ein heller, unverwechselbarer Trompetenstoß? Nicht für tyrannisierte Kinder und auftrotzende Jugendliche. Ein klares Heilssignal ist es aber für kleiner Kinder Eltern, die sich ihrer eigenen un-bedingten Liebe bewußt sind und darin das Bild jener Liebe vernehmen, mit der das Herz der Welt sie selber bejaht.

Lassen wir uns im Glauben nicht länger infantilisieren! Ich kenne einen Menschen, der als Kind seinen Vater gefürchtet hat. Der, von seines Vaters Härte sowie Krieg und Gefangenenlager zermürbt, hat es zu wenig vermocht, seine Liebe strahlen zu lassen. Wohl erinnert der Mensch sich heute, deutlicher als der Schläge, an die unglaublich leckeren Käseweißbrote, die der Vater sich als Nachtportier im Ami-Hotel vom Mund absparte, oder an eine Motorradfahrt ins Jugendlager. Und doch war ihm das Vater Unser zweideutig geblieben bis zu dem Augenblick, da ein winziges Wesen zu ihm aufschaute und rückhaltlos "Papi!" sagte. Das heißt "Abba", nicht etwa "Vater"!

Hier zeigt sich eine prinzipielle Grenze des Religionsunterrichts. Der wahre Sinn von "Kind Gottes" leuchtet nicht Kindern und Jugendlichen auf, erst Eltern (was nicht für den Zwangszölibat der Glaubensvermittler spricht) oder doch Mündigen, die sich zu Kindern wohlwollend verhalten (auch wenn sie auf die eigene Familie verzichten).

Die Stimmung eines Kindes schwankt zwischen liebendem Vertrauen und Angst vor der elterlichen Übergewalt, der es hilflos ausgeliefert ist. Der Gegensatz solch zweideutiger Grundstimmung zum eindeutigen Glauben an die eindeutige Liebe, wie ihn ein Kind leben könnte, das sich zugleich dank erwachsener Vernunft in die Beziehung einfühlt, die seine Eltern zu ihm haben: dieser Gegensatz erklärt, warum Jesu Evangelium in keiner Epoche der Kirche wirklich bei ihr angekommen ist. Denn in jeder Generation fängt jedes christliche Gemüt neu als angstbedrohtes Kind an, dessen Grunderlebnis die Dauerspannung zwischen Angst vor dem allmächtigen Anderen und Vertrauen zu seiner Freundlichkeit ist und zwar (bei religiöser Sozialisation) wie auf Erden so im Himmel.

Die irdische Facette dieser Grundspannung wandelt sich mit wachsender Ichstärke allmählich in eine gesunde Dreipoligkeit: Scheu vor der väterlich bedingten Strenge (wenn du tust, was ich will, geht's dir gut) / Vertrauen zur mütterlich unbedingten Huld (was ich auch tue, ich bin doch dein geliebtes Kind) / Zutrauen zur eigenen Kraft (ich weiß, daß ich selbst wer bin). Der Heranwachsende erfährt, daß sein Vater keineswegs allmächtig ist, deshalb verschwindet die alte Urangst, macht einer verständigen Balance von Ich und Über-Ich Platz: Wenn ich nicht gegen die Gesetze verstoße sondern mich den herrschenden Normen anpasse, komme ich zurecht.

Anders ergeht es der himmlischen Gestalt der kindlichen Grundspannung aus Angst und Vertrauen, dem von ihr aus an den Himmel projizierten ambivalenten Gottesbild. Weil ihm ein noch so erstarkendes Ich niemals die Balance halten kann, gibt es hier keine solche Entwicklung. Sondern entweder bleibt (bei den Frommen) die unendliche Ambivalenz bestehen. Diese Gefühlslage wurde von Eugen Biser oben dem Judentum zugeschrieben, sie ist indes keineswegs typisch jüdisch, sondern kennzeichnet unreife Frömmigkeit egal welcher Religion. Auch in der Christenheit dürfte ein großer Teil der Frommen diesem Ausgangspunkt der geistlichen Lebensbahn näher sein als ihrem Ziel.

Oder aber, zweitens, man durchschaut die Projektion, schaltet ihr den seelischen Strom ab und lebt aufgeklärt gottlos mehr oder minder bekümmert oder munter sein bloß irdisches Leben.

Oder jemand wird endlich, drittens, von Jesu Impuls ergriffen, durchschaut gleichfalls das zweideutige Gottesbild als unreife Projektion, ersetzt es jedoch nicht durch nichts sondern durch die wahre, unendlich reine Liebe, die Jesus auf Erden "Abba" genannt hat und seither als Auferstandener in den Herzen der Seinen ebenso anruft.

Ein so erlöstes Herz lebt angstfrei. Von der chronisch nagenden Sorge, das Dasein könnte sich zuletzt als ausgesucht böse erweisen, ist ein christlich glaubender Sinn geheilt. Die beiden Furchtformen, die ihm bleiben, sind dank dem Gesamtkontext der absoluten Liebe im Tiefsten entgiftet: die Sorge vor irdischem Leid und die Scheu, angesichts der mir begegnenden Liebe zu versagen, indem ich, statt willig in sie einzuschwingen, mich feige, faul oder gierig an DIR in den anderen vorbeidrücke.

Diesen neuen Gesamtkontext der absoluten Liebe vorzuleben, zu verkünden, bis in den Tod durchzuhalten und dank seiner Auferstehung den an ihn Glaubenden ins Herz zu senken: das ist Jesu Lebensleistung. Das zweideutige Gottesbild ist abgetan, Christen sind überzeugt: "Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm ... Gott ist die Liebe."

II.

Wie sollen sie diesen Glauben weitergeben? Solange sie es als Minderheit durch Wort und Blutzeugnis tun, leidet die Botschaft keinen Schaden. Anders, sobald das Christentum Staatsreligion wird. Ein Apparat mit Verantwortung für das Irdische konnte sich das Bild eines eindeutig liebenden Gottes nicht leisten. Wer die Aufgabe der Kirche mitten in den barbarischen Völkern des frühen Mittelalters ermessen will, besuche ein Bierzelt von heute und ziehe anderthalb Jahrtausende zivilisierenden Einflusses ab. Anscheinend war der Denkfehler, der passiert ist, damals kaum zu vermeiden. Worin bestand er?

Statt, wie es christlich korrekt gewesen wäre, die dreieinige Spannung von väterlicher Strenge, mütterlich-spiritueller Huld und selbstgewissem Freimut des Kindes einzig als lebendige Binnenstruktur der angstfreien Liebe zu fassen, hat man den Ich-Pol verteufelt, und als Spannung zwischen Gottes Strenge und Barmherzigkeit nichts anderes propagiert (wörtlich: in die Dörfer gebracht) als das uralte, von Jesus zwar grundsätzlich überwundene, bei seinen Nachfolgern aber wieder infektiöse ambivalente Gottesbild.

Das scheint inzwischen - dank untergründiger Wirkung des Heiligen Geistes - seine Bannkraft verloren zu haben. Die Mehrheit hat keine Angst mehr vor Gott. Wer fühlt sich noch als Sünder? Bei Freunden und Verwandten kaum jemand. Auch ist die weltliche Macht der Kirche bis auf geringe Reste vorbei. Deshalb haben die Christen zu Beginn dieses Jahrtausends die Chance, neu zu sagen, was sie immer schon meinen: Fürchtet euch nicht. Laut einem klugen Aufklärer gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Gott reine Güte, oder es gibt ihn nicht. Ja: Den Gott, vor dem die Menschheit sich seit Urzeiten geängstigt hat, den willkürlich Allmächtigen, der nach Laune Freuden zuweist oder ewige Qual, ihn gibt es nicht. Sein an den Himmel projiziertes Schreckbild hat Jesus vernichtet und uns statt seiner die Gute Macht offenbart, die jeden von uns so ins Herz geschlossen hat wie nur je ein Papi oder eine Mami den sie anlächelnden Winzling im Babykorb.

Dem soll, wenn er größer wird, die Strenge nicht fehlen. Schikaniert er seine Schwester oder räumt die Küche nicht mit auf, so setzt es ein Donnerwetter. Liebe ist nicht lasch. Bleibt aber immer Liebe. Selbst über das Höllentor setzt Dante die Inschrift "Mich schuf die göttliche Macht, die höchste Weisheit und die erste Liebe." Wohl muß, wer dort eintritt, alle Hoffnung lassen - jedoch: Es tritt nur ein, wer will. Wer den Kontext der Liebe ablehnt, für sich nicht gelten läßt. Wir dürfen hoffen, daß niemand sich in solchen Irrsinn total verrennt, daß vielmehr Platons Sokrates zu allerletzt doch recht behält: "Keiner tut freiwillig das Böse."

Und Hitler? Und die Mörder des 11. September? Gegen den Schrecken, der uns packt, gibt es kein verständiges Mittel, soll es keins geben. Er soll uns warnen, daß wir nicht im Kleinen ebenso böse handeln wie jene im Großen. Der Widerspruch Himmel / Hölle ist keine Frage der Quantität. Solche Höllenfurcht - die sich zuletzt hoffentlich als berechtigte Scheu vor dem Fegfeuer brennender Schande herausstellt (hatte der siebenjährige Adolf H. vielleicht doch einen Freund, der ohne ihn im Himmel traurig wäre?) - darf jedoch nie ein Rückfall in die urtümliche Angst vor dem Willkürgott sein. Jesu Wahrheit "Gott ist Liebe" bleibt unangetastet. An uns ist es, den von ihm eröffneten Kontext anzuerkennen und nach Kräften durchzusetzen. Soweit ich es daran fehlen lasse, muß ich mich schämen wie der Bruder der durch seine Schuld laut heulenden Schwester. Nicht aber zittern als Untertan eines je nach Laune wütenden oder netten Chefs. Mit dem ist es, wo christlich geglaubt wird, endgültig vorbei.

Luthers bange Frage "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" erhielt damals neu die alte christliche Antwort, muß aber nicht deshalb - gegen das Evangelium - auch heute den Leuten krampfhaft eingeredet werden. Gott sei Dank, daß die meisten nicht mehr so fragen. Antworten wir ihnen lieber auf ihre wirkliche Frage: Wie mache ich es, daß mein Leben nicht der berühmten Hühnerleiter gleicht, kurz und beschissen? Indem du dir klar machst, daß du kein Huhn bist sondern ein geliebtes Kind des Herrn aller Welten. Schau zum Sternenhimmel empor oder vor dem Spiegel in dein zerfurchtes Antlitz, und sag (obwohl du IHN noch nicht sehen kannst): "Hallo, Papi" - du weißt ja, sein Name ist "ICH BIN DA". Und dann geh hin und tu das Deine, daß andere eben das fertig bringen. Nicht für lange hat er sich versteckt. Vertrau mit dem Schreiber unseres Briefes: "Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist."


Zum Weiterdenken:

Dreipoligkeit der gesunden Familie

Ich-Pol verteufelt: Seit Philon und Augustinus bis heute ist unmündige Frömmigkeit dazu versucht.

Kluger Aufklärer: Earl of Shaftesbury

Ihn sehen, wie er ist: Wie Gott geschaut wird oder nicht, wurde beim Unionskonzil von Florenz zwischen Ost- und Westkirche heiß debattiert. Ergebnis: Ein Glaube, eine Formel, die beiderseits widersprüchlich verstanden wird! Was gilt? Videas ipse.


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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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