Jürgen Kuhlmann: Neuer Predigtkorb
Lesejahr C

Wir schaukeln im Kahn,
am Ufer steht ER.

Gedanken zum dritten Sonntag der Osterzeit


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"Ich fahre fischen,"

"Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer."

"Das Netz voll mit großen Fischen - 153"

"Obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht."

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Manche Bibelwissenschaftler vermuten, es handle sich bei der Quelle dieser Ostergeschichte im Nachtrag des Johannesevangeliums um die ursprüngliche Fassung des Berichts vom wunderbaren Fischfang, von Lukas (5,1-11) sei der dann in Jesu Lebenszeit zurückprojiziert worden. Natürlich ist das nicht gewiß, ebensowenig aber der jetzige Zusammenhang. Lösen wir die Erzählung ruhig aus ihm, indem wir mit Rudolf Bultmann meinen: "Die alte in V.1-14 erzählte Ostergeschichte berichtete offenbar ursprünglich von der ersten (und einzigen?) Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern; sie setzt nicht voraus, daß sich Jesus den Jüngern schon einmal gezeigt, sie mit ihrem Beruf beauftragt und dafür ausgerüstet hat. Vielmehr bezeugt die merkwürdige Unsicherheit in dem Verhalten der Jünger gegenüber Jesus das Gegenteil" (546).

"Ich fahre fischen," sagt Petrus, und die anderen kommen mit. Was sollen sie sonst auch tun? Von etwas müssen sie leben, Fischen ist ihr Beruf. Vorbei ist die wunderbare Zeit, da sie mit Jesus unterwegs waren, voller Hoffnung, das Reich Gottes breche bald herein. Jetzt ist ihr Freund ihnen genommen, die Welt läuft ebenso unerlöst weiter wie immer schon. Nicht einmal die Arbeit gerät ihnen: "In jener Nacht fingen sie nichts." Wir kennen das Gefühl. Hoffnungen sind zerstoben (war da nicht einmal ein Konzil?), abgeschleckt ist der Honig, alles scheint vorbei.

"Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer."
Ein stärkendes Meditationsbild! Hier wir Jünger im schwankenden Kahn, ohne Boden unter den Füßen, hinter uns langes Schaukeln auf dunkler Flut der vergänglichen Zeit, wo nichts sich halten läßt, vielleicht würgt uns Übelkeit (wie mich einst in einer solchen fischlosen Nacht auf dem Meer) ... DORT steht, im Frühlicht, am Ufer, ER. Die Jünger wissen noch nicht genau, wer. Auch an der Stimme erkennen sie ihn nicht. Erst wie sie dann das volle Netz fast nicht schleppen können, merkt der Lieblingsjünger: "Es ist der Herr."

Ich schließe die Augen und sehe ihn da stehen. Nicht mehr vergänglich sondern angekommen. An Raum und Zeit nicht gebunden sondern frei, für die Seinen da zu sein, wo und wie er will. Mit dieser Offenbarung beginnt das Christentum. Von Kindheit an bis zu seinem letzten Schrei lebte Jesus als gläubiger Jude. Der Stifter des Christentums war selbst nicht Christ. Daraus folgern einige Theologen heute, daß der uns überlieferte Glaube an Jesus als Gott-auf-Erden und die Dreieinigkeit das Ergebnis einer Fehlentwicklung sei. "Spätchristliche Dekadenz", urteilt ein führender katholischer Alttestamentler. Und der reformierte Holländer H.M. Kuitert beteuert in seinem Buch "Kein zweiter Gott" [Patmos 2004], "dass Jesus selbst nicht daran hätte glauben können. Jesus war Jude, seine Religion war die jüdische Religion, und ein Jude kann sich selbst nicht als Sohn Gottes (im trinitarischen Sinn) bezeichnen. Das steht zu seinem Glauben grundsätzlich im Widerstreit." (163)

Das klingt verblüffend, trifft auch zu - und dennoch nicht den Punkt. Eben weil Jesus ein Mensch wie wir ist, gehört zu seiner Geschichte - wie zu unserer - der Tod. Dabei bleibt nichts, wie es war. Alles ist entweder aus - oder ganz anders. Unsere Ostergeschichte bezeugt: Der Auferstandene wird nicht länger von den Wogen der Zeit durchgeschüttelt. Jene Religion, in deren Namen er auf seinen Todesweg gezwungen wurde ("Wir haben ein Gesetz ..."), muß für seine Freunde nicht mehr der allein entscheidende Maßstab sein.

Nur soviel behaupte ich. Der altkirchliche Glaube an den Mensch gewordenen, gestorbenen und auferstandenen Gottessohn Jesus Christus wird nicht dadurch widerlegt, daß der irdische Jesus ihn nicht hätte teilen können. Wer - wie ich - in diesem Glauben lebt und zu sterben hofft, ist nicht deshalb von Jesus getrennt. Denn Jesus ist der ganze Mensch, der er vor dem Tode war aber auch der er seither ist und manchen Christen sich zeigt, z.B. seinem Freund Tomas, der daraufhin nur mehr "mein Herr und mein Gott!" stammeln kann.

Anscheinend zeigt ER sich anderen anders. Kuitert schreibt (337): "Die Kontroverse zwischen Juden und Christen liegt nicht in Jesus als Gottmensch begründet (‚Christen glauben das, Juden glauben das nicht'), sondern in der Verkündigung Jesu als Eröffnung des Weges zu Israels Gott für Nichtjuden. Was den Inhalt betrifft, unterscheiden sich das jüdische und das christliche Konzept von Gott nicht voneinander, jedenfalls brauchen sie es nicht zu tun. Der Unterschied liegt in der Reichweite des Konzeptes, dass nämlich alle Völker Gottes Volk sind."

Wer so denkt, hat es beim Gespräch mit Juden und Muslimen leichter als wir "Trinitarier". Anders als 1970, wage ich jetzt nicht mehr, solchen "Jesuanern" den Christennamen zu verweigern. Es stimmt schon, die trinitarischen Formeln klingen überaus kompliziert, bei genauerem Gespräch fühlen die prominentesten Fachleute sich gedrängt, die jeweilige Gegenseite als im Grunde häretisch abzutun. Muß ein Christ da mitspielen? Warum sollte ein begeisterter Jünger Jesu, durch den Nazi-Judenmord wachgerüttelt, nicht wie für die Juden das Judentum, so auch für sich selbst ein auf Jesus den Messias sich berufendes "undogmatisches, spekulationsfreies Christentum" mit Recht für gültig halten? Ich wenigstens fühle mich, obzwar selber "rechtgläubig", mit solchen anders gläubigen Christen brüderlich-ökumenisch verbunden.

"Das Netz voll mit großen Fischen - 153"
153 ist die Dreieckszahl von 17 (1+2+3+...+17 = 153). Wofür die 17 steht, wissen wir nicht. Augustinus denkt an die Summe der zehn (Gebote) und sieben (Gaben des Heiligen Geistes): Gesetz und Gnade zusammen sind das Vollkommene. Andere vermuten die 17 Völker, die an Pfingsten ihre eigene Sprache hörten (Apg 2,9-11). Jedenfalls werden die von uns Menschen aus dem Wasser der Zeit geholten Wirklichkeiten mit auf das Feuer gelegt und zum gemeinsamen Festmahl zubereitet. Freu dich: auch deiner Mühen Ergebnis ist dabei!

"Obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht."
Dazu hat Christa Bing, hellsichtige Blinde in Freiburg, Bedenkenswertes zu sagen: "Als ich vorhin die Texte durchlas, sprach mich am meisten das nicht zerrissene Netz an und ich fragte mich, ob man die von Gott gegebene Einheit überhaupt zerstören kann. Seine Bereitschaft, uns anzunehmen, hat er ja durch Christus bezeugt bis in den Tod. Wie ist das mit der Einheit der Christen nun wohl gemeint? Ist unsere katholische Kirche nun wirklich so katholisch, wie sie meint? Kein Mensch kann alles erfassen, auch keine Gruppe. Wie es verschiedene Ordensgemeinschaften gibt, könnte es nicht auch verschiedene Teilkirchen geben, die jeweils einen besonderen Aspekt des Glaubens zum Ausdruck bringen (möglicherweise sogar etwas überzeichnet)? Und wenn jemand Glaubenswahrheiten nicht einsieht oder nicht einsehen kann, bleibt er dann nicht erst recht im Schleppnetz, das wir an Land ziehen, das Netz, angefertigt aus dem Geduldsfaden von Gottes Langmut? Eine große Herausforderung ist dies für die 'Schleppenden', denn sie meinen (wenigstens zeitweise), dass ihr Tun keinen Erfolg hat. Lassen sie sich aber auf Jesu Wort ein, dann werden sie ein volles Netz an Land bringen (s. die 2. Lesung: Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit). Und wenn uns dann und wann doch der Mut verlässt, werden wir auch einmal von anderen Helfern 'abgeschleppt'."


Zum Weiterdenken:

"Mein Herr und mein Gott!" Darüber huscht Kuitert ("Johannes setzt Jesus und Gott nicht gleich" - 169) mir allzu leichtfüßig hinweg.

1970 erschien in der ORIENTIERUNG mein Artikel über "Christen und Jesuaner".

Im Grunde häretisch nennen katholische Theologen einander klugerweise natürlich nicht; doch deuten z.B. Gisbert Greshake und Herbert Vorgrimler klar genug an, daß sie die andere Grundkonzeption für irrig und dem wahren Glauben gefährlich halten. Greshake wird von einem "modalistischen Gerüchlein" belästigt [Herderkorrespondenz 2002,535], Vorgrimler wirft einem Gegner vor, er gebe "den monotheistischen Glauben der Vorfahren auf" [Stimmen der Zeit 2002,546], und verwahrt sich gegen die "Vorliebe für eine Liebesgemeinschaft in Gott" [551].


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Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/jk/153.htm

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Siehe auch des Verfassers alten Predigtkorb von 1996 an

und seine kat-holische Theorie-Baustelle

Schriftenverzeichnis

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