"Die konnten mit uns machen,
was sie wollten"Pfarrer Sonnenschein berichtete über gemeinsame Haft mit Karl Leisner
Im Frühjahr 1942 kam Kaplan Sonnenschein ins KZ Dachau. Schon bald traf er dort seinen Studienfreund Karl Leisner, den die Nazischergen seit November 1939 in Haft hielten. Letztlich war bei beiden Theologen das Engagement in der Jugendarbeit der Grund für den Lageraufenthalt. "Es war den Nazis ein Dorn im Auge, daß wir uns für die katholische Jugend einsetzten", erläuterte der 83jährige Priester. "Johannes, alles, was wir hier erleiden, opfern wir für die Jugend, damit sie ihrem Glauben treu bleibt." Diese Worte waren nach Angaben des Pfarrers die Begrüßung des schwer lungenkranken Leisner.
Die Leiden, die die beiden durchzustehen hatten, waren erheblich: "Bei meiner Einlieferung in das KZ wog ich 80 Kilo, drei Monate später lag mein Gewicht bei 80 Pfund", berichtete Sonnenschein. Die spärliche Ernährung - am Morgen ein Tasse Tee, zu Mittag eine dünne Suppe mit zwei Pellkartoffeln und am Abend zwei oder drei Brotschnitten - sowie die Lagertorturen waren menschenunwürdig. "Wir mußten stets im Laufschritt unterwegs sein; blieb man stehen, so folgte am Abend die Bestrafung beim Appell." Diese Strafe erläuterte der Geistliche so: Der Häftling wurde auf einen "Bock gezogen" und erhielt bis zu 50 Doppelschläge mit einem Stock auf sein Hinterteil und den Rücken. Er mußte selber die Hiebe zählen - verzählte er sich, begann die bestialische Aktion von neuem. "Nicht wenige überlebten dies nicht." Die schlechte Ernährung, die Schikanen und Strafen der SS-Wachleute zeigten Wirkung: "Ich wußte zeitweise die Namen meiner Geschwister nicht mehr. Mit drei Mitbrüdern wollten wir bei der Feldarbeit den Rosenkranz beten - wir bekamen das Glaubensbekenntnis nicht mehr auf die Reihe."
Leisner hat die überwiegende Zeit seiner Haft im Krankenlager verbracht, wie Sonnenschein erzählte. Mehrmals habe er auf einer Liste zum Abtransport in ein Vergasungslager gestanden." Wenn der liebe Gott mich doch nur als Priester sterben ließe", so zitierte der Geistliche den innigsten Wunsch des Diakons. Durch das Eintreffen eines französischen Bischofs im Lager war dann die Möglichkeit gegeben. Bei der praktischen Umsetzung half auch der todkranke Diakon mit: In einem Brief an seine Eltern schrieb er verklausuliert wegen der Zensur von dem Vorhaben. Er fragte, ob "Onkel Clemens" wohl damit einverstanden sei. Diesen Decknamen hatte kein Geringerer als der münsterische Bischof Clemens August Graf von Galen. Dieser antwortete in einem Schreiben an den "lieben Karl", gab sein "Okay", so daß eine wichtige Voraussetzung für die Priesterweihe gegeben war. Nach vielem Vorbereiten und konspirativen Treffen konnte schließlich das nicht mehr Geglaubte geschehen: In der menschen- und gottverachtenden Welt des KZs weihte Bischof Gabriel Piguet Leisner in der Kapelle des Priesterblocks zum Priester. Sonnenschein war als Zeremoniar Augenzeuge, und noch heute läßt sich seine Ergriffenheit spüren, wenn er so wie in Alstätte davon berichtet. Der 83jährige pensionierte Priester, der noch heute in Ahaus wirkt, ist einer von zwei noch lebenden KZ-Insassen in Dachau aus dem Bistum Münster; insgesamt waren dort 40 Priester aus der Diözese unter den 2.800 Geistlichen aus ganz Europa.
Sonnenschein sagte, das schlimmste in Dachau sei die seelische Bedrückung gewesen, stets zu spüren "Du bist kein Mensch mehr". Bei der Begrüßung hätten dies SS-Leute den Ankömmlingen zugeschrien: "Das deutsche Volk hat Euch ausgestoßen. Ihr seid nur noch eine Nummer." Stets hätten die Häftlinge in dem bedrückenden Bewußtsein gelebt, es könne augenblicklich etwas Schlimmes passieren. "Die konnten mit uns machen, was sie wollten." Erlebnisse, die er mit seinem Freund Karl Leisner geteilt hat. Leisner wird nun am 23. Juni in Berlin vom Papst seliggesprochen. Für Sonnenschein geht damit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung; täglich habe er darum gebetet.
Aus: Pressedienst Bistum Münster (pbm), 46. Jg./Nr. vom 25.01.1996