Ökumene in Deutschland |
Das Zweite Vaticanum (1962 – 1965) nannte es eine seiner Hauptaufgaben, „die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen” und gab eben dies den katholischen Gläubigen als Verpflichtung auf. Das Konzil fand damit in Deutschland offene Türen. Denn aus der gemeinsamen Bedrängnis unter den Nationalsozialisten hatten die Christen der verschiedenen Konfessionen ihre Nähe entdeckt.
Nach zaghaften Ansätzen zum Brückenschlag seit den zwanziger Jahren wuchs in Deutschland seit dem Kriegsende eine ökumenische Bewegung; 1957 gründete der damalige Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger das dortige „Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik”. Der Kampf der SED gegen die Kirchen führte auch in der DDR dazu, daß evangelische und katholische Christen eher das Gemeinsame suchten, als das Trennende zu betonen. Kardinal Jaeger war es, der zusammen mit dem deutschen Kurienkardinal Augustin Bea ein vatikanisches „Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen” anregte, das Papst Johannes XXIII. 1960 gründete und das entscheidend zur ökumenischen Ausrichtung des Konzils beitrug. Die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland” (Würzburg 1971 1975), die das Zweite Vaticanum auf die Kirche in Deutschland übertrug, betonte die historische Verantwortung der Katholiken im Land der Reformation, den „Skandal” der Zerrissenheit zu überwinden: „Weil Deutschland eines der Ausgangsländer der Kirchenspaltung ist, sind die gläubigen Christen in Deutschland der gesamten Christenheit besondere Bemühungen um die christliche Einheit schuldig.” Zur gleichen Zeit nahm die Pastoralsynode in der DDR (Dresden 1973 - 1975) das Konzilsdekret über den Ökumenismus auf und empfahl den katholischen Gemeinden den Dialog, gemeinsame Aktivitäten und Gottesdienste mit den Christen anderer Konfessionen. Die beiden ersten Besuche Johannes Pauls II. in der Bundesrepublik 1980 und 1988 gaben der Ökumene in Deutschland entscheidende Impulse. Die Begegnung des Papstes mit Vertretern der Evangelischen Kirche im November 1980 in Mainz hatte zur Folge, daß Bischofskonferenz und EKD zusammen mit dem vatikanischen Einheitssekretariat eine Ökumenische Kommission bildeten. Bereits 1981 veröffentlichte das Gremium ein Gemeinsames Wort zum Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, dem später Erklärungen über die Feier des Sonntags und zur konfessionsverschiedenen Ehe folgten. Im Auftrag der Kommission beriet ein Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen über die gegenseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts; nach dessen Vorarbeit kam die Ökumenische Kommission in ihrem Schlußbericht 1985 zu dem Ergebnis, daß die damaligen Verwerfungen der je anderen Konfession den heutigen Partner nicht mehr treffen; damit sei die Voraussetzung geschaffen, schwere Hindernisse für eine engere Gemeinschaft zwischen den getrennten Kirchen auszuräumen und weitere gemeinsame Schritte zur Festigung der ökumenischen Gemeinschaft zu tun. Beim Pastoralbesuch des Papstes im Frühjahr 1988 durchzog das Thema Ökumene seine Ansprachen wie ein Roter Faden; die inzwischen erreichte Nähe zwischen den Kirchen wurde deutlich beim ökumenischen Gottesdienst, den Johannes Paul II. mit dem damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Kruse, dem bayerischen Landesbischof Hanselmann, dem griechisch-orthodoxen Metropoliten Augoustinos und einem Pastor der Herrnhuter Brüder-Gemeine in Augsburg feierte. Zum Ausdruck kam dabei, daß die Überwindung der Spaltungen der Christenheit nicht eine Sache nur des theologischen Dialogs sein kann, sondern vor allem eine Frucht des gemeinsamen Gebets. Heute gibt es zwischen allen christlichen Kirchen in Deutschland, die sich zu einer Arbeitsgemeinschaft mit Sitz in Frankfurt zusammengefunden haben, auf allen Ebenen beständige institutionelle und informelle Kontakte, eine Vielzahl von theologischen Dialogen und gemeinsamen Initiativen; die Zusammenarbeit zwischen gleichartigen kirchlichen Einrichtungen, Verbänden und Gruppen ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Katholikentage und evangelische Kirchentage sind nicht mehr vorstellbar ohne deutliche ökumenische Akzente. Die offiziellen Feiern 1996 zum Gedenken an den 450. Todestag des Reformators Martin Luther wurden in ökumenischem Geist gestaltet, die Teilnahme katholischer Amtsträger wie Gläubiger hat nichts Aufsehenerregendes. Regelmäßige ökumenische Gottesdienste benachbarter Gemeinden, die früher kirchlich kaum voneinander Kenntnis nahmen, gehören zur Normalität. Die Einheitsübersetzung der Bibel (1979) und gemeinsame Gebetstexte und Lieder schaffen für die Liturgie gegenseitige Vertrautheit. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar oder vor Pfingsten, der Weltgebetstag der Frauen im März, der Ökumenische Kreuzweg der Jugend in der Fastenzeit und die Ökumenische Bibelwoche sind für viele Christen fester Bestandteil ihres Glaubensvollzuges. Aus der Einsicht des Zweiten Vatikanischen Konzils, daß die fehlende Einheit der Kirche Christi auch ein „Ärgernis für die Welt” darstellt, sind seit langem gemeinsame Erklärungen der Bischofskonferenz und der EKD zu wichtigen politischen und gesellschaftlichen Fragen Praxis geworden. Zuletzt warnten Bischof Karl Lehmann als Vorsitzender der Bischofskonferenz und Landesbischof Klaus Engelhardt als EKD-Ratsvorsitzender einmütig davor, in Deutschland durch die Zulassung aktiver Sterbehilfe den vom Grundgesetz gebotenen Schutz des Lebens nachhaltig zu untergraben. Seit 1994 veranstalten beide Kirchen gemeinsam die im Jahre 1991 von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken durchgeführte „Woche für das Leben”. Es geht darum, das Bewußtsein für den Schutz des Lebens auf allen Ebenen zu stärken. Themen waren bisher u. a. das ungeborene Leben, eine kinderfreundliche Gesellschaft, behinderte Menschen und Suchtgefahren. Die „Woche für das Leben” 1996 stand unter dem Thema „Leben bis zuletzt - Sterben als Teil des Lebens”. Den Konsultationsprozeß „Zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland” tragen Bischofskonferenz und Rat der EKD gemeinsam, und er wird zu einem ökumenischen Wort der Kirchen über die innere Verfassung der deutschen Gesellschaft und die politische Gestaltung der Zukunft führen. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen bereitet mit ihrer Tagung in Erfurt vom 13. bis 16. Juni die nächste Etappe des Ökumenischen Prozesses „Versöhnung suchen - Leben gewinnen” vor, dessen 2. Europäische Versammlung 1997 in Graz stattfindet. Informationen:
Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik |
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