Pressemitteilungen der
Deutschen Bischofskonferenz

Johannes Paul II. in Deutschland 1996

Die Kath. Kirche in der Bundesrepublik Deutschland

Inhalt


Zahlen

Die Katholische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland zählt 28 Millionen Gläubige. Damit sind 34,5 % der 81,2 Millionen Deutschen katholisch. Der etwas größeren evangelischen Kirche gehören 28,4 Millionen Christen an, knapp 35 % der Bevölkerung. 2,4 Millionen (etwa 3 %) sind Muslime, die Zahl der Angehörigen jüdischer Gemeinden beträgt gut 33.000. Durch die Vereinigung Deutschlands hat sich der Anteil konfessionsloser Deutscher beträchtlich erhöht.

Kirchlich gegliedert sind die 27 deutschen Bistümer in sieben Kirchenprovinzen mit den Erzdiözesen Bamberg, Berlin, Hamburg, Freiburg, Köln, München-Freising und Paderborn. Der Erzbischof als Leiter einer Kirchenprovinz, der deswegen auch den Titel Metropolit führt, hat gewisse Aufsichtspflichten über die zu seinem Verantwortungsbereich gehörenden Suffraganbistümer. Das zahlenmäßig größte Bistum ist die Erzdiözese Köln mit knapp 2,4 Millionen Katholiken, das kleinste das Bistum Görlitz mit gut 50.000 Katholiken. Diasporagebiete, in denen Katholiken eine Minderheit in der Bevölkerung sind, liegen im Norden und Osten der Bundesrepublik. Die Bistümer mit dem höchsten Katholikenanteil an der Bevölkerung sind Regensburg mit 84 %, Würzburg mit 70 % und Aachen mit 65 %. Den geringsten katholischen Bevölkerungsanteil weisen im Schnitt die Bistümer in den neuen Bundesländern auf: etwa Dresden mit 3,5 % und Görlitz mit 5,5 %. Auch das Erzbistum Hamburg, das die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein und den mecklenburgischen Teil von Mecklenburg-Vorpommern umfaßt, ist mit 7,3 % Katholiken von extremer Diaspora geprägt.

Deutsche Einheit

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ergab sich die Notwendigkeit einer organisatorischen Neuordnung, vor allem im Blick auf den Osten Deutschlands. In der DDR gab es zwei Bistümer, das durch die Mauer geteilte Berlin und Dresden-Meißen; die übrigen Gebiete waren kirchenrechtlich nicht selbständig: Schwerin gehörte zu Osnabrück, Magdeburg zu Paderborn, Erfurt-Meiningen zu Fulda und Würzburg (Meininger Teil). Görlitz umfaßte den in der DDR gelegenen Teil des Erzbistums Breslau. Da über die politischen Grenzen hinweg eine kirchliche Leitung nicht möglich war, wurden die unselbständigen Jurisdiktionsbezirke in der DDR von Bischöfen geführt, die als Apostolische Administratoren dem Papst unmittelbar zugeordnet waren. Trotz der sich daraus ergebenden pastoralen, organisatorischen und kirchenrechtlichen Schwierigkeiten widersetzten sich die Deutsche und die für die DDR zuständige Berliner Bischofskonferenz allen politischen Bestrebungen, vor allem der Ostberliner Staatsführung, die traditionellen Gebietsstrukturen zu verändern, was die Teilung Deutschlands auf die Kirche übertragen hätte.

Mit der Einheit Deutschlands ergab sich die Möglichkeit, die kirchlichen Gebiete neu zu ordnen. Da sich in den Jurisdiktionsbezirken mit zuletzt insgesamt etwa einer Million Katholiken unter den politischen Pressionen durch das SED-Regime eigene pastorale Entwicklungen ergeben hatten – signifikant ist der extreme Rückgang von katholischen wie evangelischen Christen –, zogen der Vatikan und die inzwischen wieder für Gesamtdeutschland zuständige Deutsche Bischofskonferenz die Errichtung von Bistümern mit kleinen Gebietsbereinigungen einer Rückführung zu den Ursprungsdiözesen vor. Im Zuge der Neuordnung wurde Berlin zum Erzbistum erhoben, im Norden entstand das Erzbistum Hamburg, das als nun flächenmäßig größte deutsche Diözese aus dem Ostteil des früheren Bistums Osnabrück gebildet ist. Die kirchenrechtliche Neugliederung zog sich über einige Jahre hin, da Verhandlungen mit den jeweils betroffenen Bundesländern zu führen und Verträge zu schließen waren; sie ist seit Anfang 1995 abgeschlossen. Damit umfaßt die Deutsche Bischofskonferenz jetzt 27 Diözesen.

Erstmals in der deutschen Kirchengeschichte müssen sich Bischöfe, Seelsorger und Gemeinden auf die Tatsache einstellen, daß in einer freien, demokratischen Gesellschaft gebietsweise die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht getauft ist. Das verschärft die Frage nach dem gesellschaftlichen Standort der Kirche; zugleich erschwert das geistige Umfeld in den neuen Bundesländern den Aufbau kirchlicher Infrastrukturen und sozialer wie kultureller Angebote an die Menschen dort, die unter dem SED-Regime nur im Wohlfahrtsbereich allenfalls geduldet waren. Dennoch ist die katholische Kirche gewillt, ihre Dienste und Einrichtungen wie Krankenhäuser und Behindertenheime, Kindergärten und Seniorenzentren, Schulen und Bildungsstätten allmählich auf ein Niveau zu bringen, das den Bistümern in der alten Bundesrepublik vergleichbar ist; sie tätigt dafür hohe Investitionen, und die Bistümer leisten dazu untereinander ein großes Maß an personeller und finanzieller Solidarität.

Für Brückenschläge zwischen den Katholiken in Ost- und Westdeutschland setzte der nach der deutschen Einigung erste Katholikentag in den neuen Bundesländern, 1994 in Dresden, wichtige Pfeiler. Das gegenseitige Kennenlernen führte nach den Jahrzehnten politisch verordneter Abschottung für katholische „Ossis” und „Wessis” zu überraschenden Einsichten und half Vorurteile abzubauen. „In den Jahren der erzwungenen Teilung Deutschlands hat die katholische Kirche an der Einheit festgehalten”, erklärten bereits im Mai 1990 die Deutsche und die da noch existierende Berliner Bischofskonferenz gemeinsam. „Was unter den schwierigen Bedingungen der Vergangenheit durchgehalten wurde, muß jetzt erst recht weitergeführt werden.”

Priestermangel

Solidarität und Partnerschaft festigen die Einheit; sie wird auch gefördert durch die Bewältigung gemeinsamer Probleme. Eines der gravierendsten stellt für alle deutschen Bistümer die weiter abnehmende Zahl der Priester dar. Gab es Anfang der siebziger Jahre, als bereits über den Mangel an geistlichen Seelsorgern diskutiert wurde, noch über 25.000 Welt- und Ordenspriester in Deutschland, sank die Zahl binnen zehn Jahren auf etwa 20.000. Seitdem hat sich der Rückgang etwas abgeflacht: Auf etwa 19.500 Ende der achtziger Jahre. Die letzte Statistik von 1995 weist 18.663 Welt- und Ordenspriester aus; dabei sind allerdings auch gut ein Viertel Pensionäre mitgerechnet. Die Zahl von nicht einmal 11.000 Priestern, die in den etwa 13.300 Pfarreien und Seelsorgsstellen aller Bistümer geistlichen Dienst tun, zeigt, daß viele und zunehmend mehr Gemeinden in der Bundesrepublik sich den Pfarrer teilen müssen, was zu enormen persönlichen Belastungen führt. Das hohe Durchschnittsalter der Priester und die geringen Nachwuchszahlen lassen für die Zukunft bei den priesterlichen Berufen keine positive Entwicklung erwarten.

Gewachsen ist hingegen die Zahl der Ständigen Diakone: von 451 (1978) über 1313 (1989) auf 1831 (1995). Das vom Zweiten Vatikanischen Konzil wiederbegründete geistliche Amt des Ständigen Diakonats (zu unterscheiden vom zeitweiligen Status des Diakons für Priesteramtskandidaten), das auch von verheirateten Männern übernommen werden kann, fand gerade in Deutschland lebhaften Zuspruch. Ständige Diakone werden meist nach langer Ausübung eines zivilen Berufs geweiht, den manche – als Diakone im Nebenamt – nach ihrer sakramentalen Weihe fortsetzen. Aus vielen Gemeinden ist der Ständige Diakon nicht mehr wegzudenken. Er ist dem jeweiligen Pfarrer zugeordnet und unterstützt dessen Dienst. Diakone gestalten die Liturgie mit und predigen in Eucharistiefeiern, halten religiöse Unterweisungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Religionsunterricht, sie spenden Taufen, repräsentieren die geistliche Assistenz bei Eheschließungen und halten Beerdigungen. Vor allem sollen sich die Diakone um die der Kirche Entfremdeten und - im diakonalen Dienst der Kirche, nach dem sie ihre Amtsbezeichnung tragen – um die sozial Schwachen, um Kranke, Behinderte, Alte, die ganz oder teilweise gehindert sind, an den Aktivitäten der Gemeinde teilzunehmen, kümmern.

Ehrenamtliches Engagement der Katholiken

Das breite Engagement von Laien in Berufen der Kirche hat eine wesentliche Wurzel darin, daß die Verantwortung der Laien für die Kirche in Deutschland eine lange und strukturell ausgeprägte Tradition hat. Die Hervorhebung dieses Aspekts des allgemeinen Priestertums der Gläubigen durch das Zweite Vatikanische Konzil fiel also in Deutschland auf einen wohl vorbereiteten Boden. In den katholischen Verbänden und in dem – nach Vorläufen seit 1848 – 1868 gegründeten Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der bundesweiten Vertretung der Laien, wirkten Männer und Frauen nicht nur aus ihrem Glauben in die gesellschaftlichen und staatlich-politischen Umfelder hinein, sondern entwickelten auch ihre innerkirchliche Verantwortung. Mit Blick auf diese beiden Seiten des Selbstverständnisses der Laien wurden seit Ende der vierziger Jahre Diözesankomitees gegründet. Daraus hat sich eine vielgliedrige Struktur von Pfarrgemeinderäten, Dekanatsräten und Diözesanräten herausgebildet, die sich auf die Überlegungen des Konzils zum Bild der Kirche gründet. In diesen Räten beraten Laien die konkreten Aufgaben der Kirche und ihre Verwirklichung und entscheiden darüber, sofern diese über den praktisch seelsorglichen Bereich hinausgehen, nach demokratischen Regeln mit.

Allein als Mitglieder der von den Gemeindeangehörigen unmittelbar gewählten Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände, die für Vermögen und Haushalte der Pfarreien zuständig sind, engagieren sich in ihrer Freizeit weit über 100.000 Frauen und Männer. Hinzu kommt der ehrenamtliche Einsatz von nach Hunderttausenden zählenden Katholiken für Aktivitäten in den Gemeinden – von sozialen Nachbarschaftsdiensten über Gottesdienstgestaltung, geistliche Vorbereitung von Erstkommunikanten und Firmlingen, über Kinder- und Jugendbetreuung sowie Bildungsarbeit bis zur Veranstaltung von Festen –, die nicht nur jene nutzen, die zu den Kerngemeinden gehören. Kaum zu schätzen ist die Zahl derer, die, gleichfalls ehrenamtlich, in den rund 120 bundesweit aktiven katholischen Verbänden, Aktionen und Initiativen mit insgesamt etwa 5 Millionen Mitgliedern aktive Verbands- und Sacharbeit leisten.

Kirchenaustritte

Dieses von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete ehrenamtliche Engagement leisten katholische Frauen und Männer in einem geistigen Umfeld, das als säkularisiert und religionsfern beschrieben wird. Das gesellschaftliche Klima wirkt auch in die Kirche hinein und spiegelt sich in den graduellen Abstufungen praktizierter Kirchlichkeit. Die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher liegt bei knapp 20 % der Katholiken; dabei ist zu berücksichtigen, daß selbst in Zeiten breiter Glaubenspraxis die Kirchgänger kaum je die 50-Prozent-Marke überstiegen. Die absolute Zahl derer, die sonntags die Messe besuchen, bleibt mit knapp 5,4 Millionen (1994) weiterhin eindrucksvoll. Kirchenaustritte pendeln jährlich um die 155.000, was gegenüber der Spitze im Jahr 1992 mit mehr als 190.000 einen Rückgang um 20 % bedeutet. Aber immer noch suchen viele, die Glaubenspraxis kaum noch oder nicht mehr als wichtiges Element einer sinnvollen Lebensgestaltung betrachten, die Kirche an den „Wendepunkten des Lebens” auf: Knapp 270.000 Taufen, über 275.000 Erstkommunionen, 92.570 Trauungen, über 287.000 Beerdigungen weist die zuletzt ausgewertete Statistik für 1994 aus. Dennoch ist hier insgesamt ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Pastoralgespräche

Diese Entwicklung nimmt die katholische Kirche in Deutschland nicht zum Anlaß, sich in ein Getto zurückzuziehen, sondern als Herausforderung, intensiv über dem modernen Menschen verständliche Aussagen des Glaubens, über zeitgemäße Formen religiöser Praxis und über ihren unverwechselbaren Beitrag zu einer menschenwürdigen Gestaltung unserer Gesellschaft nachzudenken. Mit dieser Zielsetzung haben in zahlreichen Bistümern in den letzten Jahren Diözesansynoden, Bistumsforen und Pastoralgespräche stattgefunden, in denen Bischöfe, Priester und Laien gemeinsam die innere Verfassung der deutschen Kirche kritisch und selbstkritisch analysiert haben. Dabei sind auch jene Fragen, die im „Kirchenvolksbegehren” 1995 thematisiert wurden – wie die Zölibatsverpflichtung der Priester, die Stellung der Frau in der Kirche, die kirchliche Sexuallehre, ob das Priesteramt nur Männern zugänglich sein kann und wie die Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen soll –, durchaus kontrovers, aber im sachlichen Umgang miteinander und in gegenseitigem Verständnis für andere Meinungen reflektiert worden. Die Perspektiven, die diese Pastoralgespräche entworfen haben, setzen Zeichen der Hoffnung für die Zukunft. Auch durch die beiden Bände des von der Bischofskonferenz herausgegebenen "Katholischen Erwachsenen-Katechismus" versucht die Kirche dem „modernen“ Menschen zeitgerechte Antworten aus dem Glauben heraus zu geben.


Pressemitteilung der deutschen Bischofskonferenz
Herausgeber:
Prälat Wilhelm Schätzler
Sekretär der Deutschen
Bischofskonferenz
Redaktion:
Dr. Rudolf Hammerschmidt
Dipl.-Theol. Heike Thome
Anschrift:
Kaiserstr. 163
53113 Bonn
Fax (0228) 103-254