
Unterwegs zur Seligsprechung von Dompropst Bernhard Lichtenberg
Artikel von Dompropst Prälat Otto Riedel
Am 23. Juni 1996 wird Papst Johannes Paul II. Dompropst Bernhard Lichtenberg im Berliner Olympia-Stadion als Martyrer seligsprechen. Das ist nicht nur ein Ereignis für Journalisten oder später einmal für Geschichtsbücher. Es genügt auch nicht, sich etwas über das Leben des künftigen Seligen angelesen zu haben und Auskunft geben zu können. Ein Seliger wird einem Bistum, einer Ordensgemeinschaft, einer Region geschenkt als Zeuge der Auferstehung Christi mitten in der Welt, als Wegbegleiter und Fürsprecher. Er will im Leben der Kirche und im Leben des Einzelnen vorkommen. Wir können ihm begegnen. - Es ist für den Einzelnen wichtig, sich die Frage zu beantworten: "Wer ist Bernhard Lichtenberg für mich?"
Dompropst Lichtenberg wurde für mich persönlich bedeutsam, als mir am Palmsonntag 1987 bei meiner Einführung als Dompropst in der St. Hedwigs-Kathedrale durch Kardinal Meisner die Dompropst-Kette umgelegt wurde. Es war dieselbe Kette mit dem Kapitelszeichen, die zuvor Lichtenberg getragen hatte. Würde ich mich eines solchen Vorgängers würdig erweisen? Ich mußte ihn besser kennenlernen, auf seinen Spuren gehen, mit ihm vertraut werden.
Gestorben in Hof an der Saale
So fuhr ich nach Hof und besuchte den Pfarrer der St. Marien-Kirche. Im Krankenhaus dieser Stadt war Lichtenberg auf dem Weg in das KZ Dachau gestorben. Der Vorgänger . des Pfarrers von St. Marien, Geistlicher Rat Gehringer, hatte dem sterbenskranken Dompropst die Krankensalbung und die Kommunion gespendet. Ich traf in Hof auch eine Zeitzeugin, die mir von den letzten drei Tagen des Berliner Priesters erzählte. Es war eine Tochter des Hofer Gefängnisleiters, der sich seiner besonders angenommen hatte. Was war geschehen?
Wegen des mutigen Auftretens von Dompropst Lichtenberg gegen Lüge, Menschenverachtung und Gewalt der NS-Diktatur und wegen seines täglichen Abendgebetes mit den Gläubigen in der St. Hedwigs-Kathedrale
- "für die verfolgten Juden, für die Gefangenen in den Konzentrationslagern, für die kämpfenden, verwundeten und sterbenden Soldaten hüben und drüben, für die bombardierten Städte in Freundes- und Feindesland"
wurde er im Herbst 1941 verhaftet und schließlich zu zwei Jahren Gefängnis im Strafgefängnis Tegel verurteilt. Nach Beendigung der Haftzeit kam Lichtenberg nicht frei, da die Gestapo ihn für unverbesserlich hielt. Er wurde sofort wieder verhaftet und in das Arbeitserziehungslager Wuhlheide überführt, bis er mit etwa 200 Gefangenen über Hof in das KZ Dachau transportiert werden sollte:
- Am 03. November 1943 fuhr der Gefangenenzug von Berlin zum Bahnhof der Stadt Hof; von dort wurden die Häftlinge auf Lastwagen ins Hofer Gefängnis gebracht. Am nächsten Tag sollten sie auf die Zuchthäuser, Arbeitslager oder KZ's in Thüringen, Sachsen, Hessen und Bayern abtransportiert werden.
- Als letzter schleppte sich der todkranke Dompropst hinter den anderen über den Gefängnishof. Der Gefängnisleiter wollte ihm eine Extra-Stärkung, etwas zu essen und zu trinken, zukommen lassen; doch Lichtenberg wollte es nicht besser haben als die anderen.
- Wegen des sich stets verschlechternden Gesundheitszustandes drängte der Gefängnisleiter schließlich den zuständigen Arzt, den Berliner Priester zu untersuchen. So kam Lichtenberg am Vormittag des 04. November in das von Diakonissen geleitete Krankenhaus.
- Endlich konnte er wieder einmal gewaschen werden, in einem sauberen Bett liegen und die Krankensakramente empfangen. Häufiger sank er in Bewußtlosigkeit, dann betete er wieder; wenn Schwestern oder Ärzte ihn betreuten, sagte er: "Ihr lieben, guten Menschen! Was seid ihr doch für liebe, gute Menschen."
- Dankbarkeit und Barmherzigkeit sprachen aus diesen Worten. Er war nicht verbittert. Er wußte sich im gnädigen Willen Gottes geborgen. - Am Herz-Jesu-Freitag, dem 05. November 1943, starb Bernhard Lichtenberg gegen 18.00 Uhr im Krankenhaus ohne Todeskampf. Das KZ Dachau blieb ihm erspart.
Die Reise nach Hof - auch die Besichtigung des heute städtischen Krankenhauses - half mir, Lichtenberg im Blick auf seine letzten Tage besser kennenzulernen.
Geboren in Ohlau/Schlesien
Es war wichtig, nach dem Sterbeort die Geburtsstadt Ohlau in Schlesien, etwa 20 km von Breslau entfernt, kennenzulernen. Wie in Hof traf ich einen Pfarrer, der Bernhard Lichtenberg gut kannte und ihn mit der Pfarrgemeinde als heiligmäßigen Glaubenszeugen verehrte. Ich besichtigte den Marktplatz mit dem Rathaus. Nicht weit davon entfernt lag das Elternhaus mit dem Lebensmittelladen des Vaters. Am 03. Dezember 1875 wurde Bernhard als zweitältester von vier Brüdern geboren. Seine schlesische Heimat hat auch seinen tief verwurzelten Glauben geprägt. Die Zeit des Kulturkampfes lehrte ihn, sich um des Glaubens willen auch gegen staatlichen Druck zu behaupten. Sein Vater lebte es ihm vor. Die Liebe zur Kirche und zur Eucharistie prägten den Jungen. Es wuchs in ihm der Wunsch, Priester zu werden. 1899 weihte ihn Kardinal Kopp gemeinsam mit 88 Diakonen im Breslauer Dom zum Priester.
Seelsorger in Berlin
1900 kam Bernhard Lichtenberg nach Berlin. Seine erste Kaplansstelle war an der Pfarrei St. Mauritius in Lichtenberg-Friedrichsberg. Nach weiteren drei Kaplansstellen übernahm er die Kuratie Karlshorst-Friedrichsfelde und wurde dann Pfarrer der Pfarrei Herz Jesu in Berlin-Charlottenburg. Eigentlich war nichts Außergewöhnliches im Leben dieses Priesters festzustellen:
- Sein geistliches Leben war bestimmt von den geistlichen Pflichten eines Diözesanpriesters: Betrachtung, Breviergebet, tägliche Eucharistiefeier, Rosenkranzgebet und Zeit zum Studium. Er nahm diese Aufgaben sehr ernst und erfüllte sie treu. Auffällig ist, wie daraus eine tiefe Vertrautheit im Umgang mit seinem Erlöser erwuchs. Oft ging er tagsüber am Tabernakel vorbei, um Jesus im Geheimnis der Eucharistie zu "besuchen".
- In der Seelsorge fiel auf, daß sein priesterlicher Dienst den Menschen und hier zuerst den Armen und den einfachen Leuten galt. Er wollte auch ihr Anwalt sein in einer Gesellschaft, die krank ist, in der Menschen unter die Räder kommen. Da genügte nicht das Predigen; man mußte auch Wortführer für andere sein. Als Kaplan in der Arbeiterpfarrei St. Mauritius studierte er daher zwei Semester Nationalökonomie. Als Pfarrer in Herz Jesu/Charlottenburg war er als Abgeordneter der Zentrumspartei in der Stadt- bzw. Bezirksverordneten-Versammlung. Er wollte kein Politiker sein, sondern sich als Mann der Kirche für die Menschen einsetzen. Er war der festen Überzeugung, daß die Kirche sich mit dem, was sie zu geben hat, nicht zu verstecken braucht. Ja, sie muß sichtbar, greifbar werden in dieser Weltstadt. Ihr Dienst ist Heilsdienst für alle.
- Pfarrer Lichtenberg war nicht nur "guter Hirte". Er dachte auch sehr praktisch. Ihm war klar, daß die Kirche zu den Menschen gehen muß. Als er 1913 Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Charlottenburg wurde, umfaßte die Pfarrei ein weit ausgedehntes Gebiet. Dort lebten damals 36000 Katholiken; eine Vielzahl von Schulen und Krankenhäuser gehörte dazu; die Herz-Jesu Kirche hatte nur 250 Sitzplätze. Was ist zu tun, um den Herausforderungen in der Seelsorge, zu begegnen? Als Lichtenberg 1931 die Herz-Jesu-Gemeinde verließ, hatte er fünf Pfarreien neu gegründet, zwei katholische Schulen im Pfarrgebiet errichtet. Für drei Pfarreien konnte er Ordensgemeinschaften gewinnen: die Kamillianer (ein Krankenpflege-Orden), die Steyler Missionare (ein Missionsorden) und die Jesuiten (ein Schulorden). Durch ihn kam auch das Anbetungskloster St. Gabriel in die Gemeinde.
- Nicht zu vergessen ist, daß Lichtenberg auch Vorbeter seiner Gemeinde war. In Charlottenburg und später an der Kathedrale betete er jeden Abend in der Kirche mit den versammelten Gläubigen. Gewissenserforschung, Schriftlesung, Predigt, Lauretanische Litanei und vor allem die Fürbitten für die Notleidenden gehörten zu diesem Gottesdienst. Er glaubte an die Macht des Gebetes.
Dompropst bei St. Hedwig
Was ist schon Außergewöhnliches an diesem Leben? Gewiß, er hat viel geleistet und war treu in seinem Dienst. Nach Gründung des Bistums Berlin am 13. August 1930 wird Lichtenberg Domkapitular (später Dompropst), Ordinariatsrat und Dompfarrer bei St. Hedwig. Immer mehr wächst er hinein in seine Sendung als Künder und Wahrer von Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde in einer sich ständig verdunkelnden Zeit. Seine Pfarrkirche ist die Kathedrale. Somit hat er seinen Wohnsitz im Machtzentrum des Nationalsozialismus. In der Nähe des Brandenburger Tores, in der Wilhelmstraße, befinden sich Reichsministerien und Reichskanzlei - 1 - 2 km von der St. Hedwigs-Kathedrale entfernt.
Was ist ein Seliger, ein Heiliger?
Es ist an dieser Stelle wichtig, sich Gedanken zu machen, was wohl ein Seliger, ein Heiliger ist?
Heilige oder Selige sind nicht selten unbequeme, auch kantige Zeitgenossen. Doch sie leben in einer großen Vertrautheit und Verbundenheit mit Christus. Es sind "Gezeichnete" oder auch "Verzeichnete" Christi. Sie werden ihren Mitchristen zum Anstoß und erwecken gleichzeitig Bewunderung. Sie haben sich ihrem Erlöser und dem Willen Gottes geöffnet. So macht er sie oft zu Zeichen und Vorbildern mitten in der Welt. Gott sagt durch sie, worauf es ankommt, was wichtig ist für die Nachfolge Christi. Hier wird oft das Normale zum Außergewöhnlichen überschritten. Im Seligsprechungsprozeß geht es also nicht um den Heiligenschein, sondern um das Zeichenhafte des Seligen, sein Lebenszeugnis. Es ist also berechtigt zu fragen: Worauf will Gott uns durch Bernhard Lichtenberg besonders hinweisen?
Zum Zeugnis gesandt
Das Leben Lichtenbergs bekommt eine spezielle Berufung durch die Lektüre des Buches "Mein Kampf" von Adolf Hitler. Er liest es aufmerksam und fühlt sich an manchen Stellen gedrängt, Randbemerkungen neben den Text zu schreiben, z. B. "Das wird eine Prügelei werden!", 'Woher weiß er das?", "Unerhört!", "Großartige Phrase". Bei der letzten Hausdurchsuchung hat die Gestapo dieses Exemplar gefunden und im Verhör Lichtenberg gefragt, was die einzelnen Randbemerkugen zu sagen hätten? Die Antworten waren klar und unmißverständlich. Dann sagte er:
-
"Abschließend möchte ich bemerken, daß die von mir in dem Buch 'Mein Kampf' gemachten Randbemerkungen beweisen, daß ich mich mit einer oberflächlichen Lektüre dieses Buches nicht begnügt habe. Zusammenfassend stelle ich fest, daß das intensive Studium dieses Buches in mir die Überzeugung gefestigt hat, daß die nationalsozialistische Weltanschauung mit den Lehren und Geboten der katholischen Kirche nicht vereinbar sind."
Seit der Lektüre dieses Buches war es für Dompropst Lichtenberg das ausgemachte Ziel, dem Wahnsinn, der Lüge und der ungerechten Gewalt der NS-Diktatur entgegenzutreten. Sein Reden und sein Leben sollen der Wahrheit und der Würde des Menschen dienen. Er wußte sich gefordert, für die Notleidenden durch das Gebet und durch praktische Hilfe einzutreten.
Zu welcher Klarheit der Erkenntnis und Rede er fand, zeigen die folgenden Worte aus dem Verhör und seiner Verhaftung:
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"Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden die Taten nicht richtig sein ... Ich habe mir erlaubt, auf einige falsche Grundsätze Adolf Hitlers hinzuweisen. Deshalb werden auch die daraus entspringenden Taten nicht richtig sein. Ich bekämpfe falsche Grundsätze, weil aus ihnen falsche Taten entstehen."
Er behielt einen wachen Blick für das Unrecht und konnte nicht schweigen. Er war Diener der Wahrheit Gottes, die er zu verkünden hatte.
Sein Eintreten für Menschen in Not
Drei Momentaufnahmen für sein konsequentes Handeln:
- In der Pogromnacht am 09. November 1938 gehen Synagogen in Flammen auf; Juden werden verhaftet, beraubt, mißhandelt, Gebäude zerstört, Geschäfte geplündert. Bernhard Lichtenberg hat dies in der Umgebung der Kathedrale mit ansehen müssen. Beim nächsten Abendgebet in St. Hedwig sagt er mit
fester Stimme:
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"Was gestern war, wissen wir; was morgen ist, wissen wir
nicht. Aber was heute geschehen ist, haben wir erlebt:
Draußen brennt die Synagoge. Das ist auch ein Gotteshaus!"
Dann betet er Tag für Tag als Fürbitten beim Abendgebet:
"Für die schwerbedrängten "nichtarischen Christen", für die verfolgten Juden, für die Gefangenen in den Konzentrationslagern..."
Bernhard Lichtenberg wußte, daß ein solches Denken, Reden und Handeln im Hitler-Staat das Leben kosten kann. Doch er wollte nicht schweigen. Er ging einsam und entschieden seinen Weg. Durch sein Handeln sollte niemand in Gefahr kommen.
- Als das Euthanasie-Gesetz (das sog. Recht, ´lebensunwertes Leben' zu töten), erscheint, predigt am 03.08.1941 der Münsteraner Bischof Graf Galen gegen die Euthanasie-Morde. Lichtenberg läßt die Predigt vervielfältigen und heimlich verteilen. Doch er muß noch mehr tun. Am 26.08.1941 verfaßt er ein persönliches Protestschreiben an den Reichsärzteführer Dr. Conti und schickt Durchschriften auch an Reichsministerien und an die Gestapo.
- Im Oktober 1941 erscheint ein Hetzblatt, das mit den Worten schließt:
-
"Erkenne den wahren Feind: Jeder Jude - Dein Feind!"
Lichtenberg verfaßt sofort eine Kanzelvermeldung, die er jedoch nicht mehr verlesen kann:
-
"In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der Juden aus angeblicher falscher Sentimentalität irgendwie unterstützt, und sei es auch nur durch ein freundliches Entgegenkommen, Verrat an seinem Volk übt. Laßt Euch durch diese unchritliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt nach dem strengen Gebot Jesu Christi: 'Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst'."
Verhaftung, Verurteilung, Gefängnis
Drei Jahre hatte Dompropst Bernhard Lichtenberg täglich für die verfolgten Juden gebetet, erst am 04.09.1941 wurde er von einem SS-Hauptsturmführer angezeigt. Durch zwei Studentinnen, die zufällig zum Abendgebet nach St. Hedwig gekommen waren, hatte dieser davon gehört. Es folgten Hausdurchsuchung, Verhaftung, Verhöre und Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis. Neben dem Gebet für die verfolgten Juden waren es vor allem die Randbemerkungen in Hitlers Buch "Mein Kampf" und die verbreitete Kanzelvermeldung gegen das Hetzblatt "Erkenne den wahren Feind: Jeder Jude - Dein Feind", die das Strafmaß bestimmten.
Im Gefängnis Tegel wird die Zelle Nr. 367 Lichtenbergs "Zuhause". Er nimmt diese Zeit aus Gottes Hand entgegen und sieht in der Gefängniszelle eine Klosterzelle. Der Wahlspruch der Benediktiner-Mönche "Bete und arbeite" wird zur Regel für seinen Alltag: Reinigen der Zelle, Tüten kleben, Mahlzeiten, Gebet und Studium. Zwischen Gesundheit und Krankheit bemüht sich Lichtenberg, seine Gefangenschaft nach dem Willen Gottes zu nutzen.
Als politischer Gefangener wird er gestoßen, mißhandelt und erniedrigt. Man will ihn in seiner Würde treffen, seine Selbstachtung zerstören.
Krank, aber ungebrochen
Schon vor seiner Verhaftung stand in einem ärztlichen Gutachten über den Gesundheitszustand Lichtenbergs: Infolge Herzmuskelschwäche, Coronarsklerose und häufiger Herzkranzanfälle (Angina pectoris) müsse sich der Patient "vor jeder Aufregung und Überanstrengung und Diätfehlern" peinlichst hüten. Für Aufregung war in der Haftzeit reichlich gesorgt.
Auch Todesangst blieb ihm im Gefängnis nicht erspart. So schreibt er:
-
"Ich hatte einen schweren Herzanfall und glaubte, sterben zu müssen.' Ja, da kann man ein langes Leben hindurch sagen, man sei bereit zu sterben, wenn Gott einen ruft. Aber wenn dann die letzte Stunde droht, dann packt einen die Todesangst, und sie ist um so furchtbarer in der Gefängniszelle, in dieser grausamen Einsamkeit. Und dann hämmert man mit den Fäusten an die Tür und schreit: 'Laßt mich raus, ich sterbe.' - Ja, steht der Tod einmal unmittelbar vor einem, will man doch nicht sterben. Dann will man weiterleben, und ich will auch weiterleben, denn ich lebe gern. Dieses
verfluchte Leben ist doch schön."
Diese Todesängste sind aber nicht die Grundstimmung Lichtenbergs. Als der Bischof von Berlin, Graf Preysing, seinen Dompropst 14 Tage vor dem Ablauf der Gefangenschaft im Gefängnis besucht, rät er ihm, in ein Schweigegebot einzuwilligen und nicht mehr zu predigen, wenn er nur dadurch aus der Haft entlassen würde. Doch er betonte ausdrücklich, daß dies kein Befehl sei. Lichtenberg atmete auf, denn er muß für die Wahrheit Zeugnis geben. Darin besteht die ihm von Christus übertragene Sendung. Die folgenden Worte Lichtenbergs hat Bischof Preysing in einem Aktenvermerk von seinem letzten Besuch bei ihm im Gefängnis festgehalten:
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"Was kann einem besseres passieren, als für seinen heiligen Glauben zu sterben. Ich bin bereit, heute noch, diese Stunde noch, für ihn zu sterben."
Am 23.10 1943 hätten sich die Gefängnistore für Bernhard Lichtenberg öffnen
sollen. Doch auf Betreiben der Gestapo wird er in das Arbeistserziehungslager
Wuhlheide gebracht, um von dort ins KZ Dachau transportiert zu werden. Über
seinen Weg nach Hof und die letzten Tage seines Lebens habe ich bereits zu
Beginn berichtet.
Der Gestapo aus dem Blickfeld geraten
Es ist unfaßbar, wie Dompropst Lichtenberg der Gestapo aus dem Blickfeld geraten konnte. Wer so von den Nazis gehaßt war wie er, kam in ein Massengrab, wurde verscharrt oder verbrannt. Mit seiner Einweisung in ein Krankenhaus hatte wohl niemand gerechnet. So starb er nicht nur einen gnädigen Tod in seinem Krankenbett; sein Leichnam konnte sogar nach Berlin überführt werden und wurde in der St. Sebastians-Kirche in Berlin-Wedding aufgebahrt. Bischof Preysing feierte das Pontifikalrequiem mit 5.000 Gläubigen. Zu Fuß führte dann der Trauerzug den Leichnam zum nahen Alten Domfriedhof St. Hedwig. Nach der Beisetzung stimmte einer das Lied "Triumph, der Tod ist überwunden" an, und alle sangen mit. Im Angesicht des Todes fühlen sich die anwesenden Gläubigen gedrängt, ihren Glauben an die Auferstehung von den Toten zu bekunden. Viele sprachen von einem heiligmäßigen Leben Bernhard Lichtenbergs und nannten ihn einen Martyrer.
Zwei Fragen werden immer wieder gestellt:
- Wie kann ein Mensch, der im Krankenhausbett einen gnädigen Tod stirbt,
Martyrer genannt werden?
- Was hat Lichtenberg den modernen Menschen zu sagen, wenn sein Lebenszeugnis
nur aus der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen ist?
In den Tod getrieben
Dompropst Bernhard Lichtenberg wird am 23. Juni 1996 als Martyrer seliggesprochen. Auch wenn er im Hofer Krankenhaus einen gnädigen Tod gestorben ist, so kann er doch mit Recht Martyrer genannt werden. Er wurde von der Gestapo in den Tod getrieben. Man war froh, einen unliebsamen "Fanatiker" in Gewahrsam zu haben. Sein schlechter Gesundheitszustand wurde ignoriert oder bewußt in Kauf genommen. Ja, man trieb ihn in den Tod, als er nach Beendigung der Haftzeit auf den Weg ins KZ Dachau geschickt wurde. Er ertrug die seelischen und körperlichen Leiden bewußt bis zum letzten Atemzug. Die Liebe zu seinem gekreuzigten Erlöser gab ihm die Kraft. Für die besondere Situation des Todes von Bernhard Lichtenberg hat sich wie bei dem hl. Maximilian Kolbe ein neuer Begriff gebildet. Bei diesen beiden Zeugen handelt es sich um ein Martyrium caritatis. Sie fanden nicht hingerichtet wegen ihres Glaubenszeugnisses (Martyrium fidei), sie wurden in den Tod getrieben, weil sie ihrer Sendung für Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde treu blieben.
Vorbild auch in unserer Zeit
Das Leben Bernhard Lichtenbergs wurde geprägt von der Kaiserzeit, der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Es ist richtig, daß seine ihm von Christus übertragene Sendung von den Ereignissen während der Nazi-Diktatur bestimmt war. Doch sein Zeugnis ist letztlich nicht zeitgebunden. Auch heute gibt es Lüge, Ungerechtigkeit, Menschenverachtung. Die Demokratie verleitet die Menschen, Grundsätze oder Grundwerte zu vernachlässigen. Es geht mehr um das Machbare, um Kompromisse; entscheidend sind oft Mehrheitsverhältnisse oder die Einschaltquote beim Fernsehen. Bernhard Lichtenberg zeigt, daß auch in unserer Gesellschaft der einzelne und sein Lebenszeugnis gefordert ist. Es wird auch deutlich, daß die Kirche das ihr anvertraute Heil nicht verstecken darf, sondern der Welt schuldet.
"Wer ist Bernhard Lichtenberg für mich?" Diese Frage kann kein Zeitungsartikel beantworten. Jeder muß sich selbst auf den Weg machen, mit dem Leben Lichtenbergs vertraut werden, seinen Spuren nachgehen und so seine Bedeutung für das eigene Leben entdecken.