Wer war Bernhard Lichtenberg?

Herz-Jesu-Gemeinde Berlin-Charlottenburg. Man schreibt den 18. März 1913. An diesem Tag nimmt ein Pfarrer seine Arbeit auf, der später in die Geschichte des Widerstandes gegen die Nazi-Gewaltherrschaft eingehen wird - Bernhard Lichtenberg. Wer war dieser Mann, dessen Glaubenskraft in dunkler Zeit ein so leuchtendes Zeichen setzte?

Aufbruch im Glauben

Bernhard Lichtenberg wird am 3. Dezember 1875 als zweiter von vier Brüdern in Ohlau geboren, einem überwiegend protestantischen Städtchen. Sein Vater besitzt eine Kolonialwaren- und Delikatessenhandlung. Die Familie, in der Bernhard aufwächst, lebt ganz aus einem festen christlichen Glauben, der nicht nur das sonn- und feiertägliche Leben prägt, sondern auch den alltäglichen Lauf des Lebens. Ein Glauben, der nie Selbstverständlichkeit wird, muß er sich doch gerade in der Zeit des Kulturkampfes stets aufs neue bewähren. Das Festhalten am Glauben in schwerer Zeit und das Bekenntnis zur Glaubenswahrheit - dies sind die zwei wesentlichen Verhaltensmuster, die Bernhards Leben früh bestimmten. Am 21. Juni 1899 empfängt Bernhard Lichtenberg im Dom zu Breslau das Sakrament der Priesterweihe aus der Hand des Kardinals Kopp. Ein Jahr später wird er nach Berlin versetzt, genauer: nach "Friedrichsberg bei Berlin, Poststation beim Dorf Lichtenberg". Bereits im November 1902 wird er zum ersten Mal an die Herz-Jesu-Kirche nach Charlottenburg geschickt. Von dort führt sein Weg über St. Michael, die Kuratus-Stelle in Karlshorst-Friedrichsfelde und Berlin-Pankow, bis er 1913 Pfarrer in Charlottenburg wird.

Lichtenbergs Wirken in Charlottenburg

36.000 katholisch Getaufte gehörten damals zu dieser Gemeinde. Lichtenberg erkannte sofort, daß ein einziges Gotteshaus für so viele Menschen nicht genügen konnte, um den intensiven Kontakt zur Kirche kontinuierlich zu gestalten und zu pflegen.

Also ging er bald daran, die "Mammutpfarrei" aufzuteilen. So entstanden nacheinander die fünf Kuratien St. Canisius, St. Kamillus, Heilig-Geist, St. Thomas und Mariä Himmelfahrt, denen er im Laufe der Jahre durch seine ausgedehnten Kollektereisen zu eigenen Gotteshäusern verhalf. Darüber hinaus galt sein besonderes Streben der Jugend. Mit Dr. Josef Deitmer, damals Propst von St. Hedwig, war er sich darin einig, daß Berlin dringend ein katholisches Gymnasium brauchte. Er sorgte auch hier für das Grundstück (Neue Kantstr. 2 und Witzlebenstr. 2729) und die nötigen Räume und stellte dies alles den Patres der Gesellschaft Jesu zur Verfügung. Die Jesuiten erklärten sich bereit, das Gymnasium zu gründen und aufzubauen.

Der Unerschrockene

Lichtenberg nahm regen Anteil am politischen Leben in dieser schwierigen Zeit. Als Vertreter des Zentrums war er Mitglied der Charlottenburger Bezirksverordnetenversammlung. Kaum eine politische Versammlung, bei der er nicht leidenschaftlich die Sache der Kirche vertrat. Seine kompromißlose Grundsatztreue, seine Wahrheitsliebe, sein Bekennermut mußten ihn später zwangsläufig in Konflikte mit den Nationalsozialisten führen. Insbesondere sein tätiges Engagement für den Frieden mußte den Gewaltherrschern ein Dorn im Auge sein. Allein seine Arbeit im Vorstand des "Friedensbundes der deutschen Katholiken" und im Präsidium der "Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden" waren nach nationalsozialistischen Begriffen schon "belastend" genug.

1931 rief ihn der erste Bischof von Berlin in das Domkapitel und ernannte ihn 1932 zum Dompfarrer. 1938 wurde er Dompropst bei St. Hedwig. Alfons Erb berichtet in seiner Lichtenberg-Biographie, daß Lichtenberg bereits im Juli 1935 im Göring-Ministerium vorstellig wurde, um gegen die Greuel in den Konzentrationslagern zu protestieren. Die Ministerialbürokratie wehrte ab. Zu einem persöntichen Gespräch mit Göring kam es nicht, aber Lichtenberg war nun bei den Nationalsozialisten aktenkundig.

Weiter berichtet Erb in seiner Biographie:

"Berühmt geworden sind die Fürbitten, die er am Schluß des öffentlichen Abendgebetes täglich in der Kathedrale betete. In ihnen kam die Universalität seines katholischen Herzens, seiner christlichen Liebe zum Ausdruck. Er betete für verwundete, gefangene, gefallene Soldaten hüben und drüben, für den Frieden und um den Geist des Friedens, für die bedrängten getauften Juden, für die verfolgten Juden, für die Häftlinge, besonders für seine Amtsbrüder om dem Konzentrationslagern... Was er als gesitlicher Leiter der Hilfsstelle für getaufte Juden, die beim Bischöflichen Ordinariat eingerichtet war, für diese seine geächteten Glaubensgenossen und darüber hinaus für verzwiefelte jüdische Mitbürger getan hat, weiß nur Gott allein. Er hat den vom Haß der Hitler-Zeit Verfolgten und Gefolterten in jeder möglichen Art geholfen, bei Kleider- und Wöäschesammlungen für die verschleppten Juden gab er mit vollen Händen vom Besten, das er besaß. Auch nichtjüdischen Verfolgten stand er zur Seite; den Regens des Priestterseminars und den Direktor des Chistkönigshauses, die binnen kurzem ihre beschlagnahmten Häuser verlassen mußten, nahm er sofort brüderlich in sein Haus auf und bot zwei weiteren Ordensleuten Wohnung an."

Der Leidensweg

Die Gestapo zögerte lange, den weit über die Grenzen seiner Gemeinde bekannten und beliebten Priester zu verhaften. Am 23. Oktober 1941 war es dann aber soweit.

Zwei Studentinnen hatten nach einem Abendgebet in der St. Hedwig-Kathedrale Anzeige gegen ihn erstattet. An diesem Tag begann Lichtenbergs zweijähriger Kreuzweg durch Verhöre und Gefängnisse, durch Folter und Krankheit.

Otto Ogiermann SJ schreibt in seinem Buch "Bis zum letzten Atemzug":

"Bei der Gerichtsverhandlung hatte Lichtenberg erschüttert bekannt: "Es gibt Stunden, in denen auch ein Priester versucht ist, zu verzweifeln." Das hatte er aufgrund der Erlebnisse in der leichteren Untersuchungshaft gesagt. Jetzt kam alles viel härter. Im Strafgefängnis ging man mit den Gefangenen erbarmungslos um. Nach und nach sollten Gesundheit, Ehrgefühl und Selbstbewußtsein vernichtet werden."
Am 22. Mai 1942 wurde Lichtenberg zu zwei Jahren Gefängnis wegen "Kanzelmißbrauchs und Vergehens gegen das Heimtückegesetz" verurteilt, denn er hatte öffentlich für Juden und KZ-Gefangene gebetet und eine Erwiderung gegen ein besonders gehässiges antisemitisches Flugblatt vorbereitet. In einem Schlußbericht über seine Vernehmungen heißt es, in der menschenverachtenden Sprache der Gewaltherrscher, unter anderem:
"Die abträgliche Einstellung des L. zum national sozialistischen Staat und zu den Maßnahmen, die von diesem getroffen werden, kommt in seiner Vernehmung wiederholt zum Ausdruck. Zu den Maßnahmen des Staates gegen die Juden ... nimmt Lichtenberg wie folgt Stellung: Diese Maßnahmen muß er als katholischer Priester ablehnen, weil sie unchristlich sind und er diese auf Grund des Gebotes: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst mit seinem priesterlichen Gewissen nicht vereinbaren kann. Auf Grund dessen hatte er vor, folgende Vermeldung von der Kanzel zu verlesen: "In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der aus angeblich falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, und sei es auch durch freundliches Entgegenkommen Verrat an seinem Volk übt. Laßt euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt vielmehr nach dem strengen Gebot Jesu Christi: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" lm vorliegendem Falle dürfte ein Verstoß gegen § 130a RSTGB und das Heimtückegesetz vorliegen."
   Unterschrift Kriminalassistent
Am 23. Oktober 1943 sollte Lichtenberg aus der Haftanstalt Tegel entlassen werden. Doch sein Leidensweg wurde noch verlängert. Wegen "Gefährdung der Öffentlichkeit" ordnete die Gestapo die Überführung des Todkranken nach Dachau an. Er starb unterwegs, am 5. November 1943, im Stadtkrankenhaus zu Hof. Sein Begräbnis am 16. November auf dem St. Hedwigs-Friedhof wurde eine einzige Treuekundgebung des katholischen Berlin. Berlin nahm Abschied von einem Mann, dem sein Glauben den rechten, den einzigen Weg gewiesen hatte, ein Weg, den weltliche Gewalt zwar jäh beendete, der jedoch ein Zeichen setzte für die Zukunft. Als die Begräbnisfeierlichkeiten vorüber waren, trat inmitten der Volksmenge ein fremder Herr, der mit Lichtenberg im Gefängnis gewesen war, auf einen Katholiken zu und sagte:

"Sie haben heute einen Heiligen begraben..."

Durch Antrag von Bischof Alfred Kardinal Bengsch wurde am 18.4.1965 der Seligsprechungsprozeß für Dompropst Bernhard Lichtenberg eingeleitet.

Bernhard Lichtenberg darf bald als der erste Selige des jungen Bistums Berlin verehrt werden.


Hrsg.: Bistum Berlin, Wundtstraße 48, 14057 Berlin